Alles in allem ein gutes Buch, das mutig die Probleme der heutigen Ehen und Beziehungen zur Sprache bringt und die Alternative aufbringt: lerne, dich selbst zu lieben, akzeptiere deine Umwelt, sei ehrlich zu deinem Partner und zu dir selbst, erwarte nicht, dass eine Ehe immer nur eitel Freude und Sonnenschein bedeutet, bekenne dich zu deinen eigenen Schwächen und arbeite daran, sei eins mit dir selbst, anstatt zu erwarten, dass dein Partner die Lösung für alles ist. Die im 19. Jahrhundert aufgekommene romantische Liebesehe führt sehr oft dazu, dass die meisten Leute mit viel zu übersteigerten Vorstellungen heiraten und nach wenigen Jahren so enttäuscht sind, dass sie sich wieder scheiden lassen und ihr Glück dann oft bei einem anderen Partner versuchen... mit dem man dann seltsamerweise meist die gleichen oder zumindest sehr ähnliche Probleme hat. Das führt dann zu den beliebten Legenden wie "Männer und Frauen passen nicht zusammen" oder auch ganz lapidar "Die Männer..." bzw. "Die Frauen..." mit Schulterzucken. Auch das in unseren Breiten bis zur Übersättigung breitgetretene und durchgekaute Thema Sexualität wird von Eva Zurhorst mutig zur Sprache gebracht und neu beleuchtet. Auch das Thema Religion wird auf erfrischende, gut nachvollziehbare Art neu erklärt. Was aber leider nicht deutlich genug angesprochen wird, ist die Tatsache, dass der Partner und / oder die Liebesbeziehung keinesfalls ein Ersatz für Gott sein dürfen.
Die Schwachstelle dieses Buchs ist seine Naivität; obwohl es mir gefallen hat, möchte ich einige klare Einschränkungen aus meiner eigenen Sicht nennen.
1. Jeder würde sich gekränkt fühlen, wenn man erfährt, der eigene Partner habe "den ersten besten geheiratet", weil es ja eh nicht darauf ankommt, da der Partner nur der Spiegel für die eigenen Fehler und Probleme ist. Man sollte schon eine Auswahl treffen; die Partnerarbeit kommt erst danach.
2. Laut Frau Zurhorst "verliebt man sich, um nicht lieben zu müssen." Das spontane Gefühl, verliebt zu sein, ist aber sehr machtvoll und kann einen stark verändern, vor allem zum Positiven; man sollte es nicht unterschätzen. Das schließt auch nicht aus, in der genannten Weise an der Partnerschaft zu arbeiten, wenn man mit dem Menschen, in den man sich verliebt hat, dann zusammen ist.
3. Es ist meiner Ansicht nach unerlässlich, einen Partner zu haben, der mit einem selbst auf gleichem Niveau bzw. gleichwertig ist. Ein zu großer Graben, z.B. in der Intellektualität, ist meiner Erfahrung und Beobachtung nach kaum zu überbrücken.
4. Die genannten Verhaltensweisen wirken, wenn man die Ehe nicht als Flucht benutzt hat. Viele flüchten vor schweren persönlichen Problemen oder sogar Traumata in die Ehe, und das ist natürlich keine Lösung sondern belastet den Partner nur weit über Gebühr. Seelische Störungen fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich der Ehe; ein Mensch mit z.B. einer geringen Selbstachtung wird mit hoher Wahrscheinlichkeit an einen manipulierenden oder sogar missbrauchenden Partner geraten, und durch diese stetige neue Belastung kaum eine Chance haben, sein Selbstwertgefühl zu heilen.
5. Es ist für die Partnerarbeit unbedingt erforderlich, dass der Partner mitmacht. Wenn dieser auf stur schaltet und die Verantwortung für die Ehe dem oder der anderen überlässt, ist das frustrierend genug, um die Beziehung zu zerstören. Das kann die verschiedensten Gründe haben (siehe oben), aber die wenigsten Menschen werden bereit sein, jahrzehntelang auf ihr Lebensglück und ihre Erfüllung zu warten, weil der Partner sie mit der Mühe, die Ehe zu gestalten, allein lässt.
6. Eine Ehe oder Beziehung sollte trotz allem beendet werden, wenn man einander aus einem der o.g. Gründen bereits gegenseitig zu weh getan hat und die Nähe des anderen beim besten Willen nicht mehr ertragen kann.
7. Die Aussage "Sich verweigern, wenn von einem Mann begehrlicher Sex ausgeht und keine nährende Liebe" ist sehr schön und wahr, aber wie gut kann man sie umsetzen? Wenn es danach ginge, müssten die meisten Frauen wahrscheinlich drei Viertel ihres Lebens keusch verbringen. Andererseits setzen vielen Frauen Sex ein, um ihren Partner zu manipulieren; auch das sollte nicht sein.
Fazit... Ja, man kann von jedem erwarten, dass er sich selbst ansieht und die eigenen Probleme, bevor er ständig den anderen anklagt, gerade in einer Ehe. Aber man muss sich nur ein wenig mit Geschichte auskennen, um zu wissen, wie viel Unglück aus den früher üblichen Vernunftehen entstand (als man noch zu sagen pflegte "Die Liebe kommt in der Ehe"). Ein berühmtes Beispiel, das Frau Zurhorst sicher gefallen würde, war die Heilige Rita von Cascia, die von ihrem Mann ständig geschlagen wurde, aber unbeirrt an ihrer Religion und Tugend festhielt, bis er sich von ihr bekehren ließ und die Ehe endlich gut wurde - dies aber erst nach ungefähr zwanzig Jahren. a) Frau Zurhorst scheint mit ihrer Ehe, d.h. einem immerhin gleichwertigen und psychisch stabilen Partner, Glück gehabt zu haben, das trifft aber nicht auf jeden zu; b) man kann nicht von jemandem verlangen, der in einer unglücklichen oder vielleicht sogar fürchterlichen Ehe oder Beziehung lebt, ein Heiliger zu sein oder zu werden!
Vielleicht sollte man den Titel zum besseren Verständnis einfach umdrehen: liebe dich selbst NICHT... und selbst der wunderbarste Partner wird der Falsche für dich sein.