Drei Liebesgeschichten, ohne Happy End, trägt Hannelore Hoger, eine der bedeutendsten deutschen Schauspielerinnen hier vor. Die Intensität, mit der sie die Texte, deren gemeinsames Thema Einsamkeit, Versagen und verlorene Zeit ist, interpretiert, kommt ohne laute oder grelle Effekte aus. Für die schmerzliche Erkenntnis, dass vieles nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, findet sie den treffenden Ton. Dass sie die Zwischentöne und feinen Nuancen dieser Erzählungen meisterhaft beherrscht, hört man ganz schnell. Das Ergebnis: Man gibt sich voller Aufmerksamkeit einer erstklassigen Interpretation klassischer Kurzgeschichten hin!
In Sylvia Plaths Geschichte In den Bergen lässt die Sprecherin die Atmosphäre von Kälte, unüberbrückbarer Distanz und nachhaltender Verletzung hören. Zwischen der Frau und ihrem kranken Freund, den sie in den Bergen in einem Sanatorium besucht, kann keine Nähe mehr entstehen; der Bruch zwischen beiden, ausgelöst durch sein Betrügen, kann nicht mehr gekittet werden
Plath gilt als brillante Verfasserin von Lyrik und Prosa. Die seelischen und psychischen Abgründe, die sie beschreibt, hat sie wohl selbst erlebt. Überfordert von den eigenen Ansprüchen an sich und enttäuscht von ihrer gescheiterten Ehe, nahm sie sich 1963 mit dreißig Jahren das Leben.
Auch in der Kurzgeschichte Nomade von Carson McCullers arbeitet Hannelore Hoger das beängstigende Gefühl der Vergänglich- und Einsamkeit leise, aber nachhaltig heraus. Die Beerdigung des geliebten, aber irgendwie vergessenen Vaters, vor allem aber die Begegnung mit der Ex-Frau und ihrem geordneten! Familienleben mit Kindern lösen bei dem 38-jährigen Protagonisten eine Krise aus. In Hogers einfühlsamer Lesung glaubt man seinen leisen Neid, die Reue und Sehnsucht zu spüren. Die Zeit, die sich nicht mehr zurückdrehen lässt, kommt in einer von seiner Ex-Frau gespielten Bach-Melodie sehr schön zum Ausdruck. Sie begleitet ihn zurück nach Paris, dahin wo er zu Hause sein sollte!
Carson McCullers, 1917 in Columbus (Georgia) geboren, wollte eigentlich Pianistin werden. Ihr Startkapital von 500 Dollar verschwand jedoch, gleich nachdem sie in New York angekommen war! So musste sie sich durchschlagen. Anerkennung brachte ihr das Schreiben: ihr Erstling Das Herz ist ein einsamer Jäger wurde gleich ein Erfolg. Das Leben der begabten Frau war von Krankheit und Einsamkeit geprägt. McCullers starb 1967 in New York. In ihrer Kurzgeschichte Ein Baum, ein Felsen, eine Wolke erzählt ein alter Mann einem Zeitungsjungen von der Liebe. Die Sprecherin lässt in unserem Kopf den verwirrten Mann, der elf Jahre seiner Frau nachjagte lebendig werden. Ihre Interpretation vermittelt die Einsamkeit des Alten, der an der Liebe zerbrochen ist, und dessen System darin besteht, alles fremd zu lassen und alles zu lieben. Die Leere, die den Mann umgibt -- in der Stimme Hannelore Hogers klingt sie weiter. Und der Junge, dem der alte Mann das alles erzählt, versteht ihn nicht
Fazit: Drei Liebesgeschichten von zwei großartigen Schriftstellerinnen! Ein Lob an die sensible, sehr professionelle Lesung von Hannelore Hoger, die hier mindestens genauso beeindruckend ist wie als Kommissarin Bella Block!
Lesung, Spieldauer: ca. 78 Minuten, 1 CD. Mit Booklet. -- culture.text