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Liebesleben
 
 
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Liebesleben [Taschenbuch]

Zeruya Shalev , Mirjam Pressler
3.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (97 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Amazon.de Audiobook-Rezension

Diese grandiose Aufnahme aus dem Jahr 2001 gibt es jetzt endlich auch auf CD: Sophie von Kessel liest Zeruya Shalevs verstörend intensiven Roman Liebesleben. Wie ein Wagen mit defekten Bremsen auf einer abschüssigen Straße -- so bewegt sich die junge Israelin Ja’ara immer schneller auf das Desaster zu. Sehenden Auges, aber nicht fähig, es zu verhindern, zerstört sie ihr wohlgeordnetes Leben und beginnt eine Affäre mit einem Jugendfreund ihres Vaters. Mann, Karriere, Selbstachtung -- alles scheinbar egal. Und atemlos verfolgt die Leserschaft diese Amour fou, die selbst der Heldin ein Rätsel bleibt, bis zum bitteren, aber spannenden Ende.

Kraft und Verletzlichkeit in ihrer Stimme vereint Sophie Kessel und wird damit zur kongenialen Interpretin dieser ganz der zerrissenen Innerlichkeit der Ich-Erzählerin gewidmeten Prosa. Die alles niederreißende Anarchie der erotischen Liebe führt am Ende aber auch tief hinein in ein Familiengeheimnis, das Ja’ara nach und nach entdeckt. Da gäbe es viel zu interpretieren für Hobbypsychologen, müsste man diesem Hörbuch nicht so überaus gebannt und atemlos lauschen.

Spieldauer: ca. 261 Minuten, 3 CDs, gekürzte Lesefassung --Christian Stahl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Der Verlag über das Buch

Lernen durch Leiden
Schon während des Lesens stellt sich immer wieder ein Gefühl ein, das zum ruhigen Zustand des Lesens wenig passt: Erschöpfung. Als die Geschichte schließlich doch ein Ende nimmt, woran man mittendrin manchmal schon nicht mehr glauben mochte, ist da vor allem erst mal das Gefühl mitgenommen zu sein. Die Geschichte des ungleichen Paares Ja’ara und Arie entwickelt einen so kräftezehrenden Sog, dass die große Kunstfertigkeit der Schriftstellerin Zeruya Shalev fast völlig hinter der Präsenz ihrer Figuren verschwindet.

Shalev war auch in Israel eine weitgehend unbekannte Autorin, als sie „Liebesleben“ Ende der neunziger Jahre veröffentlichte. Sie hatte bis dahin als Lektorin gearbeitet, einen Erstlingsroman und einige Gedichte geschrieben. „Liebesleben“ war ihr erster Roman, der auch in deutscher Sprache erschien. Das Buch entwickelte sich zum Weltbestseller, übersetzt in 23 Sprachen, darunter auch Chinesisch, Koreanisch und Japanisch, und man fragt sich, ob die Leser in Asien mit derselben Faszination durch die Seiten pflügen, ob sich die Liebesgeschichten oder die Nichtliebesgeschichten, ganz wie man will, in aller Welt so sehr gleichen? In Deutschland jedenfalls hat sich der Roman bis heute etwa 750 000-mal verkauft.

Es gibt Passagen in diesem Buch – etwa wenn Ja’ara im Schlafzimmer von Arie eingesperrt und hungernd darauf wartet, dass er die Trauergesellschaft zu Ehren seiner Ehefrau kurz verlässt, um ihr einen Moment der Aufmerksamkeit zu schenken –, in denen einen die Wahrhaftigkeit von Shalevs Erzählen als Leser fast wütend macht. Selten werden die schriftstellerischen Mittel so sehr von ihrer Wirkung überlagert wie in diesem Roman.

Eigentlich könnte man nach dem ersten Absatz wissen, worauf man sich da einlässt. Aber ahnungslos wie die Ich-Erzählerin Ja’ara dem fremden Mann mit der kühlen Haut in die Falle geht, lässt man sich als Leser von Zeruya Shalev einfangen. Der erste Absatz: ein einziger Satz. Ein verführerisches Gebilde. Es ist auch Shalevs Sprache, die lockt und atemlos fortfährt, die nüchtern beschreibt und doch wie Musik klingt, der man auf Anhieb verfällt.

