Die Enzyklika wurde erwartet, um endlich konkrete Anwendungen des Christseins im Sinne Benedikt XVI. zu haben. Diese Erwartungen erfüllt die Enzyklika nicht. Man merkt dem Schreiben an, dass der Papst gerade nicht konkret werden und doch pragmatisch schreiben wollte. Es werden keine originären oder originellen Gedanken vorgestellt. Papst Benedikt stellt den roten Faden bisheriger Sozialenzykliken dar und fokussiert die Entwicklungslinien in dem Gedanken der Liebe, die wiederum auf die Wahrheit bezogen ist. Mit Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem hält er sich zurück. Zwar werden Ungerechtigkeiten angemerkt, doch steckt darin keinerlei Provokation. Das will der Papst wohl auch nicht. Wer als Wirtschaftswissenschaftler die Enzyklika liest, wird sich bestätigt finden: Der Kapitalismus muss sozialer werden und das nicht als Motto, sondern als innere Motivation. Bei Benedikt XVI. muss man, wie in anderen Schriften auch, auf die Feinheiten achten. Er spricht davon, dass die Soziallehre der Kirche ein unverzichtbarer Ort der Erziehung zum Glauben sei. Das kann nur heißen, dass das Einstehen für eine soziale Gerechtigkeit eine wichtige Christenpflicht ist. Diese Aufgabe soll der Christ jedoch nicht aus wissenschaftlicher Sicht angehen, sondern aus dem Gebet oder der eigenen Spiritualität. Damit ist das Eintreten für eine gerechtere Welt allerdings kein politisches Tun mehr, auch wenn es politisch ist. Man versteht, warum Joseph Ratzinger die politische Theologie und vor allem die Befreiungstheologen nicht so mochte. Eine "richtige" Wirtschaft entsteht aus dem Glauben heraus. Die Kirche kann Politikern usw. nicht beratend zur Seite stehen, sie kann es nur seelsorgerisch. Vielleicht ist das der süffisante Unterton der Enzyklika: Kümmert euch um euren Glauben, um das liebende Tun aus der Wahrheit heraus und dann werdet ihr schon das Richtige machen. Vielleicht ist das ein wenig naiv, vielleicht ist das aber auch die Urambivalenz des Christentums, um die sich Benedikt XVI. nicht herumdrückt, auch wenn er sie nicht deutlich benennt.