Das Buch hat 400 Seiten (und nicht 320 wie aktuell angegeben), zu denen ca. 25 Seiten Literaturverzeichnis und Register zählen. Es gliedert sich in die drei großen Abschnitte:
1. Frau und Mann
- Thema der Kapitel 1-5 sind die biologischen und kulturellen Grundlagen der Geschlechterrollen.
2. Die Liebe
- Thema der Kapitel 6-10 ist die Liebe im biologischen Sinn.
3. Liebe heute
- Thema der Kapitel 11-14 ist die Liebe in der heutigen Zeit, z. B. die Fragestellung, warum die romantische Liebe so wichtig geworden ist.
Precht macht zunächst klar, dass es in seinem Buch nicht um die Liebe im Allgemeinen (inklusive etwa der Liebe von Eltern ihren Kindern gegenüber) geht, sondern eingeschränkt (13) "um die geschlechtliche Liebe zu einem Liebespartner".
Positiv ist zunächst anzumerken, dass sich Precht seinem Thema nicht rein philosophisch nähert, sondern ganz bewusst auch auf der Grundlage des aktuellen Standes der Naturwissenschaften. Seine Darstellung ist meist sehr personenbezogen. Recht häufig beginnt er ein Kapitel mit der Beschreibung des Lebens und den Eigenarten einer Persönlichkeit, die sich im Zusammenhang mit dem Thema besonders hervorgetan hat. Hierdurch ist der Text sehr angenehm und unterhaltsam zu lesen, wenngleich ich auch Leser kenne (in der Regel Männer), die genau das nicht mögen (und solche Ausführungen als belanglose Anekdoten abtun). Ich schätze so etwas dagegen sehr, da ich mir das Beschriebene dann viel leichter einprägen kann.
Precht beginnt mit einer Beschreibung - und Kritik - des Standpunktes der Evolutionären Psychologie (bzw. Soziobiologie) zum menschlichen Sexualverhalten, den er recht treffend wie folgt zusammenfasst (29): "Unsere Psyche sei sehr fein auf die Umwelt abgestimmt. Diese Umwelt aber - und dies ist der springende Punkt - ist nicht unsere heutige Zeit, sondern jene Epoche, in der der moderne Mensch biologisch entstand: die Steinzeit." Sehr nachvollziehbar kritisiert er die Erklärungswut dieser Disziplin, die für fast jedes Phänomen (zum Beispiel die Dauerschwellung der weiblichen Brüste, die es in der Form bei anderen Primaten nicht gibt) eine angeblich plausible Begründung parat hat. Precht liefert hier zum ersten Mal einen seiner Haupteinwände: Nicht jedes beobachtbare Phänomen muss unbedingt auf einen Vorteil zurückzuführen sein. Es reiche, wenn es nicht nachteilig ist. Als mögliche alternative Erklärung der weiblichen Brüste führt er die hormonelle Wirkung der in der Altsteinzeit vorherrschenden Fleischnahrung an (in Ländern mit starkem Fleischkonsum sollen die Frauen angeblich größere Brüste haben als in anderen Ländern - ich habe mir deshalb jetzt vorgenommen, in Zukunft wieder etwas mehr Fleisch zu essen).
Precht hält die Vermutung der Soziobiologen, dass neben dem Fortpflanzungstrieb auch unsere Liebe und Libido aus der Steinzeit stammen, für eine sehr mutige Behauptung (39). Als Beleg dafür führt er an, dass sich alle Primaten bei der Sexualität erheblich unterscheiden, und dass das Sexualverhalten des Menschen von keinem anderen Primaten abgeleitet werden kann. Sein Verdacht ist deshalb (47), "dass die menschliche Liebe zwischen den Geschlechtern so viel mit der Evolution von Kultur zu tun hat, dass alle Versuche einer Naturgeschichte der Liebe fehlschlagen müssen."
Sehr lesenswert fand ich seine Ausführungen zur und Kritik an der Gesamtfitness-Theorie Hamiltons, die Richard Dawkins später zur
Theorie der egoistischen Gene popularisierte, man könnte vielleicht lediglich einwenden, dass er hier eine Spur zu spöttisch wirkt. Sein Fazit (62): "Nicht die Gene bestimmten über den Erfolg eines Lebewesens, sondern der Erfolg eines Lebewesens entscheidet über das Überleben der Gene." Dawkins-Jünger würden ihm an dieser Stelle vermutlich vorwerfen, dass er die metaphorische Bedeutung des Begriffs des egoistischen Gens nicht verstanden habe. Problematisch schien mir hier lediglich sein Verweis auf Lewontin und Gould zu sein, die nach meiner Kenntnis diesbezüglich keineswegs richtungsweisend wirkten.
