Die nachstehende Rezension maßt sich nicht an, die Qualität der Dichtung Hafis' zu beurteilen, sondern beschränkt sich auf die Qualität der Übersetzung, und hier mangels Kenntnisse des Persischen durch Vergleich zu anderen Übersetzungen dieser Gedichte auf die Beurteilung ihrer Effektivität als Lyrik im Deutschen.
Jeder weiß, dass die Übersetzung von Lyrik immer höchst problematisch ist, ein im Grunde genommen unmöglicher Balanceakt zwischen Meter, Reim, Wortgetreue und Lautmalerei. Die von Cyrus Atabay vorgelegte Übersetzung scheint sich eng am persischen Original zu orientieren, das heißt, dass sie großen Wert auf getreue und behutsame Übersetzung der Worte und möglicherweise - dies entzieht sich allerdings völlig meiner Kenntnis - auf lautmalerische Effekte legt. Reim und Versmaß müssen dahinter zurückstehen, das Resultat ist somit ein sehr modernes, vergleichbar mit zeitgenössischer freier Dichtung.
Wie man zu diesem Resultat steht ist letzten Endes eine Frage des persönlichen Geschmacks, erscheint mir aber insofern nicht ganz glücklich, dass in der vorliegenden Übersetzung der im Original vorhandene, in einem altmodischen Sinn lyrische Charakter von Hafis Gedichten verloren geht. Will man Hafis aber zum Genuss lesen und nicht studieren, ist eine freiere, weniger wortgetreue, dafür aber lyrischere Übersetzung meines Erachtens vorzuziehen; über Atabays Übersetzung allein dürfte sich der Zauber Hafis nicht jedem Leser erschließen.
Dieses Buch sei daher in seiner behutsamen und mit viel Sprachgefühl vorgenommenen Wortwahl jenen empfohlen, die Hafis bereits kennen und schätzen und über eine eng am Original orientierte Übersetzung tiefer in ihn eindringen wollen; ihnen wird es, speziell im Vergleichen von Übersetzungen, exzellente Dienste leisten. Wer allerdings gerade erst beginnt, Hafis zu lesen, sollte diese metrisch freie Übersetzung meines Erachtens aber eher meiden.
Lobend erwähnt sei noch die sehr schöne Ausstattung des Buches mit persischen Miniaturen.