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Die Liebe einer Frau
 
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Die Liebe einer Frau [Gebundene Ausgabe]

Alice Munro
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 285 Seiten
  • Verlag: Fischer; Auflage: 1 (14. Juli 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596510538
  • ISBN-13: 978-3596510535
  • Originaltitel: The Love of a Good Woman
  • Größe und/oder Gewicht: 14,4 x 9,2 x 2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 58.269 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Alice Munro
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

In der Welt von Alice Munro ist der beste Weg nicht unbedingt die kürzeste Entfernung zwischen zwei Punkten. Ihre neunte überragende Sammlung von Kurzgeschichten, Die Liebe einer Frau, hat erneut das westliche Kanada als Handlungsort, und das Thema ist klassisch für Munro: Geheimnisse, Liebe, Betrug und das ganz normale Leben. Aber wie wir es von dieser Meisterin der Kurzgeschichte bereits kennen, ist der Weg, den sie nimmt, alles andere als normal. Die überwältigende Titelgeschichte ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Sie ist eine Erzählung in vier Teilen und beginnt mit dem Ertrinkungstod eines Optikers in einer Kleinstadt. Die Geschichte wird ausgeweitet und befasst sich zuerst mit den Jungen, die die Leiche entdeckt hatten, und dann mit einer boshaften Frau, die im Sterben liegt, und ihrer jungen Pflegeschwester. Wessen Geschichte ist es nun? Nicht die des Optikers, das steht fest -- obwohl dessen Tod sie zusammenhält. Der Effekt ist auch nicht unbedingt "Rashomon"-mäßig, obwohl jeder Teil ihn aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Die Liebe einer Frau ist statt dessen ein gründliches und umfassendes Porträt des Kleinstadtlebens, wie man es sich nur vorstellen kann, mit all seinen Spannungen, Betrügereien und unfreiwilligen Bindungen. Innerhalb seiner 75 Seiten fängt es eine Welt ein, die geräumiger ist als die der meisten Romane.

Wie immer ist Munros Erzählstil sowohl einfach als auch bewegend, beispielsweise wenn die Briefe schreibende Protagonistin in "Before the Change" ihre Liebe an einen Ex-Verlobten zurückschickt: "Was wäre, wenn Menschen das wirklich täten -- ihre Liebe mit der Post verschicken, um sie loszuwerden? Was würden sie da verschicken? Eine Schachtel Pralinen mit Füllungen wie die Dotter von Puteneiern? Eine Lehmpuppe mit leeren Augenhöhlen? Ein Haufen Rosen, dessen Duft knapp über 'verrottet' einzustufen ist? Ein mit blutigem Zeitungspapier eingewickeltes Päckchen, das niemand freiwillig öffnen würde?"

Die Geschichten in diesem Band brennen mit einer Art emotionsloser Anti-Romantik -- sogar die, die sich an der Grenze zum häuslichen Melodram bewegen (zum Beispiel der Beinah-Tod eines Babys in "My Mother's Dream" oder eine ehebrecherische Frau in "Teh Children Stay"). Dicht bevölkert und elliptisch im Aufbau, kreist jede Geschichte um ihre Hauptereignisse und Beziehungen wie Planeten um eine Sonne. Das Ergebnis ist vielschichtig und komplex und seine Muster nicht immer auf Anhieb erkennbar. Anders ausgedrückt: wie im richtigen Leben. --Mary Park -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Unterwasserwelten

Alice Munro lotet Untiefen und Abgründe der Liebe aus

Kath und Sonje treffen sich täglich am Meer: zwei junge Ehefrauen, vorsichtig Distanz haltend zum «Feldlager» der gestandenen Gattinnen und Mütter, die sich zwischen «Sonnenschirmen, Badelaken, Windeltaschen, Picknickkörben, aufblasbaren Flössen und Walfischen, Spielsachen, Sonnenschutzmitteln, Kleidungsstücken, Sonnenhüten, Thermosflaschen mit Kaffee, Plasticbechern und -tellern und Kühlboxen» zum Strandvergnügen verschanzt haben. Vergnügen, herrje. Stattdessen disputieren Kath und Sonje über D. H. Lawrences Erzählung «The Fox». Eine Frau, heisst es dort, solle «aufhören zu denken und aufhören zu wollen und ihren Geist untergehen lassen», bis er völlig in den des Gatten eingetaucht sei, wie Seegras, das unter der Oberfläche des Wassers wogt. – Kath, eben Mutter geworden, verwahrt sich gegen solche Degradierung zur anpassungswilligen Biomasse; Sonje, im Kielwasser ihres politisch unbequemen Ehemanns Cottar ins gesellschaftliche Abseits gezwungen, scheint eher Lawrence zuzuneigen: «Mein Glück steht und fällt mit Cottar.»