Den soziobiologischen Überlegungen schließt sich ein Kapitel über den Unterschied zwischen dem biologischen und sozialen Geschlecht (Gender) an. Hier waren mir seine Aussagen viel zu allgemein gehalten. Es ist zwar richtig, dass die Geschlechtsrollenunterschiede zwischen Frauen und Männern nicht allesamt biologisch begründet sein müssen, sondern zum Teil oder sogar in Gänze sozial konstruiert sein können, das heißt aber noch lange nicht, dass sie im statistischen Mittel vollständig angeglichen werden können, wie
Mersch geradezu zwingend nachwies. Genau davon geht aber die moderne Gendertheorie aus, die Precht keineswegs zurückweist.
In den Folgekapiteln geht es dann um die zentrale Frage, wieso es überhaupt Frauen und Männer gibt (141ff.). Dieser Abschnitt ist für mich der bei Weitem schwächste des ganzen Buches. Richard David Precht stellt zunächst verschiedene Hypothesen vor, die erklären wollen, weshalb es eine getrenntgeschlechtliche Fortpflanzung gibt, um diese dann aber allesamt mehr oder weniger als wenig stichhaltig zurückzuweisen. Einmal mehr merkt er an (147): "Phänomene wie die sexuelle Fortpflanzung müssen nicht deshalb entstanden sein, weil sie einen Vorteil boten, der größer war als ihr Nachteil." Und das ist - mit Verlaub gesagt - leider völlig absurd. Doch Precht legt noch eins drauf (147):
"Das skurrilste aller Argumente für die Zweigeschlechtlichkeit ist übrigens, dass eingeschlechtliche Lebewesen stets primitiv geblieben sind und sich nicht weiter zu neuen und spektakulären Formen entwickelten. 3,3 Milliarden Jahre evolutionärer Stillstand, wenn man so will. Schon richtig, aber was ist daran schlecht? Aus welcher Perspektive argumentieren wir, wenn wir dies anprangern?"
Nun, wir prangern dies aus der Position des Menschen an. Wie Mersch in
Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem stringent nachweist, hätte es ohne die getrenntgeschlechtliche Sexualität auf der Erde nur ein Fressen-und-Gefressen-werden gegeben, denn erst mit der getrenntgeschlechtlichen Sexualität kam eine der größten Erfindungen der Evolutionsgeschichte überhaupt: das "Gefallen-wollen" (die sexuelle Selektion), was auch die Grundlage der Liebe schlechthin sein dürfte. Mersch zeigt, dass Kultur, Höflichkeit, Altruismus und Zivilisation ohne Gefallen-wollen allesamt nicht wirklich vorstellbar sind.
Das Problem an dieser Stelle ist, dass Precht einen bedeutenden Teil der Biologie schlicht und ergreifend ausklammert und ignoriert. Ich fragte mich immer wieder, wie man ein Buch über die sexuelle Liebe schreiben kann, ohne Bücher wie Geoffrey F. Millers
Die sexuelle Evolution. Partnerwahl und die Entstehung des Geistes., Matt Ridleys
Eros und Evolution. Die Naturgeschichte der Sexualität. oder Zahavis
Signale der Verständigung (Handicap-Prinzip) auch nur zu erwähnen. Der große Irrtum der Evolutionären Psychologie ist nämlich, dass sie annimmt, viele menschliche Verhaltensweisen seien aus der Anpassung des Menschen an die natürlichen Rahmenbedingungen der Steinzeit zu erklären. Dabei ist der Mensch vor allem ein soziales Tier: Sehr viele seiner Merkmale - inklusive seiner Kultur - sind im Anpassungsprozess gegenüber seinem sozialen Umfeld (insbesondere den Präferenzen des anderen Geschlechts) und nicht der Natur entstanden, was übrigens auch für Phänomene wie den Vogelgesang gilt.
Precht verwendet in diesem Zusammenhang dann leider auch Formulierungen, die unter Evolutionsbiologen als äußerst verpönt gelten (148): "Und wie der Sex in die Welt kam, ist ebenso unbekannt wie sein Zweck. Möglicherweise, so steht zu vermuten, gab es gar keinen höheren Sinn dabei." Dabei wird unter Evolutionsbiologen allgemein akzeptiert, dass die Evolution keinen Zweck und keinen höheren Sinn verfolgt. Sex kam in die Welt, weil er evolutionäre Vorteile besaß. Welche das sind, lässt sich fast abschließend (obwohl leider nicht so schön formuliert und strukturiert wie bei Precht) bei
Mersch nachlesen.
Der letzte Abschnitt "Liebe heute" (Kapitel 11-14) hat mir dagegen wieder sehr gut gefallen. Ich habe dennoch drei Sterne vergeben, weil das Buch insgesamt sehr interessant ist, und sich die meisten Leser möglicherweise vor allem für den dritten - gelungenen - Abschnitt interessieren werden.