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Liebesgedichte von Marina Zwetajewa
Mit neunzehn lernt Marina Zwetajewa den Mann fürs Leben kennen, aber die richtig schlimme Liebe kommt erst später. Sie kommt immer wieder, etwa zehn Jahre lang, unter vielen Namen und zwei Geschlechtern. Mit zweiunddreissig ist alles schon wieder vorbei, denn verliebte Seelen sind unbeständig, und «Auch der Körper ist nicht ewig!» Hochschwanger zum drittenmal, nimmt sie Abschied von der Liebe. Da hat sie jedoch das ärgste Leben noch vor sich: Emigration nach Paris, Rückkehr in die Sowjetunion, Terror und Selbstmord.
Als die letzte Verliebtheit zu Ende ist, glaubt sie noch, es könne helfen, «Dass jeder leis und still sich hält / am andern Ende dieser Welt». Viele Jahre später, als die Liebe nur noch in den Gedichten vorkommt und selbst die Hoffnung auf ein erträgliches Leben vorbei ist, kann sie auch das geduldige Stillhalten nicht mehr trösten:
«Doch in der Brust steckt mir und frisst
Der Schmerz, der älter als die Liebe ist.»
Der Schmerz das Du
Das war eineinhalb Jahre, bevor sie sich erhängt hat. Aber nicht immer war der Schmerz ein so finsterer Herrscher im Leben von Marina Zwetajewa: «Der Schmerz ist das Du in der Liebe», schreibt sie in besseren Zeiten in einem Brief, und wohlgemerkt, «man braucht dieses Wohlgefühl nicht von jedem anzunehmen.» Zehn Jahre lang hat die Dichterin es grosszügig angenommen, nicht von jedem, aber oft und gerne. Davon zeugt eine Auswahl von Liebesgedichten, fast alle aus den Jahren 1914 bis 1924, die nun grossteils erstmals auf deutsch erschienen sind, mit zehn Aquarellen von Leiko Ikemura, die feinsinnig das Buch und die Liebe illustrieren. Wenn die Originaltexte auch so schön sind wie die Übersetzung von Ralph Dutli, dann muss man die Russen noch mehr als bisher um die ganze Dichterin beneiden.
Mit sechs schreibt sie ihre ersten Gedichte, in Russisch und in Deutsch. Mit sechzehn reist sie allein von Moskau nach Paris. Mit zwanzig hat sie schon einen Ehemann, eine Tochter, zwei publizierte Gedichtbände, und das Leben ist noch ruhig. Erst 1914 bahnt sich die «erste Katastrophe» an, ihr erster Liebeskrieg: Sie verliebt sich in die Dichterin Sofija Parnok, ist zunächst hingerissen und dankbar «Für diese Ironie, den Reiz, den neuen: / Sie sind kein Er.» Doch kaum zehn Tage später hilft diese reizende Neuheit nicht mehr gegen die altbewährte Eifersucht auf eine mögliche Rivalin, auf eine Schlittenfahrt im Pelz. Der Rest dieser schweren zwei Liebesjahre ist der übliche Krieg von Lust und Leid, von Wünschen, Träumen und Schwüren. «Sollte ich dich je betrügen, / Hör, was ich dir sag:» Es ist das alte Lied, aber sie sagt es in so trotzig schönen Versen, die (auch mit deutschem Reim) ihre Wirkung tun und den möglichen Betrug versüssen.
Ihr nächster Gott ist Ossip Mandelstam, der «seltsame Bruder», dem sie 1916 ihr Moskau zeigt und schenken will. Es ist eine Gedichtliebe, die sie mit diesem «Jungen» verbindet; ein halbes Jahr lang schreiben sie einander Verse und Komplimente, vom brennenden Mund und von einer «blinden Nacht». Einmal hat Marina Zwetajewa eine unheimliche Vision: «Mit nackten Händen packen sie dich», schreibt sie, «Von deinen Schreien wird die Nacht weithin hallen!» als hätte sie die Mörder gesehen, die Mandelstam zwanzig Jahre später quälen würden. Zum Schluss dieses gedichteten Strohfeuers schreibt sie noch einmal von seinen schwarzen Augen, die den Blick verschlangen, und von ihren Seelen, die ineinanderflossen. Aber da verwendet sie schon die Grammatik des Verzichts, die Vergangenheit und dritte Person. Neun Monate später kriegt sie wieder eine Tochter von ihrem Ehemann.
