Kapitel eins.
Anderer Leute E- Mails zu lesen ist ein ruhiges, sauberes Unterfangen. Kein Herumtigern im Raum, kein Öffnen und Schließen von Schreibtischschubladen, kein sprödes Knittern, wenn man den Brief aus dem Umschlag zieht und ihn auseinanderfaltet. Nichts ist zu hören als die Melodie der Einwahl, die Reinheit der folgenden gregorianischen Töne und die süße nihilistische Weise der atmosphärischen Störungen. Die kurze elementare Vibration, die anzeigt, daß die Verbindung aufgebaut ist. Und dann nichts mehr: Keine Tintenkleckse, keine fettigen Fingerabdrücke bleiben zurück. Spurlos rein und wieder raus aus den Dateien. Es könnte das Werk eines Geistes sein, dieser elektronische Lauschangriff. Ich war der Junge in der Familie und daher das Familienmitglied, welches sich mit der größten Wahrscheinlichkeit auf die Computerkultur stürzen würde. Ich war dazu bestimmt, den Haushalt zu verkabeln, ihn für unser Jahrhundert aufzurüsten und die beiden Rechner - einer für den Eigengebrauch, der andere für den Rest der Shaws - am Laufen zu halten. Meine Schwester Elvira war detailversessen und analytisch begabt und hätte mich leicht überflügeln können, wenn sie es nur gewollt hätte. Sie besaß zweifellos die Intelligenz, komplexe Computersprachen zu lernen, zu programmieren, zu hacken. Aber als ich noch zu Hause wohnte, hatte sie bloß Verachtung für die Technik übrig, da sie im Jahr 1862 festsaß, im amerikanischen Bürgerkrieg, bei ihrem Infanterieregiment, dem elften von Illinois. Schon im zarten Alter gehörte Elvira, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, zum harten Kern der Szene, die die Schlachten des Bürgerkriegs nachstellte. So war ich derjenige, der schmollend und bettelnd um irgendeinen Computer flehte - und sei es eine Uraltgurke, ein zwei oder drei Jahre alter Dinosaurier. Aus Pappe baute ich mir eine Nachbildung des ersten Macintosh- Modells, lag häufig eine geschlagene Zeit auf meinem Bett, tippte auf der Papiertastatur herum und tat so, als schriebe ich Programme, die mir Ruhm und Reichtum einbringen würden. Als ich neun war, wandte ich mich mit einem schlichten Bettelbrief an meine Großmutter, die wir alle als scheinbar unerschöpflich sprudelnde Geldquelle immer wieder anzapften. Als das Paket dann auf unserer Türschwelle stand, setzte ich mich geduldig mit meinen Eltern hin und zeigte ihnen die grundlegenden Manöver: Wie man die Maus hin- und herschiebt, wie man die Maustaste anklickt, schaut, Mama und Papa, so geht ein Doppelklick - als seien die beiden Babys, die mit sanftem Nachdruck durch eine normale Entwicklungsphase gestupst wurden. Ein paar Jahre später rüstete ich ernsthaft nach, mit meinem eigenen Geld. Meine Mutter jedoch mußte ich regelrecht zu einem eigenen E- Mail- Benutzerkonto überreden, indem ich ihr eine Menge Spaß und Freude damit versprach. Diese Art der Kommunikation, die für uns heute selbstverständlich ist, stand damals noch ganz am Anfang, und sie mußte sich ganz auf meine Orakelsprüche verlassen. Ich fand das Kennwort für sie, damit sie sich mit ihren Musikerfreunden austauschen konnte, den Trendigen, die auf dem neuesten Stand der Technik waren; so weilte sie unter ihnen, ohne sich ans andere Ende der Stadt begeben zu müssen. Für den Benutzernamen griff ich mir aus ihrem Vornamen Elizabeth das flotte Liza heraus, strich das fade, nichtknisternde Beth und hängte ihr Alter an: Liza38. Es klinge wie der Codename einer blonden Spionin mit ansehnlicher Oberweite, eingesetzt im Ostdeutschland des Kalten Krieges, teilte ich ihr mit. Ich war überzeugt, daß mein zweifellos subtiler Humor schon mit vierzehn, fünfzehn zu seinem vollen dunklen, ironischen Potential erblüht sei. Aber Spioninnenwitze über Flittchen mit großem Busen waren kaum der Stil meiner Mutter. Sie selbst war von der Natur nicht reichlich ausgestattet, und nach meinem Empfinden war sie keine Verführerin. Sie lächelte über meinen Versuch, witzig zu sein: Nicht schlecht, Henry. Obwohl natürlich jeder Name in seinen Ohren vollkommen geklungen hätten, sagten der Pfiff und Schwung ihres Internet-Ichs Richard Polloco, dem Liebhaber meiner Mutter, zu, und er nannte sie oft Liza38. Als ich zum ersten Mal in ihren E-Mail-Ordner geriet, geschah das aus Versehen. Ihr Kennwort kam mir so leicht wie mein eigenes in den Sinn. Ich dachte nicht mal darüber nach. Es war nicht geplant, kein Vorsatz, keine Berechnung dabei. Mein Irrtum wurde mir klar, als sich die Symbole langsam zu den üblichen überschwenglichen Begrüßungsfloskeln aufbauten. Bis in die Fingerspitzen konnte ich den Fehler spüren. »Willkommen«, sagte unser Provider. Meine Hände erstarrten über der Tastatur, Und wieder die Stimme: »Sie haben Post.« Sie haben Post. Was führte das alte Mädchen im Schilde? Dieser Gedanke ging mir wohl durch den Kopf. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, was die erste Mail enthüllte, ja noch nicht einmal, wen meine Mutter eigentlich meinte. Denn während dieser Zeit tauschte sie nicht nur Nachrichten mit Richard Polloco aus, sondern stand in regem Briefverkehr mit ihrer Freundin Jane, der sie tausend Worte zur Erklärung, zur Entschuldigung, zur Rechtfertigung schrieb. Deutlich aber erinnere ich mich an den Brief, einen richtigen frankierten Brief, den ich in dem Kasten im Flur fand, in den wir die Ausgangspost legen. Er fiel mir auf, weil er an ihn adressiert war, an Richard Polloco in Tribbey Wisconsin. Meine Mutter war in der Küche und stellte eine Einkaufsliste zusammen, nur für wenige Minuten mußte sie ihn dort abgelegt haben. Richard Polloco. Ich wußte bereits genug, um zu denken: Ich sollte ihn nicht in die Hand nehmen, und: Ich will ihn nicht in die Hand nehmen, und: Wie kann ich ihn nicht in die Hand nehmen? Ich hielt den Umschlag ans Licht und konnte den Schnipsel Papier darin sehen. Ich konnte den Schnipsel sehen, von der Größe einer Briefmarke, so klein, daß man nicht mehr als ein einziges Wort darauf schreiben konnte. Das war es, was ich dachte: Was hat sie geschrieben, es kann doch nicht mehr sein als ein einziges Wort? Es schien nicht möglich, das eine Wort auf dem Schnipsel im Gegenlicht der Lampe zu erkennen. Du. Das war alles, was sie geschrieben hatte. Aber dieses eine Wort hatte Gewicht. Da wußte ich schon genug, um den Schmerz in diesem kurzen Wort zu verstehen, ihn nachzuempfinden, wenn ich es gewollt hätte.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.