Liebe Verkäufer dieses Filmes, geht es noch??? Erstens einmal schreibt ihr eine komplette Inhaltsangabe inclusive der Auflösung der Geschichte auf das Cover, und dann druckt ihr auch noch einen Lexikonauszug ab, wonach dieser Film teilweise oberflächlich bleibe. Welcher Marketing"experte" hat denn da geschlafen?!? Da fühlt sich der Rezensent doch gleich bemüßigt, den Oberlehrer zu geben und munter dagegenzuhalten. "Lieben Sie Brahms"? ist ein ergreifendes, gut gefilmtes, gut gespieltes und in der psychologischen wie gesellschaftlichen Auslotung der Konflikte ganz und gar nicht oberflächliches Drama. Hier passt alles, die drei Hauptdarsteller (Ingrid Bergman, Anthony Perkins, Yves Montand), die teils glasklare, teils grau-natürliche Schwarzweißfotografie von Paris (Hollywood meets nouvelle vague), die Charakterisierung der Hauptpersonen über auffällige Beiläufigkeiten (der träumende Anwalt Perkins mit dem schnellen Schlitten und einer kleinen gefaketen Behinderung, die orientierungslose, unsichere Bergman, der ölige Montand, dessen wechselnde Liebschaften er immer "Maisie" nenne, im Abspann sogar: "Maisie I, Maisie II, Maisie III..."). Und als wäre das noch nicht genug, gelingt hier dem multinationalen Team (Regisseur gebürtiger Russe mit Hollywood- und Frankreicherfahrung, Hauptdarsteller eine Schwedin, ein Amerikaner, ein Franzose bzw. gebürtiger Italiener, Schauplatz Paris, Kamera und vermutlich viele Stabmitglieder und Nebendarsteller Franzosen) eine satirisch-kritische Sicht auf die bürgerliche französische Gesellschaft, die es nicht tolerieren will, wenn ein 25jähriger (Perkins) etwas mit einer 40jährigen (Bergman) hat, obwohl ihr Lebensgefährte (Montand) ein A----loch ist, aber eben kein träumerischer Jungspund, so dass gegen diese wilde Ehe offenbar nichts einzuwenden ist... Man könnte sich noch seitenlang darüber auslassen, dafür fehlt hier der Platz, es genügt aber bereits eine Schilderung der ersten fünf Minuten, um die Genialität des Werkes zu offenbaren:
Der Obelisk und dieser Springbrunnen davor (ich habe gerade den Namen vergessen) in einer Morgen- oder Abenddämmerung in einem grauen Paris, wie ein Gegenstück zur verkitschten Eröffnung des quietschbunten "Ein Amerikaner in Paris". Musik, die ein berühmtes Brahms-Stück integriert, aber auch Eigenkomponiertes mit einbezieht. Per Wischblenden werden die drei wichtigsten Personen in realen Situationen gezeigt, das alles ist von der Bewegung der Kamera und der drei Darsteller feinst ausbalancierte Choreographie, das ist Tanz, aber nie des Selbstzwecks willen. Die Bergman geht aus dem Laden, in dem sie arbeitet, ist heller gekleidet als die strömende Masse, versucht gegen den Strom zu schwimmen, aber eher aus Unsicherheit denn aus festem Willen, und versucht zaghaft, ein Taxi zu bekommen. Der geschäftigen Hektik ist sie offenbar kaum gewachsen, und die Tatsache, dass man in Paris wörtlich genommen Ellenbogen braucht um sich durchzuschlagen, macht ihr sichtlich zu schaffen. Sie ist kein Ellenbogentyp, dabei aber auch nicht zu sehr auf der Mitleidsschiene, irgendwie auch geheimnisvoll, nicht mehr ganz jung, aber noch sehr attraktiv, "reif", wie man so sagt, eine sofort interessante Frau. Montand hat ein öliges Fischgesicht, steigt (wohl auf dem Rückweg von einer Maisie) in seinen Wagen, es gehen zwei junge Frauen vorbei, er grinst ihnen reichlich blöde nach, sie bemerken es und lassen es unerwidert, finden es wohl auch etwas peinlich - und Montand hat ein selbstgefälliges Na-und-Grinsen drauf, das alles sagt. Ist ihm schon oft passiert, wird ihm noch oft passieren, macht ihm offenbar nicht viel aus, und wenn er auf 100 Baggerblicke 95 Mal Ärger und 5 Maisies bekommt, scheint das für ihn eine lohnende Bilanz zu sein. Wischblende - Perkins: Der einzig Undurchsichtige, jung, nachdenklich, sinnsuchend, undurchschaubar (aber er durchschaut sich wohl selbst noch nicht so recht), aber in einem schmucken Vehikel, reiches Söhnchen, mit allen Problemen und Erwartungsdruck, den das so mit sich bringt. Die Karten sind gemischt und verteilt, das Dreierspiel kann beginnen.
Montand und Bergman sind ein Pärchen, das sich gegen das Heiraten entschlossen hat, jeder soll seine Freiheit haben, Bergman nutzt das gar nicht, Montand ausgiebig, und Bergman leidet stumm. Die Szene nach der Dreiereröffnung muss man einfach noch schildern: Bergman, wie sie in ihr Apartment und in Interaktion mit dem Hausmädchen tritt. DAS ist es, was vor allem den Begriff "Choreographie" verdient. Sie, Bergman, läuft hin und her, zick, zack, vor, zurück, gibt Anordnungen, die sie eine Sekunde später zurücknimmt, sie dreht sich im Kreis, im Leben, in der Beziehung, sie kommt nicht voran, es ist ein ewiges Hin und Her. Dann ein Anruf, dass Montand sogar am fünften Jahrestag der Beziehung wegen geschäftlicher Termine (und die Bergman WEISS, was damit gemeint ist) nicht mit ihr essen gehen könne, die Bergman geht zum Abschminken vor den Spiegel, schaut stumm schreiend herein und legt die ganze Tragik ihrer Beziehung sich und uns schonungslos offen.
Dies ist nur der ANFANG eines obergenialen Films, so gut geht er weiter, aus Platzgründen nur ein kleiner Ausblick: Durch Zufall lernt die Bergman den Perkins kennen, und nach einigem Hin und Her (aaaah, immer dieses Hin und Her) entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die von Aufs und Abs nicht ganz frei ist, aber man wird abwarten müssen, ob der Montand die Bergman wieder rumkriegt. Der hängt nämlich durchaus an ihr - solange er bei ihr ein Ruhekissen hat, um sich von seinen Maisies zu erholen, deren mangelnde Kultiviertheit ihn sofort annervt, als ihm ernstlich droht, nicht mal ab und an in sein Bergman-Nest reinschauen zu können. Das ist eine mutige, große, wahre, schonungslose Abrechnung mit einem männlichen Verhalten, das nicht desjenige des Montand-Charakters alleine ist (geschrieben von einer Frau, Francoise Sagan). Dass er ein Süchtiger ist, der bei seinem Lebenswandel auch nicht glücklich wird, macht es kaum besser. Ob er die Bergman am Ende wieder rumkriegen, sich evtl. sogar bessern wird, sei hier nicht verraten (nochmals: NICHT das Cover lesen, da steht's drauf). Jedenfalls ist die Schlussszene eine kongeniale Ergänzung zur Anfangsszene, und alles dazwischen ist eben auch unglaublich gut. Ohne Einschränkungen fünf Sterne!