Mit Sergei Efron ist sie fast dreissig Jahre verheiratet. Er lebt neben ihr her, oft auch abgewandt, einmal sogar fünf Jahre von ihr durch den Bürgerkrieg getrennt. Keine ihrer flammend sinnlichen Verse sind an ihn gerichtet, denn unter Leidenschaft versteht sie etwas anderes, vor allem den entfesselten Eros, die «freie Liebe, die heimliche Liebe, die nicht im Pass vermerkt ist». Und doch ist sie mit ihm am innigsten verbunden. Jedesmal wenn es um das wirkliche, das schäbige Leben geht «und ein Abgrund gähnt», dann ist er ihr Einziger. Ab dem Herbst 1917 kämpft er gegen die Bolschewiken, und sie schreibt in einem Brief an ihn: «Wenn Gott das Wunder wirkt und Sie am Leben lässt, werde ich Ihnen folgen wie ein Hund.» Dieses Gelübde hat sie lebenslänglich eingehalten, folgsam und blind selbst vor dem stalinistischen Horror. Es sind dies wahrere Worte als in so vielen poetischen Versen, der folgenschwerste Satz in ihrem ganzen Liebeslebenslauf.
Hunger und Terror
Die Not lehrt zwar beten, aber sie hält Marina Zwetajewa nicht ab, sich immer wieder zu verlieben. Hunger und Terror schmälern nicht ihre Liebeswillen. Für das Moskauer Künstlertheater schreibt sie Stücke, für einen Schauspieler den Gedichtzyklus «Der Komödiant». Sie lernt eine Schauspielerin kennen, mit der sie eine langjährige Beziehung haben wird. Und im Frühjahr 1920, ihre kleine Tochter war gerade an Unterernährung gestorben, schwärmt sie für einen Maler: «Du bist aus Stein, ich aber singe, / Du bist das Denkmal, und ich fliege.» Da ist ihr Mann schon seit zweieinhalb Jahren verschollen; aber sie hat ihn nicht vergessen. Mit 29 dichtet sie ein Lob auf die Liebesgöttin; zwar «Hab ich von meiner Jugend mich getrennt», aber noch nicht von den erotischen Sinnen.
Im Mai 1922 emigriert sie nach Berlin, ein halbes Jahr später nach Prag, wohin ihr Mann sich nach dem Bürgerkrieg gerettet hat; ihrem Schwur gemäss folgt sie ihm «wie ein Hund». Aber noch ist sie nicht von der Leidenschaft geheilt. Im Zyklus «Kabel» besingt sie ihre (eher imaginäre) Liebe zu Boris Pasternak, schwärmt sie für die Telegrafenmasten, die ihre «noch ungedruckten Seufzer» nach Moskau tragen. Wenig später hat sie in Prag wieder eine hautnahe und greifbare Liaison, die sie ekstatisch und ironisch ins Religiöse verlegt im dreiteiligen Gedicht «Magdalena». Sie ist das «Luder mit den Feuerlocken», der Geliebte ein Christus, der ihre «Nacktheit» nicht verschmäht und dem Eros seine Auferstehung verdankt. Diese letzte grosse Passion dauert ungewöhnlich lange; selbst ein Jahr später ist sie noch nicht ganz verheilt wie man sieht in dem spöttischen «Versuch, eifersüchtig zu sein», ein Gedicht, in dem sie giftet gegen eine Rivalin, eine von «den Dutzendfrauen». Sie ist nun 32 und im achten Monat schwanger, hat noch fünfzehn Jahre Exil vor sich, aber nicht mehr viele Liebesgedichte.
Im Herbst 1925 zieht sie nach Paris, wo sie arm und isoliert am Rand der russischen Emigrantenszene dahinlebt. Ihr Mann hatte inzwischen die politische Seite gewechselt und sich dem sowjetischen Regime angedient, in der Hoffnung auf Gnade und eine Rückkehr in die Heimat. Zermürbt von den Jahren der Not, folgt sie ihm im Sommer 1939 nach Moskau, noch einmal «wie ein Hund», in die perverse kommunistische Utopie und Falle. Drei Monate später wird er verhaftet; sie sieht ihn nie mehr in den letzten zwei Lebensjahren. «Die Liebe ist älter als ich», schreibt sie. Im Sommer 1941, sechs Wochen bevor ihr Mann erschossen wird, tötet sie sich, denn der Schmerz ist schon lange kein «Wohlgefühl» mehr.
Franz Haas -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
»Von den vielen Zetteln und Gedichten, die geblieben sind, hat die in Zürich lebende Autorin Ilma Rakusa eine kleine Auswahl veröffentlicht. Es ist Zeit, Marina Zwetajewa zu lesen.«
(Christine Richard Basler Zeitung )
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