Nach seinen viel beachteten Romanen über Schubert, Hölderlin, Lenau und Schumann hat der in Chemnitz geborene freie Schriftsteller Peter Härtling jetzt mit "Liebste Fenchel" einen wunderbaren Roman über eine leider nicht sehr bekannte Dame geschrieben. Die 1805 in Hamburg geborene Fanny Hensel, Komponistin der deutschen Romantik, war wohl eine der aufregendsten Frauen der Musikgeschichte, sie stand jedoch zeitlebens im Schatten ihres jüngeren Bruders Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Familie Mendelssohn Bartholdy war eine "Brutstätte der Epoche". Fannys Großvater war der berühmte Philosoph und Vordenker der Aufklärung Moses Mendessohn, Fannys Mutter entstammte der Musikerfamilie Itzig.
Die große jüdische Familie Mendelssohn die mit ihren vier Kindern unter dem Druck des aufkeimenden Antisemitismus in Berlin lebte, bewahrte einen konstanten familiären Zusammenhalt. Fanny erhielt ersten Klavierunterricht von ihrer Mutter. Vielleicht hätte sie im Leben eine größere Chance gehabt ins Rampenlicht zu treten, wenn da eben nicht der vier Jahre jüngere Bruder Felix gewesen wäre, der sich sehr schnell den Ruf eines Wunderkindes erwarb.
Schon früh wird der Fanny klar gemacht, dass sie als älteste Tochter auch für die jüngeren Geschwister verantwortlich ist, denn im 18. und 19. Jahrhundert war es eine Tradition, dass Kinder wie frühe Erwachsene behandelt wurden. So erhielt auch Fanny von ihrem Vater einen Katalog voll Pflichten und Verantwortlichkeiten, der ihr aufzeigte was sie tun durfte und was sie zu unterlassen hatte. Anders als ihrem Bruder Felix, gestattete es der Vater der musikalisch und pianistisch begabten Fanny nicht, aus ihrem Talent einen Beruf zu machen. Doch wir erfahren mit welch unglaublicher Faszination, Cleverness, spielerischen Leichtigkeit und stets gedeckelter Chuzpe es ihr immer wieder gelang ihre Fesseln zu sprengen.
1820 traten Fanny und ihr Bruder Felix in die, von dem mittelmäßigen Komponisten Carl Zelter geleitete, Sing - Akademie von Berlin ein. Fanny komponierte, doch sowohl ihr Bruder als auch der Vater sprachen sich gegen eine Drucklegung ihrer Werke aus. Der Vater schrieb der Fünfzehnjährigen unmissverständlich: "Die Musik wird für Felix vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde sein kann und Soll." Für eine Frau von ihrem Stand war es nicht ziemlich öffentlich aufzutreten und damit Geld zu verdienen. Ihre Bestimmung war es, Ehefrau und Mutter zu sein.
Trotz aller Epochenlast, die Fanny zu tragen hatte, weil eben diese unterschiedlichen Lebenswege vom Vater vorbestimmt waren, war es unendlich rührend, wie diese beiden hochbegabten Geschwister sich geliebt haben. Felix nannte seine Schwester "Liebste Fenchel", in Anspielung auf die Kindertage als sie ihrem Bruder immer Fenchel Tee brachte. Die Nähe die zwischen den beiden herrschte brachte eine Musik hervor, die sich durch große Wortgenauigkeit und Leichtigkeit auszeichnete. Die ersten bekannten Kompositionen haben die Geschwister ihrem Vater 1819 zum Geburtstag geschenkt. Die frühesten der über 470 Werke von Fanny, darunter sowohl Übungsstücke wie anspruchsvolle Klavierwerke, christliche Kantatenkompositionen, Orchesterstücke und Kammermusik, szenische Werke und Orchestermusik erschienen unter dem Namen ihres Bruders Felix.
Ab 1823 veranstaltete die Familie Mendelssohn die berühmten "Sonntagsmusiken", Konzert auf denen vor großem Publikum, darunter häufig auch Hochadel und Zeitgrößen wie List, Heine oder Goethe, vornehmlich Werke von Bach und Beethoven aufgeführt wurden. In den Anfängen führte zunächst Felix seine Werke vor, später nachdem er nach seiner Heirat verschwand übernahm Fanny die Programmgestaltung, wobei sie sich in ihren Kompositionen an die Bach Tradition ihrer Familie erinnerte und in diesem Zusammenhang immer von ihrer Bach Gläubigkeit" sprach. Zeit ihres Lebens pflegten Felix und Fanny musikalischen Austausch und brieflichen Kontakt.
Aus der Perspektive von Fanny erzählt Peter Härtling auch von der Begegnung zwischen Felix und Goethe, der sich als Mentor für diesen ganzen Kulturraum sah. Felix durfte nach Weimar zum Meister Goethe fahren, Fanny musste zuhause bleiben während das Wunderkind Felix vorspielen durfte und sie musste sich damit begnügen, dass Goethe ihr aus der Ferne einen Brief schrieb und ein Gedicht widmete. Goethe war nicht nur von Felix Intelligenz und Wendigkeit hingerissen, sondern auch von seiner Erscheinung. Die Zuneigung der Mendelssohns zu Goethe wurde dann jedoch durch einen Briefwechsel zwischen Zelter und Goethe kaputt gemacht, als dieser den bewunderten Felix als Judenbengel bezeichnete.
Schon in diesem frühen 19. Jahrhundert gab es Krawalle und Pogrome, ein Thema was Härtling ausführlich beschreibt, obwohl zu diesem Zeitpunkt die hehre Musik noch in den idealistischen Bildungs- und Standesschranken verharrte und relativ frei vom Antisemitismus blieb. Das galt eigentlich auf für die Mendelssohns. Doch Abraham Mendelssohn, der der Sing-Akademie nicht nur Manuskripte und Partituren von Bach geschenkt hatte, sondern sie auch von Zeit zu Zeit finanziell unterstützte, konnte nicht den Rufmord verhindern, als Felix nach Zelters Tod als "jüdischer Mensch" für dessen Nachfolge kandidieren wollte.
Wer nach der wunderbaren Lektüre von "Liebste Fenchel" noch mehr über diese hochtalentierte Fanny erfahren möchte dem empfehle ich aus dem umfangreichen Literaturangebot die Bücher "O glückliche, reiche einzige Tage" Fanny und Wilhelm Hensels italienische Reise - ein einzigartiges Kunstdokument aus Musik und Bild-, "Briefe aus Paris" oder "Tagebücher". Musikliebhaber sollten sich den Klavierzyklus "Das Jahr" nicht entgehen lassen, ein musikalisches Jahrbuch von Januar bis Dezember, eine wunderbare Hommage an Bach.