Die Autorin Johanna Ancke, geboren 1938 in Dresden, lebt in Sachsens Haupstadt. Sie ist glücklich verheiratet und Mutter dreier Kinder. Anfang des neuen Jahrtausends begegnete sie an den Elbwiesen einem älteren Päärchen. Die unglaubliche Liebe, die diese beiden verband, war nicht zu übersehen. Diese Zuneigung hielt noch in einem so hohen Alter. Aus einem anfänglichen Gespräch entwickelte sich eine Freundschaft. Und Herr Dupont erzählte seine Liebesgeschichte, die so unglaublich klang, dass Johanna Ancke sie zu Papier bringen musste.
"Ich bitte Sie!", sagte die Beamtin, "woher soll unser Staat denn wissen, dass diese Heirat nicht nur zum Zwecke der Ausreisegenehmigung getroffen und nach erfolgter Ausreise wieder getrennt wird? Mussten Sie sich denn ausgerechnet in den Bürger eines kapitalistischen Auslandes verlieben?" Karolina wurde strafend angeblickt. Ich war friedlich geblieben, weil sie "Bürger eines kapitalistischen Auslandes" gesagt hatte. Hätte sie gesagt "Mussten Sie sich ausgerechnet in einen Klassenfeind verlieben?", dann wäre ich ihr bestimmt an die Gurgel gesprungen.
Karolina sah mich besänftigend an, doch die Frau hinter dem Schreibtisch war mit ihrer Predigt noch nicht fertig.
"Ich gebe ja zu, dass dieser junge Mann...", sie blätterte in meinen Papieren. "..wo sind Sie eigentlich her - ach, aus Frankreich - na, ja, ganz gut aussieht", dabei musterte sie mich von oben bis unten. "Aber schließlich gibt es unter unseren Bürgern auch sehr attraktive und vor allem sehr staatstreue Männer."
"Oh Gott!", dachte ich. "Wo sind wir denn gelandet?" Karolina explodierte: "Sie müssen schon mir überlassen, Genossin Heidenreich (die Beamtin trug eine Spange mit diesem Namen an ihrem Kostüm), in wen ich mich verliebe!"
"Nein, nein.", sagte diese, "so ist es nicht. Wenn wir Ihnen nicht die Möglichkeit gegeben hätten, dass sie die französische Sprache erlernen dürfen, dann wären Sie mit diesem Mann nie zusammen getroffen."
"Ich spreche seit meiner Kindheit diese Sprache, ich habe sie in meinem Elternhaus erlernt", protestierte Karolina und erkannte im gleichen Augenblick, dass sie so etwas nicht hätte sagen sollen.
Die Genossin erstarrte. Dann murmelte sie: "Das ist ja interessant." Sie fuhr fort, uns zu belehren.
"Wenn Sie also heiraten wollen, können sie einen Termin zur Heirat beim Standesamt beantragen und müssen sich bei der Eheschließung entscheiden, ob Sie nun ausreisen wollen oder nicht. Wenn ja, dann kann ab diesem Termin der Antrag dazu gestellt werden. Wenn nein, also wenn sich der Ehemann entschlossen hat, hier zu bleiben, dann kann er
a) den Antrag stellen, Bürger der DDR zu werden, oder
b) seine Staatsbürgerschaft behalten, amtlich ausgedrückt: Staatsbürger von Frankreich mit Wohnsitz in der DDR, aber!!!...",
Sie machte eine gezierte Kunstpause und fuhr dann fort:
"...er müsste sich schriftlich dazu bereit erklären, seine Arbeitskraft und sein Verhalten dem Wohle der DDR zur Verfügung zu stellen. Mit anderen Worten, er dürfte nicht negativ auffallen oder gar gegen unseren Staat arbeiten."
Sie händigte uns einen umfangreichen Papierstapel aus, der genauestens ausgefüllt, in vierfacher Ausfertigung, einzureichen sei.
Karo: "Und wenn wir in der Zwischenzeit ein Kind bekommen?"