Divergierende Strahlungen

Die Kanadierin Alice Munro, in ihrer Heimat seit langem als Meisterin insbesondere der Short Story gefeiert, neigt weder zur postmodernen Spielerei mit Zitaten, noch bedarf ihre Erzählkunst der Stützung durch fremde literarische Autoritäten. Doch das Lawrence-Motiv mit seinem Assoziationsfeld von Lautlosigkeit und Erstickung, von doppelbödiger Tiefe und Leben-im-Tod bündelt und bricht wie eine optische Linse die seltsamen Strahlungen, die von den vier in «Die Liebe einer Frau» versammelten Texten – einer Novelle und drei kürzeren Erzählungen – ausgehen: Strahlungen, die sonst divergent und schwer greifbar bleiben.

Ist die von unguter Lust und dumpfer Eifersucht gezündete Mordtat, welche die todkranke Mrs. Quinn in der Titelerzählung ihrer Pflegerin Enid anvertraut, tatsächlich so geschehen oder lediglich Ausgeburt einer zerrütteten und von Bosheit zerfressenen Phantasie? Sind es Emanationen dieses Ungeists, die Enid in Gestalt wüster Träume auf ihrem Notbett im Zimmer der Patientin heimsuchen – oder die eigenen, im Zeichen der Selbstlosigkeit verstümmelten Wünsche? Und was ist mit der verblassten Kindheitserinnerung, welche Enid die Ununterscheidbarkeit von Wahrheit und Lüge vor Augen führt? Soll sie überhaupt versuchen, die von Mrs. Quinn suggerierte Untat aufzudecken, wenn sie schon die Chance eines späten Glücks mit dem Ehemann der Sterbenden wittert? Oder könnte sie, wie es eine reichlich morbide Phantasie vorzeichnet, weiter auf dem Pfad der Tugend wandeln, indem sie den Mann dem Gericht – und damit der Todesstrafe – überantwortet: aber selbstverständlich in aller Bereitschaft, ihn bis zur letzten schweren Stunde zu stützen und zu geleiten?

Dies, es sei gleich gesagt, sind die im Vergleich zum Text recht grobkörnigen Fragen, die sich bei der Lektüre einstellen: In der Erzählung selbst sind sie übersetzt und aufgelöst in Bilder, Gedanken- und Erinnerungsfetzen – und nicht zuletzt im Stickstoff jener kleinstädtischen Atmosphäre, die dem Misswuchs der Gefühle und dem Wuchern der Verdrängungsleistungen offenbar so förderlich ist. Dieses Milieu wird im ersten Kapitel skizziert, in dem die Hauptfiguren noch gar nicht auftreten: Mit beiläufiger Meisterschaft führt Munro den Leser durch drei Buben in das Städtchen Walley ein, wo ein Spitzname über Generationen in einer Familie weitergegeben werden kann und jeder jeden zu kennen scheint. Dass der Vater des kleinen Cece säuft und prügelt, ist allgemein bekannt; mit gleicher Selbstverständlichkeit wird hingenommen, wenn er mit Hinweis auf das verwüstete Interieur bemerkt, die Frau hätte wieder mal einen Koller gehabt. Dass weder die körperliche Behinderung von Jimmys Vater noch die Sehschwäche seiner Grosstante noch die krankhafte Menschenscheu seines Onkels zu den Segnungen des Lebens zählen, ist der Familie nur allzu bewusst – aber man wahrt standhaft den Schein von zufriedener Normalität: «Nachteile und Unglücksfälle durften nicht bemerkt, nicht von ihrem Gegenteil unterschieden werden.» In Buds beengtem Zuhause schliesslich okkupieren zwei attraktive Schwestern jede Handbreit mit Schminkutensilien und zum Trocknen ausgelegten Kleidern, während sie selbst von Zimmer zu Zimmer streifen und sich viertelstundenlang vor jedem Spiegel drehen: dämlich und gespenstisch-tragisch zugleich, Seegras schon vor der Ehe.

