Die Protagonisten der sieben Kurzgeschichten, die in dem vorliegenden Buch erzählt werden, sind keine Romeo und Julias sondern Alltagsgestalten aus dem unerfreulichen Grenzgebiet zwischen Bedeutungslosigkeit und Skurrilität. Sie haben sich eingerichtet "in einem Milieu wohlgepolsterter, aber unverscheuchbarer Verdüsterung, einer Art ewiger Hochnebelgegend, in der es nie recht wettert und nie recht leuchtet." (S. 163) Ein Prokurist, die Hauptperson der ersten Kurzgeschichte, "hatte sich manchmal eine Geliebte gewünscht", weil man so viel vom Leben schließlich erwarten darf. Halb aus Langeweile, halb aus Launigkeit heraus beginnt er ein Verhältnis mit einer ältlichen Journalistin, die er ohne sonderliche Lust beschläft, wann immer es ihn in den Kniekehlen juckt. Doch bald wird ihm die Nähe der Frau unangenehm, er muss mit Goethe feststellen, dass manche Frauen, wenn sie lieben, an Liebenswürdigkeit verlieren (20): Ein Bergbauer beschreibt in unanachahmlicher Eigendiktion einem Gericht die Geschichte des inzestuösen Verhältnisses zu seinen beiden volljährigen, aber einsamen Töchtern und berichtet, dass beide schließlich so rösig wurden, dass er sich als Vater schließlich erbarmen und seine Töchter beschlafen musste, wobei sie mitunter derart schreien, "als würde eine Sau abgestochen"(S.38). So leben die drei leidlich zufrieden auf der Alm, und alles wäre noch bis zum Ende aller Tage so weitergegangen, wenn nicht ein geiler Dorfgeistlicher sich an einer der jüngeren vergriffen und dabei den Skandal aufgedeckt hätte. Ein Krematoriumswärter zieht den Leichen ihre Eheringe vom Finger, um sich für die Untreue seiner Frau zu rächen und stürzt sich dabei fast selbst ins Verderben, ein Großvater erzählt seinen Enkeln die Geschichte eines Bordellbesuch, ein Fotograph sorgt sich intensiv wegen Kaktutsstacheln in seinem Ellbogen, ehe er von einem Lastwagen überfahren wird - jede der Geschichten hat eine andere Stimmung, einen anderen Plot, und es ist geradezu frappierend wie schnell und vollständig es Adolf Muschg gelingt, den Leser mit wenigen Sätzen mitten in eine neue Lebenswelt hineinzuziehen. Berichtet wird überwiegend aus der Perspektive der Gefoppten, der Absonderlichen, der Spießer, der Verkrampften, wobei man nicht recht weiß, worüber man sich mehr wundern soll: über die meisterhafte Erfindungs- und Einfühlungsgabe des Autors oder über seinen untergründigen, mitunter makabren Humor. Alles in allem keine Liebensgeschichten im üblichen Sinn, sondern literarische Miniaturen von seltener Qualität und Sprachkraft.