Der englische Historiker und Schriftsteller Paul Doherty erweckt den Eindruck einer florierenden Schreibwerkstatt mit diversen Mitarbeitern. Im Gegensatz zu seinem berühmten Vorgänger Alexandre Dumas stammen seine zahlreichen historischen Romane jedoch exklusiv aus seiner Feder, obwohl sie nicht nur unter seinem eigenen Namen, sondern auch unter den Pseudonymen Paul Harding, Celia L. Grace, Ann Dukhtas und Michael Clynes erscheinen. Als Paul Harding beackert er das England des 13. Jahrhunderts mit den Ermittlerfiguren Sir Hugh Corbett (Regierungszeit Edward I.) sowie Sir John und Athelstan (Endphase des Zeitalters Edwards III. sowie Folgejahre). "Das Lied des Dunklen Engels" ist einer von sieben historischen Kriminalromanen mit dem Sonderbeauftragten und Meisterspion Edwards I., Hugh Corbett.
Dieser wird von seinem König im November 1302 an die ostenglische Küste Norfolks geschickt. Dort, wo ein kalter, beißender Wind, der "Dunkle Engel", über Meer, Moore und Dörfer weht, wurde am Strand die enthauptete Leiche eines Mannes und wenig später die junge Frau eines Bäckers am Galgen hängend aufgefunden.
Das Buch weist den für seinen Autor charakteristischen Aufbau auf: Es werden mehrere Handlungsstränge miteinander verknüpft, die alle auf wahre historische Begebenheiten zurückgehen. Ein Aspekt ist König Johns Debakel in der Wash-Bucht, der im Herbst 1216 hilflos mit ansehen musste, wie die Reichsinsignien und sein übriger Schatz beim Überqueren dieses tückischen Gewässers in den Fluten versanken. Über England hinaus geht das Phänomen der Pastoureux, der so genannten Hirtenbewegung, einer christlichen Laienbewegung, die im 13. und 14. Jahrhundert in Frankreich und Westeuropa ihre Anhänger hatte. Einen weiteren zentraler Aspekt bildet der Menschenhandel, den kriminelle Organisationen des christlichen Westens mit dem Orient betrieben und für den das Zeitalter der Kreuzzüge und Sektenbewegungen besonders günstige Rahmenbedingungen schuf.
Die zahlreichen Handlungsstränge haben zur Folge, dass Harding ein umfangreiches Personal auftreten lässt, welches zahlreiche Tatverdächtige für diverse Verbrechen liefert. Zudem ist die Bedeutung der einzelnen Details anzuführen, mit denen die Missetaten verübt werden. Leser, die "mitkombinieren" wollen, müssen eine gewisse Aufmerksamkeit mitbringen. Dies sollte jedoch niemanden von der spannenden Lektüre abhalten.
Abschließend sei noch auf zwei Unebenheiten hingewiesen. Dass der Galgenstrick für die Durchführung eines der Verbrechen mit Pech präpariert worden ist, scheint einzig Corbett aufzufallen und wird dem Leser erst bei der Präsentation der Auflösung des Rätsels mitgeteilt. Dass zwei Spitzbuben ihr Wissen für sich behalten, um es gegen die Begnadigung durch den König einzutauschen, wirkt ziemlich unrealistisch. Hier hätte man sich in der Wirklichkeit wohl kaum auf einen Handel eingelassen und wäre ohne wenig Federlesens zur Folter geschritten.