ilmann Haberer, Sonntagsblatt, 20. Januar 2008
Eine Biografie, die stracks auf Kriminalität, Drogen oder Prostitution zulaufen könnte. Aber Hanne "hat ihrem Leben, das ihr wenig Chancen gegeben hat, zwei Gefährtinnen abgetrotzt: die Malerei und die Literatur". So formuliert es Asta Scheib, die berühmtere Schriftstellerkollegin, in ihrer Laudatio bei der Vorstellung des Buches. Ihre schrecklichen Erlebnisse hat Hanne Wickop in Kunst verwandelt. Schon als Kind hat sie alles, was sie erlebte, sich selbst erzählt, Geschichten daraus gemacht ... 45 fiktive Briefe an ihren Vater sind verflochten mit knappen Skizzen aus ihrer Kindheit, eindringlich und ohne Pathos erzählt. "Lieber Vater" heißt diese "Psychoanalyse per Buch". Man kann nicht teilnahmslos bleiben, wenn man die Geschichte liest. Und man kann diese Frau nur bewundern, die in ihrem Leben gezeigt hat, dass - wie sie ein bisschen selbstironisch formuliert - "man auch mit so einer Kindheit was werden kann".
Kurzbeschreibung
Lieber Vater ist das eindringlich geschriebene Schicksal eines Heimkindes. Es ist ihre eigene Geschichte, über die die Schriftstellerin Hanne Wickop in diesem Buch berichtet. Ohne Larmoyanz und Verbitterung schreibt sie über erlittene Einsamkeit, Enttäuschungen und Verletzungen. Zugleich erzählt sie von der erstaunlichen inneren Stärke eines Kindes, das sich eigene Räume und Glücksmomente für ein lebenswertes Leben schafft. Als unwertes Leben kommt Hanne Wickop 1939 auf die Welt die Zwangssterilisation ihrer Mutter, deren Lebenswandel nicht den nationalsozialistischen Vorstellungen der deutschen Frau entspricht, erfolgt erst kurz nach ihrer Geburt. Ihr Vater hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits der Verantwortung entzogen. Im Alter von vier Jahren kommt sie wegen Vernachlässigung das erste Mal in ein Heim. Mit acht Jahren kehrt sie für kurze Zeit zurück zu ihrer Mutter, wo sie jedoch nicht die erhoffte Geborgenheit erwartet. Sie wird vom Lebensgefährten ihrer Mutter sexuell missbraucht. Wieder wird die kleine Hanne in einem Heim untergebracht wo sie bis zum Ende ihrer Schulzeit bleibt und erleidet dort dasselbe Schicksal wie so viele Kriegs- und Nachkriegskinder: Verunsicherung, Einsamkeit, Vernachlässigung. Auch der leibliche Vater verspricht keine Rettung. Immer wieder sucht sie den Kontakt, der aber nur selten zustande kommt. Und doch ist es dieser Vater, der Jahrzehnte später seiner Tochter hilft, ihre Erlebnisse im Rückblick zu verarbeiten indem er, auch wenn er bereits tot ist, zum Ansprechpartner wird. 53 kurze Briefe an den Vater bilden den Ausgangspunkt für Hanne Wickops Schilderungen, Rückblicke und Momentaufnahmen, in denen ohne Anklage von dem ergreifenden Schicksal eines Kindes erzählt wird, das trotz aller Verletzungen seinen Weg in ein positives Leben macht.