Pressestimmen
«Ein Geniestreich!» (Lea )
Kurzbeschreibung
Klappentext
Elke Heidenreich
«Burkhard Driest ist ein Mann mit vielen Facetten. Er war Schauspeiler, Bankräuber, Jurist, bezirzte Romy Schneider - und schreiben kann er sowieso.»
BRIGITTE
«Das Leben schreibt eben die schönsten Geschichten, und Burkard Driest macht das Beste daraus: spannende Krimis.»
Hamburger Morgenpost
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Sein Hemd hatte Löcher, roch nach Fisch, die kurze Hose war voller Flecken, und sein dunkelblondes, strubbeliges Haar stand in salzverklebten Büscheln vom Kopf ab. Er blickte auf seine nackten Füße, braungebrannt von einem langen Sommer am Strand. Die Gischt drang durch seine Kleider wie feiner Staub und ließ auf seinen Armen Muster aus puderigem Salz zurück. Der Fischer holte das Segel ein, während das Boot mit noch unverminderter Geschwindigkeit auf die Kaimauer zusteuerte. Zwischen den Fincas und Weiden, die sich bis zum Meer hinabzogen, ragte der große Bau mit den wabenförmigen Balkonen heraus. Dort wohnte sie. Er stand auf dem Bug und starrte zu dem obersten Stockwerk hinauf.
»Pass auf! Pass auf! Du musst springen!«
Der Fischer rief zum zweiten Mal, aber der Junge hörte ihn nicht. Der Möwenschwarm, der das Boot den ganzen Tag begleitet hatte, schwenkte ab und zog zurück aufs Meer.
Die Kaimauer war schon bedrohlich nahe, aber er war voller Bilder, Gedanken und Gefühle nur für sie, die Frau, deren Duft er abends mit in den Schlaf und in die Träume nahm. Wenn er erwachte, hörte er ihre Stimme, führte Gespräche mit ihr, die nur unterbrochen wurden, wenn er sich zur Abwechslung mit seinen Freunden traf. Am meisten verfolgte ihn eine Bewegung ihres Kopfes, mit der sie ihr volles, glänzendes Haar zurückwarf. Dabei öffnete sie ihre roten Lippen, lachte, und ihre Augen strahlten.
Schnell an Land, schnell zu ihr. Aber vielleicht würde er auch dort sein - sein Rivale. Er liebte sie, aber der andere besaß sie. Eiskaltes Wasser riss ihn aus seinen Gedanken. Pep hatte mit seinem Ruder aufs Wasser geschlagen, um ihn aus seiner Abwesenheit zurückzuholen.
Der Fischer hatte das Ruder losgelassen und machte Anstalten, ihn in den Hintern zu treten.
»Spring, du musst das Boot abfedern!«
Er sprang.
Die Vorleine traf ihn in den Rücken, und er hörte Pep fluchen, als das Boot mit lautem Krachen die Kaimauer rammte.
Das Pflaster der Straßen war noch heiß von der Septembersonne, und er spürte das Brennen unter den Fußsohlen. Er rannte so schnell er konnte, lief um die Ecken der Häuser und ließ seine Hände nicht einmal die Gitter der Vorgärten streifen. Sein Herz schlug vor Freude immer heftiger, sodass er im Rhythmus seiner Schritte zu singen begann, wenngleich es sich mehr wie ein sehnsuchtsvolles Wimmern oder wildes Jauchzen anhörte.
Als er das luxuriöse Haus betrat und sich im Spiegel der Eingangshalle sah, verstummte er. Er gehörte nicht hierher. Trotzdem - um keinen Preis hätte er nach Hause laufen wollen, um sich umzuziehen.
»Komm morgen Nachmittag«, hatte sie gesagt, und seitdem war seine Ungeduld ins Unerträgliche gestiegen.
Obwohl er schon sieben Jahre alt war, musste er sich im Fahrstuhl recken, um an den obersten Knopf zu kommen.
Die Tür ihrer Wohnung stand offen. Aus dem Innern hörte er eine Stimme - nicht ihre, sondern die eines Mannes. Voller Wut war die Stimme, laut und herrisch. Ihre Antwort war ein helles Lachen. Angst und Neugier kämpften in ihm. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, um einen Blick in das Zimmer zu werfen, aus dem die verwirrende Unterhaltung kam. Die Tür war nur angelehnt. Er schob sie ein wenig auf und erstarrte: Ein lauter Knall hatte seine Bewegung begleitet, und für einen Moment fühlte er sich als der Verursacher, das ungeschickte Kind, das wieder einmal etwas umgestoßen hatte.
Jetzt sah er sie vor dem Bett stehen. Ein Schlag traf das Gesicht, das er liebte. Sie fiel nach hinten, und ein trockenes Knacken begleitete den Aufschlag ihres Kopfes. Gebannt blickte er auf den roten Fleck, der langsam größer wurde.
Unfähig zu atmen, stand er da, während der Mann sich ihm zuwandte.
