Sehr fein und gediegen in der Aufmachung ist ein Büchlein erschienen, das von der 1969 verstorbenen Autorin Louise de Vilmorin verfasst wurde.
Es handelt sich um eine außerordentliche Liebesgeschichte.
Zwei Freundinnen, die eine verheiratet, die andere inzwischen ohne Gatten, zeigen sich von sehr unterschiedlicher Natur. Die verheiratete Catherine Valle - Didier gilt als verschlossen, vornehm und schön, ihre Freundin Marise Lejeand dagegen führt ein offenes und ungebundenes Leben. Beide sind hübsch und kommen aus guten und angesehenen Familien. Wie es der Zufall will, treffen sie sich am Meer in der Normandie, wo beide Erholung suchen.
Dort quartieren sie sich auf Einladung bei der reichen amerikanischen Großmutter von Peter von L. auf deren Besitz ein.
Peter genießt einen Genesungsurlaub im Hause seiner Großmutter, die unmittelbar nach dem Beginn des Ferienabenteuers der drei Protagonisten nach Amerika abreisen musste. Peter ist ein stattlicher junger Mann, der sechs Jahre im Krieg gekämpft hat und seiner Geliebten nachtrauert. Ihr gestrenger Vater hat einer Verbindung mit dem verarmten Adeligen bisher nicht zugestimmt.
Die beiden Freundinnen versuchen schon bald, die Gunst des jungen Mannes zu gewinnen, und es entbrennt ein feuriger Rivalitätskampf zwischen den blühenden jungen Frauen, die so um die vierzig Jahre alt sind.
Das großmütterliche Gut in der Normandie bietet Natur, landschaftliche Weite, man kann der Reitkunst frönen und die drei Protagonisten teilen Kurzweil und Abwechslung miteinander. Das ist eine einfache Geschichte, wie sie tausendfach vorkommt. Das altmodische Ambiente, die Atmosphäre von Neugierde, Konkurrenzkampf und einem Müßiggang von ungeahnter Ungebundenheit machen die Liebesstudie zu einer ganz besonderen.
In reizvollen Details beschreibt die Autorin, mit welchen Mitteln die Damen sich zur Verführung antreiben. Beide versuchen, die andere auszustechen in der Bewerbung um die Gunst des jungen Peter von L. Sie tauschen die Rollen: einmal forsch und frech die eine, dann wieder besonnen und zurückhaltend die andere, und das immer im Wechsel. Und was macht der junge Herr?
Nun, er fühlt sich zur einen wie zur anderen hingezogen, ohne dass es ihm ernst wäre damit. Der Leser ist mit den beiden Damen in ein Geheimnis eingeweiht, das seine ferne Geliebte betrifft. Dieses Geheimnis gibt der Geschichte einen delikaten Anstrich und eröffnet Perspektiven, die jeden reizen, das Geheimnis aufzudecken.
Nachdem die Rivalität ungeahnte Folgen für die Freundschaft von Catherine und Marise zeitigt, tritt die Tochter von Catherine in Erscheinung und das Verwirrspiel um die Liebe des Peter von L. ist komplett.
Einmalig ist die vornehme und qualifiziert Art, mit der die Geschichte entwickelt wird. De Vilmorin ist eine sehr feine und überzeugende aber verwickelte Liebesgeschichte gelungen. Hier geht es nur um die Liebe und ihre Spielarten, ohne dass der Alltag stört. Alleine das Ränkespiel der Frauen und die Sehnsucht nach der erfüllenden Liebe stehen im Mittelpunkt der Handlung.
Louise de Vilmorin war einst mit Saint Exupery verlobt, mit Malraux liiert und bewirtete viele angesehene Künstlergrößen ihrer Zeit. Diese Autorin wieder entdeckt zu haben, ist dem Verlag Dörlemann zu verdanken. In der ausgezeichneten Übersetzung von Patricia Klobusiczky liegt hier ein kleines Meisterwerk vor, das man wärmstens empfehlen kann.