Arie steht in der Tür zu der Wohnung von Ja’aras Eltern. „Er war nicht mein Vater und nicht meine Mutter, weshalb öffnete er mir dann ihre Haustür, erfüllte mit seinem Körper den schmalen Eingang …“ Es wird nach der Begegnung mit Arie für Ja’ara keinen Weg zurück in die Welt geben, aus der sie kam, nicht in die Rolle ihrer Kindheit als Tochter ihrer Eltern und auch nicht in die als naive junge Ehefrau von Joni.

Als sich Ja’ara einen Weg an Arie vorbei in die Wohnung ihrer Eltern bahnt, nicht ohne dass sich die beiden kurz berühren, ihr Arm streift seinen Arm, da findet sie ihre Mutter im Bett sitzend, voller Wut über den Besuch, der Vater wiederum ist viel glücklicher als sonst. Da sind die Gefühle schon in Schräglage geraten, auch die von Ja’ara.

Was Shalev dann auf den folgenden fast 400 Seiten entfesselt, ist nicht einfach eine Amour fou zwischen einem älteren Mann und einer jungen Frau. Erzählt wird die emotionale Emanzipation eines großen Mädchens, das der Rolle, die ihre Eltern für sie vorgesehen hatten, längst entwachsen war, aber dieser doch nicht entkommen konnte. Der müde, satte, alternde, geile, sie demütigende Arie ist ihr Fluchthelfer. Und deshalb ist dieses Buch alles andere als ein feministischer Roman.

Auf den Vorwurf, dass ihr Roman den falschen Titel trage, weil es zwischen Arie und Ja’ara ja nun wirklich keine Liebe gebe, hat Shalev einmal geantwortet: „Es gibt vielleicht keine romantische Liebe in diesem Buch, aber dafür viele verschiedene Arten von Liebe. Es gibt leidenschaftliche Liebe, kränkende, besitzergreifende, egoistische, mitleidige, unschuldige, lästige … und noch viel mehr. Darum geht es mir.“

Es geht ihr auch darum, dass ein Mensch, der kein „Liebesleben“ hat, sich selber kaum kennenlernen kann. Am Ende malt sich Ja’ara aus, wie sich die beiden einzigen Männer ihres bisherigen Lebens gegenüberstehen werden, erstaunt, dem anderen zu begegnen. Und es ist gewiss, dass es für sie von nun an noch manchen Mann geben wird.

Wie ihre Schöpferin Shalev studiert auch Ja’ara Bibelwissenschaften, und sie ist drauf und dran für Arie ihre berufliche Existenz aufzugeben, ihre Aussicht auf eine Assistentinnenstelle an der Uni, wenn da nicht dieses eine rettende Buch wäre, das von den Menschen kurz vor der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem erzählt. Über dieses Thema will Ja’ara ihre Dissertation schreiben. Dieses Buch, eine geliehene, wertvolle alte Ausgabe, begleitet sie durch die ganze schreckliche Geschichte mit Arie. Sie hat es in ihrer Tasche, als sie auf dem Behindertenklo im Krankenhaus mit ihm Sex haben will; es liegt neben ihr während ihrer Schlafzimmergefangenschaft, und am Ende lässt sie sich mit diesem Buch in der Bibliothek einschließen, der einzige Ort, an den sie da noch gehen kann.

Während Ja’ara den Tempel ihres eigenen Lebens zerstört, tastet sie sich zwischen den Ficks mit Arie in großartigen Erinnerungssequenzen an Kindheits- und Familienerinnerungen heran, die verborgen bleiben sollten. Dabei begreift sie, dass kein Mann und keine Liebe sie retten können, sondern dass sie sich selbst an der Hand nehmen muss.

Dass der Weg zu dieser Erkenntnis durch Leiden vor allem durch Liebesleid führt, scheint eine feste Überzeugung von Zeruya Shalev zu sein. „Liebesleben“ gehört mit „Mann und Frau“ und „Späte Familie“ zu einer Trilogie von Romanen, die dieses Thema variieren. In „Mann und Frau“ geht es um ein Ehepaar, das sich in starrer Harmonie eingerichtet hat und völlig benommen dem Scheitern der eigenen Ehe beiwohnt; in „Späte Familie“ um das schmerzvolle Zusammenfinden von Liebesversehrten.

Weil ihre Romane dem Leben so nahe rücken, wird Shalev immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie autobiografisch sie seien. „Meine Figuren sind erfunden“, hat sie einmal gesagt, „meine Geschichten sind wahr.“ Das macht ihre Bücher so erschöpfend.