Kapitel Eins
Ein märchenhafter Sternenhimmel wölbte sich über den Hügeln von San Rafael. Wenn es Nacht wird am Mittelmeer, muss man diesen Himmel genießen, dachte Costa, als er aus seinem Wagen stieg. Es war der letzte Tag im Mai, aber selbst zu dieser nächtlichen Stunde ließ die Temperatur die Hitze des nahenden Sommers ahnen. Myriaden von Insekten umschwirrten die Flutlichtstrahler, die die Arena des Hippodroms taghell erleuchteten und die riesige Schale des Vollmonds verblassen ließen.
Mit bunten Fahnen und Lampions festlich herausgeputzt, glänzte das weiße Oval der Rennbahn wie das Heck eines gestrandeten Ozeandampfers inmitten der ländlichen Olivenhaine und Ziegenherden. Trompeten intonierten eine zackige Melodie, würdig des Besuchs eines Präsidenten, und ringsum erwachten die Hähne aus einem kurzen Schlaf.
»Wir haben die Ehre, Ihnen hier im Hippodrom von San Rafael Miss Annie Lennox ...«, der Rest der Ansage ging im tosenden Applaus der ungeduldigen Menge unter, während die auf allen Billboards angekündigte Sängerin in einem Sulky auf die Rennbahn fuhr.
Costa schob zum x-ten Mal nervös die Manschette seines Hemdes zurück, um auf die Uhr zu sehen. Wo Karin nur so lange blieb? Es war halb zwölf, das Rennen würde gleich beginnen.
Die vergangenen Wochen waren anstrengend gewesen, die Ermittlungen und der Abschluss des letzten Falles hatten ihn und sein Team an den Rand ihres Leistungsvermögens gebracht, und Costa wünschte sich nur noch das lang ersehnte freie Wochenende mit Karin.
Ihr zuliebe war er vor zwei Jahren aus Hamburg in die Heimat zurückgekehrt, wo er im Schoß seiner weit verzweigten ibizenkischen Großfamilie seine Kindheit verbracht hatte. Nicht einen Augenblick hatte er seine Rückkehr auf die Insel bisher bedauert, aber es machte ihn gelegentlich traurig, dass Karin und er so wenig Zeit füreinander hatten. Das lag daran, dass sie allein wohnen wollte und als freie Journalistin ebenso viel zu tun hatte wie er. Die wenigen Momente, die sie zusammen hatten, waren kostbar.
Miss Lennox hatte die Bahn nach einem kurzen Gastspiel bereits wieder verlassen, der Sprecher kündigte den baldigen Beginn des Trabrennens an, aber von Karin war immer noch nichts zu sehen. Mit einem Anflug von Resignation ließ Costa seinen Blick über die gefüllten Ränge schweifen. Die Rennbahn von San Rafael gehörte einem ibizenkischen Eisenwarenhändler, der ihm schon ein paarmal seine Bereitschaft zu Gefälligkeiten angeboten hatte, weil Costas Onkel El Cubano Vorsitzender des Trabrennvereins war. Nur Pferde aus Ibiza, deren Eigentümer ebenfalls von der Insel stammten, waren zugelassen. Eine ziemlich protzige Vorführung katalanischen Reichtums und typisch für seinen Onkel. Von sich aus wäre Costa nie auf die Idee gekommen, dieser merkwürdigen Veranstaltung einen Besuch abzustatten, aber in einer schwachen Stunde hatte ihn Karin doch dazu überreden können, sich das Trabrennen gemeinsam mit ihr anzusehen. Sie fehlte ihm.
Wieder sah er auf die Uhr und ging zu einem der vielen Getränkestände. Er verspürte nicht die geringste Lust, sich allein zu all den VIPs in die Ehrenloge zu setzen: Galizio Bonet, der Chef der Energieversorgung G.E.S.A.; Carlos Matares, der noch von Franco persönlich eingesetzte Gouverneur der Insel, und dessen Tochter Estrella, die er zur Straßenbauministerin gemacht hatte. Auf der anderen Seite Teófilo Ferrer, dem fast alle Mietwagen, Reisebusse und Vier-Sterne-Hotels auf der Insel gehörten; neben ihm der Abgeordnete Pascal Pere, der trotz eines Bestechungsskandals und einer Verurteilung zufrieden lächelte, die eine Hand auf dem Oberschenkel einer üppigen Blondine und mit der anderen jovial Freunde und Bekannte grüßend.
Die Macht. Bis auf Matares, der von ihm Respekt verlangte, ehrten sie alle seinen Onkel Joan Costa Mari, der wegen seines langes Exils auf Kuba El Cubano genannt wurde. Costa hatte Macht immer abstoßend empfunden. Provozierend. Ein Zusammenspiel von persönlichen und politischen Interessen auf einer winzigen Insel. Glückbringend für die Beteiligten, entmutigend für Außenstehende. Peinigend für ihn war, dass seine eigene, weit verzweigte Familie daran...
Auszug aus Liebestod von Burkhard Driest. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Als der Wecker schließlich klingelte, sprang er aus dem Bett und rief Karin an, um ihr den Tod der Malerin mitzuteilen. Offenbar war sie aber noch nicht wach, denn der Anrufbeantworter war eingeschaltet. Sollte er die Nachricht auf Band sprechen? Die Nacht des Einbruchs fiel ihm ein, Karins atemlose Ankunft auf der Rennbahn, wie sie enthusiastisch, fast schwärmerisch von Xenia Leblanc gesprochen hatte und wie sehr sie sich in den letzten Tagen mit deren Leben beschäftigt hatte. Nein, er musste es ihr persönlich sagen.
