Ein wenig säuerlich musste ich feststellen, dass Desirée Nick mir hier zuvorgekommen ist, denn als ich in den letzten Jahren immer öfter mitbekam, dass Bekannte und Freunde in ihren Beziehungen mitnichten immer so treu sind, wie man es von ihnen erwartet, begann mich das Thema des Seitensprungs zu interessieren. Vornehmlich faszinierte mich daran, dass eigentlich alle mir bekannt gewordenen Beziehungsvarianten so ihre Vor- und Nachteile hatten und mich darin bestätigten: Eine biedere und treue Beziehung macht mich noch immer am glücklichsten.
Leider war ich mit meiner Umsetzung des Themas in Buchform dermaßen langsam, dass ich bis heute nicht mal angefangen habe. Und dann sehe ich, die wunderbar scharfzüngig-pietätlose Frau Nick hat mir mein Thema weggeschnappt. Nach einem kurzen Wutausbruch und ein zwei Tränen konnte ich mich dann aber doch noch berappeln und habe mir gleich das Buch bestellt. Und ganz ehrlich, mittlerweile bin ich froh, dass nicht ich es war, der an diesem Thema gescheitert ist ;-)
Obwohl ich die böse Desirée live sehr schätze und manchmal auch im TV ansehen mag, musste ich schon nach den ersten Kapiteln einsehen, dass diese Frau es nicht versteht, ihr flottes Mundwerk in Schriftsprache zu übersetzen. Vielmehr wird hier deutlich, was die meisten Leute gar nicht wissen oder wahr haben wollen: Nämlich dass Frau Nick unter ihrem Pomp und Schrill recht intelligent ist. Das Problem mit Intelligenz ist aber, dass sie sich oft nur schwer unterhaltsam vermitteln lässt. Entweder man haut auf die Pauke und sorgt für einen Lacher nach dem anderen, oder aber man hält ein sachinformationenschwangeres Plädoyer für das Fremdgehen in Beziehungen. Und hier liegt wohl das Manko des Buches: Man erwartet sich von Frau Nick natürlich einen fiesen Schmähruf auf die doofen Männer, gespickt mit allerlei Zoten und wüsten Beleidigungen. Aber auf dem Gebiet enttäuscht das Buch. Nur allzu oft wirken die eingestreuten Späßchen zum Gähnen aufgesetzt.
Auf der anderen Seite nimmt man ihr die durchaus mit viel Wahrheitsgehalt aufgeführten Schilderungen der Motive für und wider den Seitensprung nicht wirklich ab. Das soll nicht heißen, dass ich einer Frau Nick nicht zutraue, tatsächlich wissenschaftlich zu Werk zu gehen, immerhin hat sie ja als ehemalige Religionslehrerin eine wissenschaftliches Institut besucht. Vielmehr scheint es so zu sein, dass die Autorin eigentlich was Ernsthaftes schreiben wollte, der Verlag aber auf ihre Witzchen bestanden hat, und schon müssen wir als Leser mit zwei Beinen in zwei verschiedene Richtungen ...
Das alles wäre vielleicht nur ein wenig ungeschickt und somit verzeihlich, wenn das Thema an sich mehr hergegeben hätte. An dieser Stelle bin ich noch mal froh, dass ich mich der Sache nun nicht mehr annehmen muss. Denn man merkt schon lange vor der Hälfte des Buches, dass sich alles zu wiederholen beginnt. Immer wieder kommt es zu wilden Ausführungen, die letztlich das Thema aber nicht weiterbringen. Und oftmals hatte ich das Gefühl, dass Frau Nick sich regelrecht gezwungen hat, auf die Schnelle noch ein paar mehr Beispiele zu finden. Spätestens, wenn man über mehrere Seiten Beispiele lesen muss, wie sie erkennt, dass er fremdgeht und in der Liste Punkte aufgeführt werden, wie: Er richt nach Parfum; er hat Lippenstift am Kragen; er trägt seine Unterhose verkehrt herum; seine Krawatte hängt schief; er hat Lippenstift am Hosenbund; er trägt die Socken auf links usw. usf., dann muss ich mich fragen, ob hier nicht mal ein Lektor gnädig hätte eingreifen müssen, damit solche Seitenschinderei auf ein erträgliches Maß hätte reduziert werden können. Dass das nicht geschehen ist, liegt vielleicht daran, dass ein Buch unter 100 Seiten sich nicht so gut verkauft ...
Fazit:
Das Buch ist nicht gerade der Reißer und erscheint mir recht aufgebläht und leider oft recht unlustig. In einer Talkrunde dagegen könnte ich mir die Nick mit dem Thema sehr viel unterhaltsamer vorstellen - besonders mit Eva Herman als Gegenpart ;-) Aber so ist es leider nicht ganz das gewesen, was ich erwartet habe ...