Eines muß man Simmel zugestehen: er hat sich mit diesem Buch Mühe gegeben, es ist viel Herzblut hineingeflossen. Es atmet einen einheitlichen Stil und hebt sich wohltuend ab von seinen letzten Büchern, mit denen er seinen absoluten künstlerischen Tiefpunkt erlebt hatte. Die Talsohle ist also durchschritten - doch auf dem Gipfel seines Könnens ist dieser Simmel weiß Gott nicht angesiedelt. Denn Herzblut ist gut - doch ein spannender Bestsellerautor von heute barucht eben auch ein gerüttelt Maß an Grishamsher Abgebrühtheit. Die hat Simmel verloren. Weisheit des Alters hingegen nicht gewonnen. Ja, da kommt einem schon vieles bekannt vor: die schicken Hotels, die schönen Frauen, das gute Essen. Nur das wichtigste fehlt: der Simmel in der Suppe, die Spannung. Wer einen typischen Simmel-Plot wie beim "Jimmy" erwartet, wird bitter enttäuscht: Simmel hat sich diesmal auf eine Liebesgeschichte konzentriert. Nur geht es dabei nicht um Liebe, sondern um Abhängigkeiten: der Computerexperte liebt die Fotografin. Beide sind ntürlich herzensgute Menschen, die immer genügend Knete für Champagner und Kaviar und Siten im Beau Rivage haben, andererseits die Auswirkungen des Kapitalismus ganz schrecklich finden. Ich verehre Simmel seit langem, nur eines kann ich an ihm nicht ab: seinen wirklich durch und durch verlogenen Salonsozialismus, der sich durch den gesamten dünnen Plot dieses Buches zieht. Der Mann wettert ständig über den Kaiptalismus und entzog sich andererseits schon vor Jahren dem Zugriff der deutschen Steuer, indem er zunächst in Monaco lebte, gegenwärtig im schweizerischen Steuerparadies Zug residiert. Auch sein Romanheld findet zwar sein Unternehmen, daß ihn jahzehntelang fürstlich für das Entdecken und unschädlichmachen von Computerviren bezahlte, ganz schrecklich. Aber er hat überhaupt nichts dagegen, dass jenes Unternehmen ihm eine Suite im Beau Rivage bezahlt. Und dann die noble Einstellung seiner hübschen Frau Claude: zwar liebt sie den Galeristen Serge, aber küssen tut sie ihn nicht. Er hat seinen Penis bei einem Unfall verloren und ist somit "kein Mann". Ganz im Gegensatz zu Philipp, der sie eifrig begattet und seine ach so große Liebe ständig mit teuren Geschenken beweisen muß. Simmel hat eines verloren: den Willen zur Spannung. Das liegt daran, daß er von verschiedenen Feuilletonisten zu sehr gelobt wurde und jetzt verzeifelt versucht, sich selber Denkmäler zu schreiben. Früher mußte er gegen die Kritik anschreiben. Seinen Büchern tat das sehr gut...