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Produktinformation
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Wie immer ist Munros Erzählstil sowohl einfach als auch bewegend, beispielsweise wenn die Briefe schreibende Protagonistin in "Before the Change" ihre Liebe an einen Ex-Verlobten zurückschickt: "Was wäre, wenn Menschen das wirklich täten -- ihre Liebe mit der Post verschicken, um sie loszuwerden? Was würden sie da verschicken? Eine Schachtel Pralinen mit Füllungen wie die Dotter von Puteneiern? Eine Lehmpuppe mit leeren Augenhöhlen? Ein Haufen Rosen, dessen Duft knapp über 'verrottet' einzustufen ist? Ein mit blutigem Zeitungspapier eingewickeltes Päckchen, das niemand freiwillig öffnen würde?"
Die Geschichten in diesem Band brennen mit einer Art emotionsloser Anti-Romantik -- sogar die, die sich an der Grenze zum häuslichen Melodram bewegen (zum Beispiel der Beinah-Tod eines Babys in "My Mother's Dream" oder eine ehebrecherische Frau in "Teh Children Stay"). Dicht bevölkert und elliptisch im Aufbau, kreist jede Geschichte um ihre Hauptereignisse und Beziehungen wie Planeten um eine Sonne. Das Ergebnis ist vielschichtig und komplex und seine Muster nicht immer auf Anhieb erkennbar. Anders ausgedrückt: wie im richtigen Leben. --Mary Park -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Unterwasserwelten
Alice Munro lotet Untiefen und Abgründe der Liebe aus
Kath und Sonje treffen sich täglich am Meer: zwei junge Ehefrauen, vorsichtig Distanz haltend zum «Feldlager» der gestandenen Gattinnen und Mütter, die sich zwischen «Sonnenschirmen, Badelaken, Windeltaschen, Picknickkörben, aufblasbaren Flössen und Walfischen, Spielsachen, Sonnenschutzmitteln, Kleidungsstücken, Sonnenhüten, Thermosflaschen mit Kaffee, Plasticbechern und -tellern und Kühlboxen» zum Strandvergnügen verschanzt haben. Vergnügen, herrje. Stattdessen disputieren Kath und Sonje über D. H. Lawrences Erzählung «The Fox». Eine Frau, heisst es dort, solle «aufhören zu denken und aufhören zu wollen und ihren Geist untergehen lassen», bis er völlig in den des Gatten eingetaucht sei, wie Seegras, das unter der Oberfläche des Wassers wogt. Kath, eben Mutter geworden, verwahrt sich gegen solche Degradierung zur anpassungswilligen Biomasse; Sonje, im Kielwasser ihres politisch unbequemen Ehemanns Cottar ins gesellschaftliche Abseits gezwungen, scheint eher Lawrence zuzuneigen: «Mein Glück steht und fällt mit Cottar.»
Divergierende Strahlungen
Die Kanadierin Alice Munro, in ihrer Heimat seit langem als Meisterin insbesondere der Short Story gefeiert, neigt weder zur postmodernen Spielerei mit Zitaten, noch bedarf ihre Erzählkunst der Stützung durch fremde literarische Autoritäten. Doch das Lawrence-Motiv mit seinem Assoziationsfeld von Lautlosigkeit und Erstickung, von doppelbödiger Tiefe und Leben-im-Tod bündelt und bricht wie eine optische Linse die seltsamen Strahlungen, die von den vier in «Die Liebe einer Frau» versammelten Texten einer Novelle und drei kürzeren Erzählungen ausgehen: Strahlungen, die sonst divergent und schwer greifbar bleiben.
Ist die von unguter Lust und dumpfer Eifersucht gezündete Mordtat, welche die todkranke Mrs. Quinn in der Titelerzählung ihrer Pflegerin Enid anvertraut, tatsächlich so geschehen oder lediglich Ausgeburt einer zerrütteten und von Bosheit zerfressenen Phantasie? Sind es Emanationen dieses Ungeists, die Enid in Gestalt wüster Träume auf ihrem Notbett im Zimmer der Patientin heimsuchen oder die eigenen, im Zeichen der Selbstlosigkeit verstümmelten Wünsche? Und was ist mit der verblassten Kindheitserinnerung, welche Enid die Ununterscheidbarkeit von Wahrheit und Lüge vor Augen führt? Soll sie überhaupt versuchen, die von Mrs. Quinn suggerierte Untat aufzudecken, wenn sie schon die Chance eines späten Glücks mit dem Ehemann der Sterbenden wittert? Oder könnte sie, wie es eine reichlich morbide Phantasie vorzeichnet, weiter auf dem Pfad der Tugend wandeln, indem sie den Mann dem Gericht und damit der Todesstrafe überantwortet: aber selbstverständlich in aller Bereitschaft, ihn bis zur letzten schweren Stunde zu stützen und zu geleiten?
