Man lasse sich nicht von dem abschreckenden Buchtitel irritieren: "Liebeszauber" ist keine Indianerversion des "Julia-Romans", sondern eine raffiniert konstruierte Familienchronik. Und zwar eine Familienchronik, wie ich sie liebe: Ausufernd und über die Ufer tretend, hinreißend, skurril manchmal, mehr als einmal traurig und desillusionierend, aber auch hinreißend komisch; stilsicher erzählt, gespickt mit widersprüchlichen Protagonisten, die mehr oder weniger oder auch gar nicht mit ihrem Leben zurechtkommen. Louise Erdrich erzählt die Geschichte zweier Familienclans aus dem und außerhalb vom Chippewa-Reservat, die enger ineinander verzahnt sind, als sie es selber glauben (und auch den Leser erwarten bis zum Schluss Überraschungen). Gleichzeitig geht es um die nicht eben rosige Situation der Indianer heute -- aber Erdrichs Protagonisten sind nicht nur Opfer jahrhundetelanger Unterdrückung, Diskriminierung und kultureller Entwurzelung (das auch), sondern sie manövrieren die Misere auch immer wieder aus, durch Unternehmungslust, Mut, Witz oder auch, indem sie mit dem Klischee spielen.
Die Geschichte wird nicht durchgängig aus einer Perspektive erzählt, sondern von den Figuren selbst, die die entscheidenden Situationen ihres Lebens ganz anders interpretieren als die anderen Beteiligten, oft widersprüchlich, und entsprechend ganz andere Konsequenzen ziehen. Das Leben dreier Generationen zieht an einem vorbei, und es dauert seine Zeit, bis man einen Überblick gewinnt -- und diesen Überblick im nächsten Kapitel wieder revidieren muss, denn die einzige, endgültige Wahrheit gibt es nicht. Man muss sich also zuerst hineinfinden in die verschiedenen Perspektiven, auch in den individuellen Sprachduktus des aktuell berichtenden Protagonisten -- und was einem anfangs wie ein willkürliches Durcheinander vorkommt, gewinnt immer mehr Kontur; es macht Spaß, allmählich den Aufbau des Romans zu durchschauen und die Querverbindungen aufzudecken. Es empfiehlt sich, den Roman gleich noch einmal zu lesen, denn nun erst wird einem vieles Rätselhafte klar, und vieles, das einem anfangs ganz unauffällig vorkam, entpuppt sich in neuem Licht als ganz anders und folgenschwer, und viele Motive entwickeln sich erst allmählich und zugleich überraschend. Man blättert öfter als einmal zurück, weil man auf ein "Stichwort" stößt, nach dem Motto "Da war doch was..." Auch wenn Erdrich nach dem 1981 angesiedelten Eingangskapitel die Geschichte chronologisch (oder besser: scheinbar chronologisch) aufrollt, von 1934 bis 1984, so hat man den Eindruck, dass hier die Zeit ein Eigenleben führt.
Außerdem hat man hier den seltenen Fall neuerer englichsprachiger Literatur, die sorgfältig übersetzt worden ist -- das belegen nicht nur die differenzierten Sprachgewohnheiten der Erzähler. Helga Pfetsch gehört zu jenen deutschen Übersetzern, die deutsch können...
Kurz: Ein Roman, wie geschaffen dafür, an einem regnerischen Wochenende oder während einer langen, langen Zugfahrt gelesen zu werden.