Nachwort von Claudia Voigt zu Liebesleben. SPIEGEL-Edition Band 37 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2000
"Das klingt schrecklich, und es wird daraus ein guter Roman," befindet Eberhard Rathgeb, nachdem er zuvor versucht hat, einen Einblick in die Handlung zu geben. "Seit Monika Marons `Animale Triste` der klügste und ehrlichste Roman über die Schlingpflanze Liebe". Flüchtig werfen wir ein paar Blicke auf die vier liebesverstrickten Protagonisten. Aber dazwischen muss man sich immer wieder durch lange Ausführungen des Kritikers über die Liebe und das Begehren kämpfen. Zum Beispiel: "wie das Camus’sche Absurde einen Menschen eckenhart umhaut, so entriegelt ihn das Begehren". .... oder "Die alte Liebe dämmert, das junge Begehren japst". Wir auch.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Buch der 1000 Bücher

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Liebesleben
OT chajej ahawa OA 1997 DE 2000Form Roman Epoche Moderne
Liebesleben erzählt das Wegbrechen der abgesicherten Existenz einer jungen Frau, die einem älteren Mann verfällt. Damit verquickt ist ein alter Familienkonflikt, in dessen Zentrum das frühere Liebesleben der Mutter steht.
Inhalt: Die Ich-Erzählerin Ja’ara, jung, erfolgreich um eine universitäre Karriere bemüht und seit fünf Jahren mit einem netten Mann verheiratet, lernt in der Wohnung ihrer Eltern Arie, einen Jugendfreund ihres Vaters, kennen, der sie sofort durch herausfordernde Männlichkeit und kaltes Selbstbewusstsein fasziniert. Noch bevor es ihr bewusst wird, ist sie ihm verfallen. Sie beginnt eine Affäre mit ihm, die obsessiv und destruktiv ist und für sie demütigend, denn der alternde Mann erwidert ihr Glühen in keiner Weise; seine Sexualität ist wie sein gesamtes Wesen auf eine zynische Weise übersatt, durch kaum etwas mehr zu reizen. Ja’ara sucht trotz der ständigen Demonstrationen seiner Gleichgültigkeit weiter Aries Nähe und verliert dabei zusehends die Kontrolle über ihr Leben. Dieser Verlust äußert sich in der Vernachlässigung ihrer Pflichten an der Universität und in ihrer Ehe, deren eher geschwisterlicher Charakter ihr nun überdeutlich wird.
In einem zweiten Handlungsstrang verdichten sich die Hinweise darauf, dass Arie tiefer in das Schicksal ihrer Familie verstrickt ist als nur durch Freundschaft mit ihrem Vater. Er war einst die große – und erwiderte – Liebe ihrer Mutter, die sich aber gegen ihn (und für den eher blassen Vater) entschied, weil er durch ei-ne Kriegsverletzung zeugungsunfähig wurde. Ja’ara ist somit – durch ihre schiere Existenz – der lebendige Grund für die Trennung ihrer Mutter von Arie.
Das Ende des Romans ist offen, weist aber auf Befreiung hin: Ja’ara fährt zwar zum Flughafen, um ihren Mann abzuholen, bleibt dann aber unerkannt im Hintergrund. Der Dekan stellt ihr ein Ultimatum für ihre Abschlussarbeit, und Ja’ara lässt sich in der letzten Szene über Nacht in der Bibliothek einschließen: ihre erste selbstbestimmte Handlung seit langem.
Wirkung: In Israel stieß Liebesleben wegen seiner freizügigen Szenen auf Kritik, wurde aber trotzdem mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Schnell entwickelte es sich auch zum internationalen Bestseller. Bewunderung gezollt wurde allgemein dem »atemlosen« Erzählstil. Etwas irritiert stellten vor allem ausländische Leser fest, dass Israel in dem Buch nicht einmal als Kulisse deutlich wird. Lobend hervorgehoben wurden auch die zahlreichen Bibelanspielungen und -zitate, die Shalev nicht für ideologische Zwecke, sondern als Metaphern für Zwischenmenschliches nutzt. Vereinzelt konstatierten Kritiker passagenweise Kitsch und äußerten Zweifel (besonders nach Erscheinen von Mann und Frau), ob die Autorin wirklich in der Klasse der hohen Literatur mitspiele oder nicht doch eher dem Genre des unterhaltsamen Frauenromans zuzuordnen sei. M. R. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Dieser Roman gehört überhaupt zum Besten, was ich in den letzten Jahren gelesen habe." (Marcel Reich-Ranicki)

