Marguerite Duras schreibt hier nicht einfach einen Roman ... und sie schreibt auch nicht einfach ein Stück Autobiografie ... nein, mit "Der Liebhaber" hat sie ein literarisches Manifest der tragischen (weil "gestohlenen") und zugleich tief erfüllten (weil gegen jede Konvention einfach ausgelebten) leidenschaftlichen Liebe geschaffen, das durch die autobiografisch suggerierte Echtheit der beschriebenen Empfindungen und die zahlreichen Perspektivwechsel sowohl emotional als auch literarisch überzeugen und bewegen kann.
Wer - wie ich - durch Jean-Jacques Annauds gleichnamigen - und auf seine Weise durchaus gelungenen - Film auf Duras' literarische Vorlage aufmerksam geworden ist, findet hier eine neue Dimension dieser Amour Fou zwischen einer 15-jährigen Weißen aus verarmten Familienverhältnissen und einem 27-jährigen chinesischen Millionärserben. Wichtig zum Verständnis des Buches ist aus meiner Sicht hierbei zu sehen, dass "Der Liebhaber" ein Spätwerk der 1914 im heutigen Vietnam (damals "französisch Indochina") geborenen Marguerite Duras war, das 1984 veröffentlicht wurde, zu einem Zeitpunkt also, als die Autorin 70 Jahre alt und die beschriebenen Abläufe mehr als ein halbes Jahrhundert nicht nur in der Vergangenheit sondern - von ihrem Pariser Schreibtisch aus - auch auf einem fernen Kontinent lagen.
Unter diesen Umständen und bei der Madame Duras eigenen philosophischen Tiefe konnte nur ein derart komplexes und widersprüchliches Werk wie das hier vorliegende entstehen: Dem Liebhaber sinnlicher Liebesgeschichten möglicherweise zu wenig sinnlich und durch die fragmentierte, fast schon sprunghafte Erzählweise zu oft den erotischen Faden verlierend, dem autobiografisch interessierten Leser zu subjektiv, introspektiv und immer wieder den Anschein des Abschweifens erweckend. Zugleich hat die Duras mit "Der Liebhaber" nicht nur mich verstanden so sehr zu fesseln, dass ich das immerhin fast 200 Seiten umfassende Buch innerhalb eines einzigen Tages verschlungen hatte, nein, sie erhielt auch den bedeutendsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt für "L'amant", einen Preis, den vor ihr schon literarische Größen wie Marcel Proust und Simone de Beauvoir verliehen bekommen hatten.
Zum autobiografischen Teil ihres Werkes hat Marguerite Duras auf Seite 14 etwas aus meiner Sicht sehr bewegendes geschrieben: "Die Geschichte meines Lebens gibt es nicht. So etwas gibt es nicht. Es gibt nie einen Mittelpunkt. Keinen Weg, keine Linie. Es gibt weiträumige Orte, von denen man glauben macht, es habe hier jemanden gegeben, das stimmt nicht, es gab niemanden." Insofern ist es dann doch eine Liebesgeschichte, eine Liebesgeschichte, die an Universalität auch dadurch gewinnt, dass Duras in den erotischen Momenten in die dritte Person wechselt, die Szenerie also gleichsam wie einen alten Film von außen betrachtet (Seite 63):"Er hat ihr das Kleid vom Leib gerissen, er wirft es zu Boden, er reißt den kleinen weißen Baumwollslip weg und trägt sie nackt zum Bett. Und dann dreht er sich zur anderen Bettseite und weint. Und sie, langsam, geduldig, holt ihn zu sich zurück und beginnt ihn auszukleiden..."
Fazit: Keine leichte Kost, aber ein kraftvoller vitaler Einblick in die Jugend einer Frau, die ihren Vater verloren hat und die sich nun mit 15 einen Liebhaber sucht, mit dem Erfüllung und gemeinsames Leben unmöglich sind. Trotzdem - oder genau deswegen - eine Ermutigung, die Liebe immer dort - und so lange sie da ist - mit aller Entschlossenheit zu umarmen, wie Leonard Cohen in seinem wunderschönen Stück "Love Itself" singt: "I'll try to say a little more: Love went on and on, until it reached an open door, then love itself, love itself was gone."