Das Leben der Ich-Erzählerin Ja'ara scheint in wohlgeordneten Bahnen zu verlaufen: Sie ist einigermaßen glücklich mit dem Computerfachmann Joni verheiratet; nicht die große Liebe, aber ein nettes Arrangement. Ihre Dozentenstelle an der Uni ist zwar befristet, aber es besteht Aussicht auf Vertragsverlängerung; das Verhältnis zu ihrer Freundin Schira ist zwar nicht so ungetrübt wie es den Anschein hat, aber das verdrängt sie recht erfolgreich. Ähnliches gilt für ihre Familie: Da gibt es Ungeklärtes, aber man spricht nicht darüber. Man arrangiert sich eben.
In diese Ordnung platzt nun Arie hinein, ein alter Freund von Ja'aras Vater. Ja'ara ist ihm auf der Stelle verfallen, sie weiß nicht warum, ist sich auch im klaren darüber, dass Arie ihre Liebe nicht erwidert. Die nun sich einstellende "Liebesbeziehung" kommt über Ja'ara wie eine Naturgewalt, wie ein Malström -- obsessiv, unausweichlich. Egal wie abstoßend Arie auf sie wirkt, egal wie sehr er sie demütigt: Sie kommt nicht von ihm los, will das auch gar nicht. Ja'ara verzichtet auf ihr bisheriges Leben, die Sicherheiten, die relativ sichere Zukunft. Am Ende verzichtet sie auch auf Arie, aber in ihr "altes" Leben wird sie -- vermutlich -- nicht zurückkehren.
Aha. Eine obsessive, demütigende Beziehung einer jungen Frau zu einem älteren Mann, der sie abstößt und anwidert, aber gleichzeitig auch fasziniert -- ein Schelm, der da nicht sofort an den "Letzten Tango in Paris" dächte.
Doch abgesehen von der Grundkonstellation weist "Liebesleben" nicht allzu viel Ähnlichkeit mit diesem Film auf, in dem die "amour fou" für die Frau letztlich eine Episode darstellt und ihr lediglich eine Art Erkenntnisgewinn beschert. Aufgrund dieser vergleichbaren Grundkonstellation könnte "Liebesleben" eine scharfsinnige, weibliche Gegenposition zum "Letzten Tango" bieten -- eine originelle Idee also; aber auch ein origineller Roman?
Originell k ö n n t e er nämlich sein, dieser Roman. Ist er aber nur in Ansätzen.
Die Ich-Erzählerin Ja'ara erzählt ihre Geschichte gewissermaßen ohne Punkt und Komma, atemlos eben und verwirrt. Allerdings: Dass die Protagonistin des Romans, Ja'ara, nicht weiß, warum sie Arie immer mehr hörig wird, ist das eine. Aber auch die Autorin, Zeruya Shalev, scheint das nicht recht zu wissen, und dementsprechend verwirrend gestaltet sich die Lektüre.
Ausgerechnet der Dreh- und Angelpunkt des Romans ist und bleibt auch dem Leser ein Rätsel. Sicher, der Stil fasziniert anfangs, also ist man erst einmal gebannt. Irgendwann aber reichen Ja'aras innere Monologe nicht mehr aus, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Man denkt nun, gut, geben wir ihr noch ein Kapitel, vielleicht tut sich ja was. Es tut sich aber nichts. Nicht im nächsten Kapitel, nicht im übernächsten, auch nicht im über-übernächsten. Die Handlung wird immer absehbarer, und daran ändern auch die erotischen Szenen nichts -- wenn man sie denn "erotisch" nennen will. Mir fiele eine weniger schmeichelhafte Benennung ein.
Was bleibt, wenn man es irgendwie doch bis Seite 368 geschafft hat? Nicht viel. Man hat ein Buch gelesen, das einen gleichzeitig abstößt und fasziniert, in dem die anfängliche Spannung immer mehr der Langeweile weicht. Wahrscheinlich merkt man sich den Namen der Autorin, denn dass sie nicht schreiben könnte, kann man ihr nicht vorwerfen. Aber ihre Figuren erinnern an Marionetten -- das wäre in Ordnung, wenn die Handlung entsprechend aufgebaut wäre, etwa in der Art einer zeitlosen Parabel. Daber dafür ist die Story nicht stringent genug.
Es bleibt die Erkenntnis: Dann doch lieber den "Letzten Tango in Paris" mit Marlon Brando und Maria Schneider...