"Zeruya Shalev wird literarische Moden überdauern. Dafür sprechen ihre Klugheit, ihr erzählerisches Raffinement und ihr Mut, das menschliche Leben als das in den Blick zu nehmen, was es ist: ein Rätsel und ein Tanz auf dünnem Eis." (Eckhard Fuhr)

"Das ist eine großartiges Buch, es ist hinreißend, vor allem wegen der unglaublichen Sprache." (Iris Radisch)

Kurzbeschreibung

Die Begegnung mit Arie, einem alten Freund ihres Vaters, wirft das Leben der Ich-Erzählerin Ja'ara aus der Bahn. Vom ersten Moment an verfällt sie der erotischen Anziehungskraft des ebenso rätselhaften wie tyrannischen Egozentrikers. Ja'ara erlebt eine bedingungslose, obsessive und demütigende Liebesbeziehung, die sie dazu bringt, auf alles zu verzichten, was ihr Leben bisher ausgemacht hat: ihre Ehe, ihre Karriere, ihre Vorstellungen von Treue und Anstand.

Umschlagtext

»Ein schöner und mutiger Roman.« Batya Gur »Einer der besten und aufregendster Romane, die in den letzten Jahren in Israel geschrieben worden sind.« Ha'aretz »Ein wirkliches literarisches Fest.« Tel Aviv -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Autorenportrait