Leichen im Keller

Sie könnten zu Frauen heranwachsen wie Mrs. Gorrie in der Erzählung «Cortes Island»: in wollweiche Pastelltöne gekleidet und stets sorgsam geschminkt, von Nippes und feinem Porzellan umgeben, stolz auf die selbst gebackenen steinharten Kekse – und ihrer jungen, unkonventionellen Untermieterin stets zuverlässig mit einem verzuckert-gifttriefenden Rat in Sachen Haushaltführung und Ehe zur Seite. Auch in dieser Erzählung – einer Art Gegenstück zur titelgebenden Novelle – gibt es Leichen im Keller: und nicht nur, weil die kleinbürgerliche Fassade des Ehepaars Gorrie sozusagen auf dem Grab von Mrs. Gorries unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommenem erstem Ehemann errichtet wurde. Die Ich-Erzählerin, die sich, frisch verheiratet, mit ihrem Mann in der Kellerwohnung im Haus der Gorries eingemietet hat, stirbt ihren eigenen kleinen Tod, indem sie sich langsam aus ihrem traumverlorenen Leseleben, ihren tastenden schriftstellerischen Versuchen in eine sogenannt geordnete Existenz drängen lässt. Statt selbst zu lesen, leiht sie in der Stadtbibliothek Bücher aus:

Natürlich hatte ich jetzt weniger Zeit zum Lesen, und manchmal hielt ich für einen Augenblick ein Buch in der Hand . . . – ich hielt das Buch in der Hand wie einen Gegenstand, nicht wie ein Gefäss, das ich sofort austrinken musste –, und mich durchzuckte Furcht, wie in einem Traum, wenn man in das falsche Gebäude geraten ist oder den Termin der Prüfung vergessen hat oder begreift, dies ist nur der Zipfel einer düsteren Umwälzung oder eines lebenslangen Fehlers.

Den Charakter eines solchen Traums nimmt dann die letzte und gelungenste Erzählung im Band an. Über dem Spiel, das ihren Enkelkindern eine lange Autofahrt verkürzen soll, buchstäblich auf Abwege geraten, landet die Protagonistin auf einem verwahrlosten Anwesen, dessen beklemmende Atmosphäre einen noch lang über die Lektüre hinaus verfolgt. Was sich dort zwischen drei Männern und dem stockbetrunkenen Mädchen, das mit glasigen Augen und entblösstem Oberkörper zwischen ihnen am Tisch sitzt, abgespielt haben könnte, ist weniger krass – und um so viel wahrscheinlicher und quälender als die dubiosen Mordszenarien in den beiden zuvor skizzierten Texten; es teilt sich mit in dumpfen Gerüchen und grell aufblitzenden Einsichten, die – je auf ihre Art – der Protagonistin willkommenen Vorwand geben, die Augen rasch wieder vom vollen Blick auf die Tatsachen abzuwenden. Doch das kunstvoll verzögerte Gewahrwerden fällt am Schluss mit voller Härte auf sie selbst zurück.

Wenn Selbstverlust und Verdrängung Grundthemen dieser Erzählungen sind: Dann bleiben sie doch frei von der feministischen Prägung, welche Thematik und Figurenkonstellationen oft nahelegen könnten. Dass sich die Texte oft (allerdings dann und wann bis an den Rand der Implausibilität) einer eindeutigen Lesart entziehen, macht ihre Eigenart und ihre Qualität aus: ein Irritationspotenzial, das die Lesenden in erster Linie als solche – nämlich als Interpreten des literarischen Textes – fordert. Angela Schader -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .


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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
29 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Broschiert
Wow! Frau Munro erzählt geheimnisvolle, atmosphärisch extrem verdichtete Kurzgeschichten aus einer kleinstädtischen Welt im Kanada der Fünfziger Jahre. Eigentlich sind es moderne Gruselstories, ähnlich denen von Roald Dahl, nur ohne krasse Effekte, vorsichtiger, poetischer, traumverlorener. Wie bei Dahl oder David Lynch lauert der Horror heimlich hinter der bürgerlichen Fassade, und enttäuschte Hoffnungen, kaputte Beziehungen, Lebenlügen, unterdrückte Ängste und Begierden werden Munros grübelnden, sich quälenden und verunsicherten Individuen ebenso unmerklich wie unweigerlich zur Hölle auf Erden. Und spannend ist das! Die Geschichten schleichen sich an, nie weiss man, wohin die Reise geht und immer erzeugt die einfache Sprache eine schwindelerregende Mehrdeutigkeit.