Dies, es sei gleich gesagt, sind die im Vergleich zum Text recht grobkörnigen Fragen, die sich bei der Lektüre einstellen: In der Erzählung selbst sind sie übersetzt und aufgelöst in Bilder, Gedanken- und Erinnerungsfetzen und nicht zuletzt im Stickstoff jener kleinstädtischen Atmosphäre, die dem Misswuchs der Gefühle und dem Wuchern der Verdrängungsleistungen offenbar so förderlich ist. Dieses Milieu wird im ersten Kapitel skizziert, in dem die Hauptfiguren noch gar nicht auftreten: Mit beiläufiger Meisterschaft führt Munro den Leser durch drei Buben in das Städtchen Walley ein, wo ein Spitzname über Generationen in einer Familie weitergegeben werden kann und jeder jeden zu kennen scheint. Dass der Vater des kleinen Cece säuft und prügelt, ist allgemein bekannt; mit gleicher Selbstverständlichkeit wird hingenommen, wenn er mit Hinweis auf das verwüstete Interieur bemerkt, die Frau hätte wieder mal einen Koller gehabt. Dass weder die körperliche Behinderung von Jimmys Vater noch die Sehschwäche seiner Grosstante noch die krankhafte Menschenscheu seines Onkels zu den Segnungen des Lebens zählen, ist der Familie nur allzu bewusst aber man wahrt standhaft den Schein von zufriedener Normalität: «Nachteile und Unglücksfälle durften nicht bemerkt, nicht von ihrem Gegenteil unterschieden werden.» In Buds beengtem Zuhause schliesslich okkupieren zwei attraktive Schwestern jede Handbreit mit Schminkutensilien und zum Trocknen ausgelegten Kleidern, während sie selbst von Zimmer zu Zimmer streifen und sich viertelstundenlang vor jedem Spiegel drehen: dämlich und gespenstisch-tragisch zugleich, Seegras schon vor der Ehe.
Leichen im Keller
Sie könnten zu Frauen heranwachsen wie Mrs. Gorrie in der Erzählung «Cortes Island»: in wollweiche Pastelltöne gekleidet und stets sorgsam geschminkt, von Nippes und feinem Porzellan umgeben, stolz auf die selbst gebackenen steinharten Kekse und ihrer jungen, unkonventionellen Untermieterin stets zuverlässig mit einem verzuckert-gifttriefenden Rat in Sachen Haushaltführung und Ehe zur Seite. Auch in dieser Erzählung einer Art Gegenstück zur titelgebenden Novelle gibt es Leichen im Keller: und nicht nur, weil die kleinbürgerliche Fassade des Ehepaars Gorrie sozusagen auf dem Grab von Mrs. Gorries unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommenem erstem Ehemann errichtet wurde. Die Ich-Erzählerin, die sich, frisch verheiratet, mit ihrem Mann in der Kellerwohnung im Haus der Gorries eingemietet hat, stirbt ihren eigenen kleinen Tod, indem sie sich langsam aus ihrem traumverlorenen Leseleben, ihren tastenden schriftstellerischen Versuchen in eine sogenannt geordnete Existenz drängen lässt. Statt selbst zu lesen, leiht sie in der Stadtbibliothek Bücher aus:
Natürlich hatte ich jetzt weniger Zeit zum Lesen, und manchmal hielt ich für einen Augenblick ein Buch in der Hand . . . ich hielt das Buch in der Hand wie einen Gegenstand, nicht wie ein Gefäss, das ich sofort austrinken musste , und mich durchzuckte Furcht, wie in einem Traum, wenn man in das falsche Gebäude geraten ist oder den Termin der Prüfung vergessen hat oder begreift, dies ist nur der Zipfel einer düsteren Umwälzung oder eines lebenslangen Fehlers.
Den Charakter eines solchen Traums nimmt dann die letzte und gelungenste Erzählung im Band an. Über dem Spiel, das ihren Enkelkindern eine lange Autofahrt verkürzen soll, buchstäblich auf Abwege geraten, landet die Protagonistin auf einem verwahrlosten Anwesen, dessen beklemmende Atmosphäre einen noch lang über die Lektüre hinaus verfolgt. Was sich dort zwischen drei Männern und dem stockbetrunkenen Mädchen, das mit glasigen Augen und entblösstem Oberkörper zwischen ihnen am Tisch sitzt, abgespielt haben könnte, ist weniger krass und um so viel wahrscheinlicher und quälender als die dubiosen Mordszenarien in den beiden zuvor skizzierten Texten; es teilt sich mit in dumpfen Gerüchen und grell aufblitzenden Einsichten, die je auf ihre Art der Protagonistin willkommenen Vorwand geben, die Augen rasch wieder vom vollen Blick auf die Tatsachen abzuwenden. Doch das kunstvoll verzögerte Gewahrwerden fällt am Schluss mit voller Härte auf sie selbst zurück.
Wenn Selbstverlust und Verdrängung Grundthemen dieser Erzählungen sind: Dann bleiben sie doch frei von der feministischen Prägung, welche Thematik und Figurenkonstellationen oft nahelegen könnten. Dass sich die Texte oft (allerdings dann und wann bis an den Rand der Implausibilität) einer eindeutigen Lesart entziehen, macht ihre Eigenart und ihre Qualität aus: ein Irritationspotenzial, das die Lesenden in erster Linie als solche nämlich als Interpreten des literarischen Textes fordert. Angela Schader -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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