Zeruya Shalev wurde 1959 im Kibbuz Kinneret geboren, studierte Bibelwissenschaften und arbeitet als Lektorin. Im Frühjahr 2001 erschien im Berlin Verlag ihr neuer Roman "Mann und Frau". -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Auszug aus Liebesleben. von Zeruya Shalev, Mirjam Pressler. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1
Er war nicht mein Vater und nicht meine Mutter, wes¬halb öffnete er mir dann ihre Haustür, erfüllte mit sei¬nem Körper den schmalen Eingang, die Hand auf der Türklinke, ich begann zurückzuweichen, schaute nach, ob ich mich vielleicht im Stockwerk geirrt hatte, aber das Na¬mensschild beharrte hartnäckig darauf, daß dies ihre Woh¬nung war, wenigstens war es ihre Wohnung gewesen, und mit leiser Stimme fragte ich, was ist mit meinen Eltern pas¬siert, und er öffnete weit seinen großen Mund, nichts ist ih¬nen passiert, Ja'ara, mein Name rutschte aus seinem Mund wie ein Fisch aus dem Netz, und ich stürzte in die Woh¬nung, mein Arm streifte seinen kühlen glatten Arm, ich ging an dem leeren Wohnzimmer vorbei, öffnete die verschlos¬sene Tür ihres Schlafzimmers.
Wie auf frischer Tat ertappt, drehten sie mir die Gesichter zu, und ich sah, daß sie im Bett lag, ein geblümtes Küchen¬handtuch um den Kopf gewickelt, eine Hand an der Stirn, als fürchte sie, das Tuch könne runterfallen, und mein Vater saß auf dem Bettrand, ein Glas Wasser in der Hand, das Glas bewegte sich im gleichen Rhythmus wie er hin und her, und auf dem Fußboden, zwischen seinen Füßen, hatte sich schon eine kleine zitternde Pfütze gebildet. Was ist pas¬siert? fragte ich, und sie sagte, ich fühle mich nicht wohl, und mein Vater sagte, noch vor zwei Minuten hat sie sich prima gefühlt, und sie maulte, siehst du, er glaubt mir wie¬der mal nicht. Was hat der Arzt gesagt, fragte ich, und mein Vater sagte, was für ein Arzt, sie ist gesund wie ein Ochse, ich wünschte, ich wäre so gesund wie sie, und ich blieb hartnäckig, aber ihr habt einen Arzt gerufen, oder? Er hat mir doch die Tür aufgemacht, oder?
Wieso Arzt, mein Vater lachte, das ist mein Freund Arie Even, erinnerst du dich nicht an Arie? Und meine Mutter sagte, warum sollte sie sich an ihn erinnern, sie war noch nicht geboren, als er das Land verlassen hat, und mein Vater stand auf und sagte, ich gehe zu ihm, es gehört sich nicht, ihn allein zu lassen. Eigentlich sah es aus, als käme er ganz gut allein zurecht, sagte ich, er benahm sich wie der Herr des Hauses, und meine Mutter begann zu husten, ihre Au¬gen wurden rot, und mein Vater hielt ihr ungeduldig das Glas hin, das inzwischen schon fast leer war, und sie schnaubte, bleib bei mir, Schlomo, ich fühle mich nicht wohl, aber er war schon an der Tür, Ja'ara bleibt bei dir, sagte er, wofür hat man denn Kinder.
Sie trank den Rest Wasser und nahm sich das nasse Hand¬tuch vom Kopf, ihre dünnen Haare standen hoch wie die Stacheln eines Igels, mitleiderweckend, und als sie ver¬suchte, sie an ihrem Schädel glattzustreichen, dachte ich an den Zopf, den sie einmal hatte, diesen hinreißenden Zopf, der sie überallhin begleitete, lebendig wie eine kleine Katze, und ich sagte, warum hast du ihn abgeschnitten, das war, wie wenn man ein Bein amputiert, hättest du dir mit derselben Leichtigkeit ein Bein abnehmen lassen? Sie sagte, der Zopf hat schon nicht mehr zu mir gepaßt, nachdem sich alles ver¬ändert hatte, und richtete sich im Bett auf, schaute nervös auf die Uhr, wie lange will er noch hier sitzen, mir stinkt es, den hellichten Tag im Bett zu verbringen.
Du bist wirklich nicht krank, stellte ich fest, und sie ki¬cherte, natürlich nicht, ich kann diesen Kerl einfach nicht ausstellen, und ich sagte sofort, ich auch nicht, denn die Stelle, wo unsere Arme sich berührt hatten, brannte, als hätte mich etwas gestochen, und dann fragte ich, warum.
Das ist eine lange Geschichte, sagte sie, dein Vater schätzt ihn, sie haben zusammen studiert, vor dreißig Jahren, er war sein bester Freund, aber ich habe immer gedacht, daß Arie nur mit ihm spielt, ihn sogar ausnützt, ich glaube nicht, daß er überhaupt in der Lage ist, etwas zu fühlen. Schau doch, jahrelang haben wir nichts von ihm gehört, und plötzlich taucht er hier auf, weil Papa etwas für ihn arrangieren soll.
Aber du hast gesagt, daß er nicht hier gelebt hat, sagte ich und fand mich plötzlich in der Situation, daß ich ihn vertei¬digte, aber sie sagte, stimmt, sie haben in Frankreich gelebt, erst jetzt sind sie nach Israel gekommen, aber wenn man will, kann man auch von dort aus Kontakt halten, und ihr Gesicht reduzierte sich auf eine konzentrierte Bosheit, auf ein Dreieck voller Falten und Altersflecken, das trotzdem kindlich wirkte, mit den mißtrauisch zusammengekniffenen Augen, staubig wie Fenster, die man seit Jahren nicht ge¬putzt hat, und der geraden schönen Nase, die sie mir ver¬erbt hat, darunter spannten sich bitter die blassen Lippen, die allmählich immer leerer wurden, als würden sie von in¬nen aufgesaugt.
Was hat er in Frankreich gemacht, fragte ich, und sie sagte, was er überall macht, eigentlich gar nichts. Papa ist über¬zeugt, daß er im Auftrag des Geheimdienstes dort war, aber meiner Meinung nach hat er auf Kosten seiner reichen Frau gelebt, einfach ein Habenichts, der Geld geheiratet hat, und jetzt kommt er her und gibt mit den europäischen Manieren an, die er sich angeeignet hat, und ich sah, daß ihre Augen am Spiegel an der Wand gegenüber hingen und zusahen, wie die Worte aus ihrem Mund kamen, schmutzig, vergiftet, und wieder dachte ich, wer weiß, was sie nicht alles über mich sagen würde, ein Gefühl der Erstickung überfiel mich, und ich sagte, ich muß gehen, und sie stieß aus, noch nicht, versuchte mich festzuhalten, so, wie sie es bei ihm versucht hatte, bleib bei mir, bis er geht, und ich fragte, warum, und sie sagte achselzuckend, wie ein verstocktes Kind, ich weiß nicht.
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