Ich muss zugeben, ich habe mir dieses Buch spontan bestellt, weil ich einfach den Titel interessant fand und auch die Rezensionen dazu bisher durchweg gut ausfielen. Dass das Buch im Japan der 30er Jahre geschrieben wurde machte mich zwar skeptisch, aber ich war offen.
Ich kann aber allerhöchstens sagen, dass das Buch aus kulturhistorischer Sicht einige spannende Einsichten liefert. Zum Beispiel zeigt es auf, dass der Mythos, Japan sei in seiner Vergangenheit wesentlich offener mit Sexualität umgegangen wohl irgendeine europäische Wunschprojektion sein muss. Der Autor scheint eher von der Freizügigkeit westlicher Verhältnisse beeindruckt zu sein.
Was ihn ebenfalls beschäftigt ist die gesellschaftliche Stellung der Frau im Westen. Er zeigt immer wieder auf, dass es in Japan wohl schon lange Tradition ist, dass Frauen sozusagen Menschen zweiter Klasse sind. Besonders bemüht, das kritisch zu durchleuchten, ist er dabei jedoch nicht.
Woran das liegen könnte, ahnt man, wenn man seine Formulierungen liest: "Was die Frische des Teints und die Proportionen angeht, ist zwar der Körper der westlichen Frauen, aus der Distanz betrachtet, unvergleichlich viel anziehender. Wenn man sich ihnen aber nähert, erweist sich ihre Haut als rau und von üppig sprießendem Flaum überzogen, sodass man manchmal ernüchtert etwas zurückweicht. Überdies haben sie, so meint man, wenn man sie anschaut, schlanke, wohlgeformte Glieder, die den Eindruck einer von uns besonders hoch geschätzten elastischen Fülle erwecken. Aber wenn man dann die Arme und Beine wirklich anfasst, so sind sie weich und schwabbelig und bieten keinen Widerstand, und das so attraktive Gefühl gestraffter Festigkeit kommt nicht auf." (S.69-70)
Wer eine dermaßen objekthafte Sichtweise auf Menschen als eine Betrachtung zu Liebe und Sinnlichkeit verstehen möchte, kann dies tun. Ich dagegen habe wenig daraus ziehen können, ausser dass ich Mitleid bekam mit den beschwärmten "...Schönheiten der innersten Räume, vergraben hinter Vorhängen ganz tief in ihren Schlafgemächern." (S.54)
Zwar räumt der Autor ein, dass es vor mehreren hundert Jahren die sinnliche Epoche der Heian-Zeit gegeben hat, in der auch Frauen eine Stimme hatten und aus der er mehrmals berichtet. Jedoch stellt er dann auch klar: "Wenn wir uns nur ein bisschen hätten gehen lassen und das müßige Leben der Adligen aus der Heian-Zeit fortgeführt hätten, wären die großen Nachbarn sofort eingefallen (...) An dieser Situation hat sich auch heute noch nichts geändert. Wir sind ein Volk mit einem starken Willen, nicht zu unterliegen; und dass wir uns heute in Ostasien zu den bedeutensten Mächten der Welt zählen können, hat wohl auch damit zu tun, dass wir uns nicht übermäßigem Genuss verschrieben haben." (S.48-49)
Wie die Verhältnisse in Japan wenige Jahre später tatsächlich aussahen, weiss man ja dann aus der Geschichte. Die gedanklichen Muster des Autors passen einfach zu gut in das Bild, das manche Psychologen auch hinsichtlich der Haltung zu Liebe und Sinnlichkeit für protofaschistische Epochen analysieren. (für diese zugegeben gewagte Aussage weise ich als Beispiel mal auf Tanizakis westlichen Zeitgenossen Wilhelm Reich hin) Tatsächlich hat sich Tanizaki einige Jahre später als Autor für die Militärpropaganda vereinnahmen lassen.
Alles in Allem also ein interessanter Einblick. Ich konnte darin aber wenig wirkliche gedankliche Anregung zum Thema Liebe und Sinnlichkeit finden. Statt den Zauber der "nur angedeuteten Zärtlichkeit" besser kennenzulernen, traf ich auf eine aus meiner Sicht eher Frauen herabsetzende Plauderei, die sich im Gewand literarischer Belesenheit versteckt.