Es beginnt mit einem Kuss, der eigentlich gar keiner ist. 1931 marschieren in Leipzig schon SA-Leute auf, dem jungen Fotografen André "Bandi" Friedmann sind sie zutiefst suspekt, und ihm gelingt es, einen Überfall auf eine wehrlose Frau mit seiner Kamera festzuhalten. Um den Nazischlägern nicht aufzufallen, verbirgt er die Kamera und drückt dem jungen Mädchen, das entsetzt in der Nähe steht, einen stürmischen Kuss auf die Lippen.
Gerta Pohorylle, "höhere Tochter" aus einer Fabrikantenfamilie, ist gerade aus ihrem entsetzlich langweiligen Schweizer Pensionat zurückgekehrt, nachdem sie dort für einen Skandal gesorgt hat, und reist bald zu ihrer Tante nach Paris, die dort beste Kontakte zur Hautevolée hat und ihre Nichte am liebsten bestens verheiraten möchte.
An den Leipziger Fotografen, der inzwischen bei seiner Fotoagentur eine ganz ordentliche Karriere hingelegt hat denkt Gerta ab und an noch - bis er ihr in Paris wieder über den Weg läuft, wohin er vor den erstarkenden Nazis schließlich geflohen ist ...
Die beiden Protagonisten sind nicht erfunden, sie wurden als Robert Capa und Gerta Taro mit erschütternden Kriegsfotografien weltberühmt. Mirjam Wilhelm setzt den beiden mit diesem wunderbaren Roman ein würdiges Denkmal und stellt die beiden so glaubwürdig dar, als hätte sie sie persönlich erlebt. Beide sind hitzköpfig, risikofreudig und willensstark. Bandi ist ein wahrer Lebenskünstler, der sich immer irgendwie durchwurschtelt, und mit Hartnäckigkeit und Einfallsreichtum immer wieder Gertas Herz zu gewinnen sucht. Ganz ohne Kitsch erzählt Mirjam Wilhelm die Geschichte dieses mutigen Paares, das sich in den Dienst der Wahrheit gestellt hat, wobei sie sehr viel Raum lässt für die Entwicklung ihrer Figuren.
Die bekannten Orte, an denen der Roman spielt, die Menschen, mit denen die beiden zusammenkommen (darunter zahlreiche Künstler und Kultfiguren wie Ernest Hemingway, Anaïs Nin oder Sylvia Beach) und die historischen Ereignisse, die den Hintergrund bilden, bleiben nicht bloß Staffage und Namedropping, sie werden richtig lebendig.
Dieses Buch berührt, erschüttert, nimmt den Leser mit hinein ins Leipzig und Paris der 30er Jahre und in den spanischen Bürgerkrieg und ist eins dieser seltenen, herrlichen Bücher, die man langsam und häppchenweise lesen möchte, damit sie nicht so schnell zu Ende gehen.