Ihm fiel sein Gespräch mit Viola Storm ein, und er rief bei der Dienststelle der Policía Local in Santa Eulalia an. Viola Storms Anruf war um 21:42 Uhr eingegangen. Der Beamte fand die Eintragung im Kasten mit den Berichten der letzten Nacht, aber er war es nicht selbst gewesen, der die Beschwerde entgegengenommen hatte. Costa erkundigte sich nach dem Namen und der privaten Telefonnummer des betreffenden Kollegen, weil er mit ihm persönlich reden wollte.
Er erreichte ihn auch, erklärte ihm die Situation und ließ sich den Vorfall genau beschreiben. Die Anruferin sei eine Frau mit ausländischem Akzent gewesen, erklärte er Costa, die ein ziemliches Theater wegen des Baulärms gemacht habe. Und zwar nicht zum ersten Mal. Er selbst habe schon dreimal ähnliche Beschwerden von ihr aufgenommen, und andere Kollegen auch. Costa fragte, ob er den Baulärm durch das Telefon hatte feststellen können, was der Beamte bestätigte. Um ihre Beschwerde zu unterstreichen, habe sie wütend ihr Handy aus dem Fenster gehalten, sodass er die Baggermotoren hören konnte. Auf Costas Frage, warum sie der Sache nicht nachgegangen wären, folgte eine längere Erklärung über Bauvorhaben im öffentlichen Interesse, die von Lärmschutzbestimmungen ausgenommen seien, zumal die Firma des Inselgouverneurs mit der Ausführung betraut war.
Damit konnte er Viola Storm von der Liste der zu überprüfenden Personen streichen.
Costa war gespannt, was die Tatortanalyse nach der Spurensuche vom Vorabend ergeben würde, aber erst einmal traf er auf völlig übermüdete Gesichter. Seine Mitarbeiter waren bis lange nach dem Unwetter in der Finca geblieben, um alles aufzunehmen. Spuren gab es viele, aber es war anzunehmen, dass die meisten vom Opfer selbst, von Viola Storm, von dem Masseur und dem philippinischen Ehepaar stammten, das einmal in der Woche kam, um Haus und Garten in Ordnung zu halten. Seine größte Hoffnung zerschlug sich schnell: Die Kamera über dem Bett funktionierte zwar, aber im entsprechenden Format waren im ganzen Haus keine Kassetten gefunden worden.
"Keine einzige?", fragte Costa.
Elena schüttelte den Kopf.
Die ganze Zeit hatte Costa bemerkt, dass der Surfer begierig darauf wartete, irgendeine Bemerkung loszuwerden. Als er ihm die Chance gab, sagte er: "Leblanc hat gelogen - Mofete war in der Finca. Seine Fingerabdrücke haben wir gefunden."
"Habt ihr den Schalter des Generators untersucht?", fragte Costa.
Die Antwort des Surfers klang beleidigt. "Wofür hältst du mich, Toni? Für einen Anfänger? Natürlich haben wir das gecheckt, aber das raue Gummimaterial lässt keine Analyse zu."
"War sonst irgendetwas Auffälliges an dem Schalter oder der Lichtanlage, ein Wackelkontakt oder irgendwas?"
"Nein."
"Wo habt ihr Mofetes Fingerabdrücke gefunden?"
"An der Säule, auf der die Skulptur stand, mit der Leblanc erschlagen wurde."
"Klingt so, als wäre er in ihrer letzten Stunde da gewesen", sagte Costa, betrachtete den Surfer und dachte, dass das nicht sein könnte, weil Mofete in Untersuchungshaft saß.
"Klingt so, ja, aber nach seinen eigenen Angaben ist das Wochen her, damals, als sie ihm die Fünfhunderter gegeben haben soll."
"Ist alles möglich", mischte sich Elena ein. "Wir sollten ihn genau überprüfen. Ich möchte aber noch mal auf den Buchumschlag zu sprechen kommen, Toni. Was hat es damit auf sich?"
Interessiert betrachtete sie das Beweisstück in der Plastiktüte.
"Eine schöne Frau."
"Wahrscheinlich nichts", antwortete er. "Xenia Leblanc wollte mir ein Buch geben. Im Schlafzimmer lag dieser Umschlag, aber ohne Buch. Jemand hat es zwischen meinem letzten Besuch und dem Mord mitgenommen. Es könnte der Mörder gewesen sein, nur - warum?"
"Dann sollten wir uns ein Exemplar besorgen", schlug der Bischof vor.
Elena betrachtete immer noch das Cover und sagte ohne aufzusehen: "Das wird schwierig. Dieser Verlag ist noch während der Franco-Zeit geschlossen worden."
Costa betrachtete sie verwundert. Elena Navarro schaffte es immer wieder, ihn zu verblüffen. "Woher weißt du das?" (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.