Unbedingt kaufen und lesen!
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14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Hier stimmt jeder Atemzug 18. Dezember 2008
Format:Gebundene Ausgabe
Diese Geschichten beginnen ganz langsam. Geschildert wird Alltägliches - und das ausführlich. Alice Muroe schreibt leicht und sehr elegant, darum überlässt man sich gern ihren anscheinend etwas belanglosen Darlegungen. Eine junge Frau pflegt einen alten, sehr gebrechlichen Herrn, obwohl dessen Gattin sie nur schikaniert. Zwei junge Paare werden in ihrem Kleinstadtleben gezeigt - nichts Dramatisches, denkt man. Doch, weit gefehlt! Die Tücke liegt im Detail. Denn in haargenau dem Moment, in dem man sich als Leser in dem geschilderten, anscheinend so überaus "normalen" Leben eingerichtet hat, bricht die Normalität zusammen und zeigt das Besondere: Ein Verbrechen, seit Jahrzehnten ungesühnt. Oder auch die gleichen Personen, nur Jahrzehnte später, so dass ihnen (und dem Leser damit auch) das soeben Beschriebene als ungemein kostbare Erinnerung an die heile Zeit ihrer inzwischen arg blessierten Leben erscheinen muss.
Unspektakulär und leise kommen diese Begebenheiten daher - und doch könnten sie nicht einprägsamer sein. In Alice Muroes Textes stimmt jeder einzelne Atemzug jeder einzelnen Figur.
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12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Paramitas
Format:Gebundene Ausgabe
Die kanadische Schriftstellerin Alice Munro, in diesem Punkte dem Filmemacher Terence Malick verwandt, löst das Problem der Blickwinkel-Übertragung, die dem Leser die eigentliche Freiheit zu schauen raubt, indem sie die Menschen in ihren Erzählungen nicht als Personen individualisiert, sondern als Perspektiven auf die Welt. Sie ist so in der Lage uns die andere Seite der Wirklichkeit zu zeigen: Den Ort wo die Geheimnisse leben. In dieser gerade in der Kunst entstehenden neuen Weltanschauung verschmilzt unsere Vorstellung vom Universalen mit individuellen Geschichten. Politisch wirkt sich dieser Blickwechsel etwa dadurch aus, dass wir jetzt begreifen lernen, dass die unzähligen hungernden Menschen auf diesem Planeten zum Objekt der Weltmarktes degradiert wurden, der vor allem der Perspektive der westlichen Welt folgte. Insofern werden wir uns der Verantwortung für die Lebensbedingungen dieser Menschen bewusst. Gleichzeitig verlieren ja die "Zehn ökonomischen Gebote" ihren Wert und die "westlichen" Menschen bekommen mit, das sie sich jetzt besser schnell von vielen antrainierten Gewissheiten trennen, bevor der Wahnsinn sie ereilt. Loslassen wird als Heilung erfahren werden, Staunen wird befreien, das Neue wird gedeihen. Die Klasse der Entbehrlichen wird resozialisiert und das Geld bekommt eine völlig neue Bestimmung.

Munros Literatur einer potentiellen Vielfalt, bei der es darum geht den sprachlichen, kulturellen, anerzogenen Zwängen einen bewusst gewählten übergeordneten Blick entgegenzusetzen, ist so auch eine direkte Auseinandersetzung mit dem Thema der sechziger Jahre Generation: Das Leben als beständiger Akt der Überschreitung. Sie wendet dabei alle Mittel feiner psychologischer Beobachtung auf - was ihr oft den Verglich mit Tschechow eingebracht hat - um auch noch die kleinsten Reste eines romantischen Menschenbildes in Frage zu stellen. Sie blickt in offene Geheimnisse, über die man solange sich keine Gedanken zu machen pflegt, bis man sich vor der Aufgabe wieder findet sie zu erzählen. Ihre Erzählungen beinhalten die üblicherweise unauffindbaren Spuren der Erfahrung, die die romantische Weltsicht ausschließt. Das, was wir einmal gewohnt waren Realismus zu nennen tritt nur noch als verborgener Subtext hervor und das eigentliche Alltägliche erscheint phantastisch durch seine Unbestimmtheit. Diese Unbestimmtheit ergründet Munro, indem sie ins Zentrum ihres Werkes jenes Geheimnis stellt, das sich immer selbst überwindet. Oder, wie es im Talmud heißt: Gott verbirgt sich dem Geist des Menschen, aber er offenbart sich seinem Herzen.

