In diesen Liebesgeschichten, mit großer Intensität erzählt, werden drei Welten lebendig, die inzwischen versunken sind. Es sind dies die traditionsgeprägte kirgisische Welt zwischen Nomadentum und Sesshaftwerdung in atemberaubender Landschaft, die Welt des frühen, fast naiven Kommunismus zwischen schlichter Begeisterung und sich anbahnendem Unrecht und ersten Unsinnigkeiten, und die Welt der Kraftfahrer, als diese ihre Lastkraftwagen noch ohne Servolenkung und Bremskraftverstärker durchs wilde asiatische Gebirge gen China lenkten, Schwerstarbeiter am Steuer.
Aitmatow fängt diese drei Welten ein, mit poetischer Kraft, elementarer Erzählkunst, intensiver Farbigkeit, ja mit Gerüchen und Klängen. Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat, aber die Erzählungen haben mich schlicht gefesselt, auch wenn sie eher geradlinig angelegt sind, sprachlich knapp, fast lakonisch.
Aitmatow hat das gewisse Etwas eines guten Erzählers.
Manchmal reicht ihm ein kurzer Nebengedanke, um Atmosphärisches plastisch werden zu lassen. Etwa dass manche, noch nicht lange sesshaft gewordenen Dorfbewohner immer zur überlieferten Zeit ihr Nomadenzelt aufbauen, jetzt scheinbar sinnlos im Garten ihres Hauses. Keine Figur wird verklärt, keine Situation idealisiert. So handelt etwa die letzte der drei Erzählungen, Aug in Auge, von der Fahnenflucht eines frisch verheirateten Mannes. Aitmatow erzählt das scheinbar einfach so dahin, und doch kommt die ganze Komplexität und Widersprüchlichkeit dieser Flucht zum Ausdruck, für den Mann, für seine Frau, für seine sterbende Mutter, für die Freunde, für das Dorf, für die Kameraden.
Aitmatow lässt das Erzählte stehen, er fällt keine aufdringlichen moralischen Urteile im Stil des sozialistischen Realismus, wie es bei ihm auch keine Helden der Arbeit im Sinne der Staatsdoktrin gibt, so dass verständlich wird, warum die damalige Zensur zwar irritiert war, Aitmatow dennoch hoch dekoriert wurde, und dass er zugleich wichtige Ämter in der Sowjetunion bekleiden konnte, und dennoch den Sozialistischen Realismus ausdrücklich abgelehnt hat. Bis er schließlich zu einem Motor der Perestroika wurde.
Von dieser Zeit der Perestroika sind diese drei wunderschönen Liebesgeschichten noch weit entfernt, erzählen sie doch von heute längst versunkenen Welten. Aber damit ist Aitmatow gelungen, diesen Welten, und vor allem ihren Menschen, ein eindrückliches Denkmal zu setzen, das den Leserinnen und Leser in tiefer Erinnerung bleiben wird.