Noch tagelang ging mir dieser Film im Kopf umher. Er erzählt uns eine sonderbare Geschichte, die uns fasziniert, weil wir sie nicht ganz verstehen, obwohl sie uns mit ungeheurer Glaubwürdigkeit und Eindringlichkeit vorgetragen wird.
Jara will den 60.Geburtstag ihres Vaters mit einem Picknick auf einem Hügel über Jerusalem feiern. Doch die Eltern kommen nicht. Nachdem sie stundenlang gewartet hatte, hastet sie mit dunklen Befürchtungen zurück zum Elternhaus. Dort öffnet ihr Arie, ein alter Freund des Vaters, der plötzlich aus Frankreich zurück nach Israel gekommen ist. Die Mutter erleidet einen Schwächeanfall, der Vater benimmt sich seltsam.
Nach dieser ersten Begegnung zwischen Jara und Arie fühlt sich das junge Mädchen von diesem alten Mann angezogen. Aries Ausstrahlung hat etwas Herrschaftliches. Wer weiß, ob es das ist oder ein ungestilltes Verlangen, eine Sehnsucht oder was auch immer - Jara läuft Arie hinterher wie ein aufgescheuchtes kleines Kücken. Sie muss ihn sehen, ihn anfassen, sich ihm unterwerfen. Gleich hinter seiner Haustür kommt es zu einer kurzen und archaischen sexuellen Vereinigung. Danach fliegt Jara hinaus. Sie ist von der Kälte gedemütigt, mit der sie behandelt wurde. Doch sie kann nicht mehr zurück in ihr altes eingefahrenes, aber sicheres Leben, gibt ihre Ehe und ihre Universitätskarriere auf und stürzt sich in ein sexuelles Abenteuer mit Arie, das gar keines ist. Die Demütigungen werden schlimmer, der Ekel vor sich wächst. Aber aus irgendeinem Grund, den wir nicht verstehen, kommt Jara nicht von Arie los. Sie könnte wahrscheinlich selbst nicht erklären, was sie antreibt. Öfter als wir es uns selber eingestehen wollen, handeln wir aus einem inneren Antrieb heraus, der nicht immer vernünftig ist. Vielleicht trifft hier eine der vielen Freudschen Spekulationen zu. Oder Jaras Verhalten ist eine genetische Prägung, denn ihre Eltern hüten ein Geheimnis, dass wenigstens Aries Verhalten verständlich macht.
Arie ist angeödet, gelangweilt, nicht mehr vom Leben zu überraschen. Er hat früh etwas verloren, das er nie wieder fand. Doch das erfahren wir erst am Ende des Films. Und mit diesem Ende, das für die junge Frau befreiend sein muss, wissen wir auch, dass diese Geschichte bei den anderen nicht gut enden kann. Sie haben einen schrecklichen Fehler gemacht, der selbst noch die nachfolgende Generation belastete.
Maria Schrader hat mit "Liebesleben" ein hervorragendes Regiedebüt hingelegt. Man muss schon viel Mut und Energie haben, wenn man sich in ihrer Situation einen israelischen Bestseller als Filmvorlage wählt und dann daraus einen deutschen Film mit israelischen Schauspielern in Israel macht. Schon von den ersten paar Szenen an ist man seltsam gefesselt. Man hat das eigenartige Gefühl sehr nahe bei und in dieser Geschichte zu sein. Die übliche Distanz ist weg. Hier wird nicht gefilmt, hier wird uns die Welt aus den Augen Jaras gezeigt. Das ist eine mehr als außergewöhnliche Leistung des Kameramanns Neuenfels, die zu Recht mit dem Bayerischen Filmpreis gewürdigt wurde. Ganz nebenbei lernen wir natürlich auch etwas über das Leben in Israel. Deutsche Augen sehen dieses Leben anders als israelische. Auch das macht den Film zu einem besonderen Ereignis.
Fazit.
Mich hat diese Geschichte, aber vor allem die Art wie sie uns dieser Film erzählt, lange danach noch beschäftigt. Und das passiert mir bei Filmen nicht oft. Mit Liebe hat die Geschichte nur indirekt zu tun. Er erzählt mehr darüber, was passieren kann, wenn die Liebe nicht reicht. Mir hat sich manches im glaubhaft dargestellten Verhalten der jungen Frau nicht erschlossen. Das klingt vielleicht seltsam. Aber das Leben ist voller seltsamer Verhaltensweisen von Menschen, die man nicht wirklich erklären kann.