Munro arbeitet mit leichten, kaum merkbaren Schwankungen der Emphase, die dazu führen das die Storyline sich selbst in Frage stellt. Eine beständige doppelte Sicht auf die Dinge ist das charakteristische Motiv ihrer Fiktion. "It seems as if I want to get a lot of layers going... I want the story to have a lot of levels, so that the reader can draw back and perhaps instead of thinking about what happens in the story as far as development of plot goes, to think of somethink else, about live... This may be a difficult way to write fiction. Events are viewed from different angles." (Alice Munro)
Munro sieht ihr Schreiben selbst als ein Weg überhalb der Erfahrung zu gelangen. Man könnte sagen sie ist eine kreative Realistin, weil es ihr um bewusste Erfahrung geht. Dabei experimentiert sie durchweg gerne mit gespaltenen Charakteren. Die Erzählerin in ihren Geschichten ist frei die Zeitachse hoch und runter zu rutschen, die die beiden Hälften ihres Selbst trennt. Bei Munro beobachtet sich die Erzählerin nicht nur selbst, sondern klassifiziert oft auch andere Charaktere in ihrer Art sich selbst zu beobachten. Manchmal führt sie zusätzlich zu zwei Charakteren die sich gegenseitig beobachten einen allwissende Erzählerin ein, der die beiden Egos miteinander zu verbinden scheint. All dies ist ein Spiel mit dem verwirrten und verzögerten Verstehen dessen, was eigentlich geschieht.
Wie verschiedene, übereinander gerutschte Landkarten des selben Territoriums, verhindert die Vielfalt der Blickwinkel jede einseitige Interpretation der Gegend oder der Geschehnisse. Der Plot, die Geschichte, wird selbst zu einem sich ständig bewegenden Arrangement: Zu etwas in sich lebendigen.

Schließlich stehen wir angesichts einer solchen Prosa vor der Herausforderung zuzugeben, dass es keinen Unterschied geben kann zwischen einer Geschichte und der Art wie sie erzählt wird. Keinen Unterschied innerhalb einer vorgegebenen Perspektive zwischen Realität und Fiktion. Eine Tochter kann etwa durch all ihr noch so gesteigertes Selbst-Bewusstsein hindurch niemals ihre Mutter so sehen wie diese wirklich ist - solange sie nicht wirklich ihren Blickwinkel aufgibt, aufhört sich ein Bild zu machen.
Die Wirklichkeit als offenes System; als unendlich wachsende Komplexität stellt uns vor die Erkenntnis welche Bedeutung Ehrlichkeit eigentlich hat. Denn Lügen, Bilder, Geschichten sollen üblicherweise alles einfacher machen als es wirklich ist oder seien sollte - für den Lügner. Aber wir haben zum Glück Alice Munro aus deren Geschichten ungeahnte Bedeutungen herauswachsen und alles in Frage stellen, was sonst so noch geschrieben wird.

Heute, wo das ganze Charakterkonzept im Grunde überholt scheint, zeigt Munro wie, durch die Akzentuierung von Erzähl-Perspektiven, Menschen mal als dies, mal als das erscheinen können. Der Charakter wird also, als die Vorstellung die jemand von sich hat, neu definiert. Jemand denkt jemanden zu lieben, aber im Grunde liebt er nur die Vorstellung, die er von dem anderen hat. An die Stelle von Charakteren werden Perspektiven treten. Wenn man beginnt Menschen nicht mehr als Charaktere, sondern als etwas zu sehen, was über sie selbst hinaus geht und das mit allem verbunden ist, wandelt sich das gesamte Realitätsverständnis. Die Illusion der Trennung zwischen den Menschen, die Illusion des Ego löst sich auf. Munro unterstützt uns darin, zu jenen wahrhaftigen Einsichten emotionaler Psychologie zu gelangen, indem sie uns zu jenen Abgründen dunkler Ungewissheit begleitet, die offen legen wieso Menschen sich auf bestimmte Weisen verhalten. Wer kann schon ermessen, was eine kleine beiläufige Begebenheit alles auszulösen vermag? Munro zeigt auf wie unserer aller Verhalten immer von tief in uns verwurzelten Gefühlen bestimmt ist. Wie sich Menschen unter dem Eindruck eines unvorhergesehenen Ereignisses ihr Leben neu zusammen denken, ist ihr eigentlicher Stoff. So verschafft sie uns Zugang zu den Geheimkammern der Herzen, wo das Gegenprogramm zur Normalität entwickelt wird.
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