"Ariane - Liebe am Nachmittag" ist ein Film, der weder in Billy Wilders noch in Audrey Hepburns Werk zu den ganz großen zählt. Ich werde ihn mit Klauen und Zähnen verteidigen. Wie schon "Sabrina" muss man sich auf gewisse Absurditäten einfach mal einlassen und kann dann bewundern, wie elegant, witzig und romantisch Wilder eine Liebesgeschichte erzählt und das enorme Potenzial der zauberhaften Hepburn nutzt (bzw. sie es selbst nutzt). Vielleicht hat der Film einen durchwachsenen Ruf, weil er in seiner Schwachsinnigkeit noch viel konsequenter als "Sabrina" ist. Dazu eine kleine Inhaltsangabe: Ein Pariser Privatdetektiv spioniert im Auftrag betrogener Gatten Ehebrecher aus, mit Vorliebe den notorischen Playboy Flannagan (Gary Cooper), in den sich Detektivstochter Ariane verliebt und dem sie begegnet, als sie ihn vor den Mordansichten eines der Gehörnten warnen kann. Ariane ist eigentlich eine brave Musikstudentin ohne große Männergeschichten, aber um Flannagan zu beeindrucken, erfindet sie ein wildes Liebesleben im Jet-Set. Irgendwann ist Flannagan wegen der Vorstellung, nur noch die Nr. 2 der Aufreißer zu sein, wunschgemäß kirre...
Ein paar der völlig unlogischen Blödsinnigkeiten seien genannt:
- Dass Flannagan ernsthaft zu Ariane passen soll, sich gar ändern sollte, glaubt man keine Sekunde
- Dass die Polizei nicht reagiert, wenn Ariane recht glaubwürdig erzählt, dass Flannagan zu einem festen Zeitpunkt an einem bekannten Ort ermordet werden soll, ist idiotisch (wenn auch witzig: "Wir haben nicht genug Polizisten. Sollen wie Pfadfinder schicken? Wir können doch Jungs in kurzen Hosen nicht so einer Situation aussetzen...")
- Flannagan lässt zu seinen Schäferstündchen immer eine kleine Zigeunerkapelle live aufspielen. Möchte irgendjemand, um eine Frau rumzukriegen, vier Musiker um sich haben??? Flannagan nimmt die sogar einmal mit ins Türkische Bad, bis das Wasser aus der Geige geschüttet werden kann - totaler Nonsense...
- Und Paris ist mal wieder das Klischee der Klischees (wer es genauso grauenvoll findet wie ich, Englisch mit frz. Akzent zu hören, schalte wegen der Off-Einleitung zu Beginn bitte auf die deutsche Tonspur).
Aber, Du liebe Zeit, dieser Film macht alles richtig und hat ein Kabinettstückchen nach dem nächsten. Erst einmal hat Billy Wilder das Phänomen Hepburn genau richtig verstanden und zeigt das auch. Gary Cooper ist oft im Halbschatten, Audrey wird von der Kamera geliebt. Sie ist eben so charmant, dass da mal ein Filmteam gesagt hat, hey, lassen wir sie das Unmögliche möglich machen, lassen wir sie einen notorischen Stecher becircen und nachhaltig verunsichern. Wie bei "Sabrina" gilt: Wer den Zauber der Hepburn verstehen möchte, sollte diesen Film sehen. Desweiteren zieht sie dieses ganze Mimikry recht spaßig durch, und dabei ist Wilder auch angenehm Wilder-typisch und von unverwechselbarer persönlicher Handschrift. Er hatte sich in "Frau ohne Gewissen" schon als Fußkettchenfetischist erwiesen und treibt damit nun seine (selbst-)parodistischen Späße: So ein Fußkettchen, meint Arianes Vater, habe immer etwas leicht Anzügliches, und schon präsentiert Ariane Flannagan eine Halterung am Cellokoffer als sündhaft teures Fußkettchen, das ihr irgendein Verehrer geschenkt habe. Wenig später schmeißt Ariane es nonchalant in einen See. Dieser See übrigens ist bei einer Bootsfahrt von Ariane und Flannagan gefilmt wie ein berühmtes Gemälde (ich habe gerade vergessen, welches). So erweist sich Wilder diesmal auch als visuell interessant, was ansonsten vielleicht nicht gerade seine stärkste Seite war. "Ariane" hingegen gefällt optisch nicht nur in diesem einen Moment, sondern ist auch ansonsten perfektes Kino der Sinne in Symbiose aus Bewegung und Musik. Ein meisterhaftes Kabinettstückchen, wie es nur Wilder kreieren konnte, ist die Szene, in der sich Flannagan betrinkt: Ariane hat ihn versetzt, ihm aber eine Diktaphonaufzeichnung hinterlassen, auf der sie alle angeblichen Männer in ihrem Leben auflistet, bei Nr. 20 endend mit "Fortsetzung folgt". Wie oft wird über Andie McDowells Liste aus "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" geredet, wie selten über Arianes, dabei war sie möglicherweise Vorbild. Zwar ist die eine Liste erfunden, die andere nicht, aber die Hepburn trägt das genauso selbstbewusst vor, genauso schnippisch, ist mit genauso großer Selbstverständlichkeit maßlos, und maßlos ärgerlich für Flannagan. Er hört das Diktaphon immer und immer wieder, kann das überhaupt nicht ertragen, vor allem nicht die Worte "Fortsetzung folgt". Die Zigeunerkapelle steht bereit und spielt, Ariane ist nicht da, Flannagan hört diesen Text im Nebenzimmer, und dabei rollt ein Barwagen immer hin und her, um abwechselnd die Musiker und Flannagan mit Alkohol zu versorgen. Bis zum nächsten Morgen geht das, es war angesichts von Teppichkanten etc. gar nicht leicht zu drehen, ist absurd, aber wunderschönes pures Bewegungskino unter Einbindung eines musikalischen Leitmotivs.
Überhaupt, die Musik, da macht Wilder etwas, das er öfter einmal gemacht hat. Es gibt sehr wenig musikalisches Material, aber dieses wird sehr akzentuiert und leitmotivisch eingesetzt. Wilder setzt hier die Musik fast immer auf der erzählten Ebene ein, so dass er sie nicht nur in Beziehung zu den Protagonisten setzen kann, sondern sie auch für diese selbst in der Film-Handlung Bedeutung hat. Bevor Flannagan zur Sache geht, spielt die Kapelle immer einen Csardas namens "hot paprika", und wenn es langsam "losgeht", spielt sie den bekannten langsamen Walzer "Fascination". In der Handlung hat Ariane den noch ewig und drei Tage im Kopf, obwohl sie ein ganz anderes klassisches Cellostück üben soll. In der Wirklichkeit hat der Zuschauer den noch ewig und drei Tage im Kopf: Ariane is Fascination, so is the movie.