Ich glaubte es nicht! Hatte Melli tatsächlich grade ihre Verlobung bekannt gegeben? Ausgerechnet Melli, die sich niemals im Leben an einen Typ binden wollte? Sie, die freie, die unabhängige Künstlerin mit den großen Rosinen im Kopf, was ihre Weltkarriere anging?
Erst traute ich ja meinen Ohren nicht, aber als sie dann auch noch Lars an sich zog und ihn vor allen Partygästen abknutschte, musste ich wohl akzeptieren, dass die Sache besiegelt war. Verlobt! Melli und Lars! Das war ja zum Mäusemelken!
Ich schielte zu Karlos rüber. Eigentlich wäre er doch dran gewesen. Seit Wochen wartete ich auf die erlösende Frage, aber sie kam und kam nicht. Nur meine Freundinnen Alix und Melli nahmen ganz selbstverständlich an, dass er mich heiraten würde. Er selber jedoch hatte darüber so direkt noch nie mit mir gesprochen.
Aber eigentlich war auch ich bis heute davon ausgegangen, dass ich die Erste sein würde, die von uns drei Freundinnen ihren Typ vor den Traualtar schleppte oder von ihm geschleppt wurde, und nun sah es so aus, als würde Melli mir tatsächlich zuvorkommen.
Nein, bei aller Freundschaft, das konnte ich mir nicht bieten lassen.
»Paula, reg dich ab!«, meinte Alix zwar. »Eine Verlobung ist noch keine Hochzeit, und wie ich Melli kenne, wird das auch so schnell keine. Eher eine Art Dauerverlobung. Du kannst sie also locker noch überholen. Ich wette, bei dir bimmeln die Hochzeitsglocken zuerst.«
Nun ja, das war ihre Meinung. Aber verlassen konnte ich mich darauf nicht, denn so schlaff, wie Karlos die Neuigkeit hingenommen hatte, sah es nicht danach aus, als wenn er sich in der Sache wirklich bewegen wollte. Dabei war doch eigentlich alles perfekt.
Er hatte das richtige Alter, ich hatte das richtige Alter, er hatte ein gutes Gehalt, ich hatte ebenfalls mein Auskommen im Job. Wir - und das war nicht zu unterschätzen bei einer Heirat - liebten uns, und wir hatten ähnliche Träume und Wünsche im Leben. Selbst ein kleiner Karlos wäre doch drin.
Warum also machte er mir keinen Heiratsantrag? Thomas, mein Exfreund, den ich vor Karlos hatte, der war nicht so. Der hatte auf den Knien vor mir gelegen und mich geradezu angefleht, ihn zu ehelichen.
Ich ging zu Karlos rüber, der sich grade von Justin, unserem einzigen männlichen WG-Mitbewohner, einen seiner merkwürdig kreativen Cocktails mixen ließ. Ich setzte mein bezauberndstes Lächeln auf, trat neben ihn und fragte: »Ist das nicht fabelhaft, Karlos, dass Melli sich verlobt hat? Was hältst du davon, wenn wir eine Doppelhochzeit feiern würden?«
»Wieso? Will Alix auch heiraten?« Der wollte mich doch veräppeln, oder? So blöd konnte er doch wohl nicht sein. Also nächster Versuch.
Ich kicherte albern, so als hätte er einen tollen Scherz gemacht, und sagte mit etwas aufgesetzter Fröhlichkeit: »Sehr spaßig! Ich dachte eher an uns, dich und mich.«
Er goss sich seinen Cocktail in einem Zug die Kehle runter, was wohl nicht so wirklich bekömmlich war, denn er sah ein wenig verätzt aus, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen, und sagte gequält locker: »Geht hier ein Virus um? Scheint ja das reinste Hochzeitsfieber zu herrschen.«
Und damit war die Sache für ihn scheinbar gegessen, und er wandte sich wieder Justin zu, den er erstmal fragte, was er denn für ein Teufelszeug in den Cocktail getan hätte. Unverschämtheit. So ließ ich mich nicht abspeisen. Ich tippte ihm auf die Schulter, und als er sich umdrehte, sagte ich: »Hast du Angst vor Ansteckung? Ich nicht. Ich dachte, wir wären uns in der Hinsicht einig.«
Er grinste, was aber ebenfalls gequält wirkte. »Paula, Süße, das sind wir doch auch.«
»Und worauf warten wir dann noch?«
»Auf die Zustimmung meiner Mutter.«
Es war Melli, die mich auffing, als der Schock mich beinahe zu Boden geworfen hätte.
Er hatte doch eben nicht wirklich gesagt, dass er für einen Heiratsantrag die Genehmigung seiner Mama einholen müsse?
»Doch, hat er, Paula, hat er.«
Melli schleppte mich ins Bad und legte mir einen nassen Waschlappen auf die Stirn.
»Aber das ist doch totaler Blödsinn! Was habe ich mit seiner Mutter zu schaffen?«
Sie war doch nichts anderes als eine aufgeblasene, neureiche Schnepfe mit völlig überzogenem Standesdünkel!
»Noch hast du nichts mit ihr zu tun, aber über eins musst du dir im Klaren sein: Wenn du Karlos heiratest, wird sie deine Schwiegermutter!«
»Stimmt«, sagte ich zu Melli. »Und weil sie das auf keinen Fall werden will, wird Karlos mir nie einen Heiratsantrag machen.«
Ich schluckte und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich lief in die Diele, zog meinen Mantel über und warf noch einen letzten Blick auf das muntere Partytreiben in unserer WG.
»Wo willst du hin, Paula?«, fragte Melli verwirrt.
»Ich... ich gehe ins Wasser! Grüß Karlos von mir!«
Als ich die Wohnungstür öffnete, rannte ich genau in Frau Waschkowski hinein, die wohl wieder mal gelauscht hatte. Jedenfalls sagte sie: »Dat is keine gute Idee, Fräulein Paula, kommen Se lieber erst mal auf einen Weinbrand mit zu mir.«
Sie zerrte mich trotz Widerrede in ihre Wohnküche, brachte eine Flasche Maria Cron und zwei Wassergläser und goss mir großzügig ein.
»Auf das Leben, Fräulein Paula«, sagte sie. »Und nu erzählen Se mal. Worum geht et denn? Weswegen wollen Se ins Wasser gehen?«
Ich schaute sie eine Weile schweigend an und trank zwei Gläser Maria Cron. Dann kam mir die ganze Situation so absurd vor, dass ich einen regelrechten Lachkrampf bekam.
»Es geht um meine Schwiegermutter«, sagte ich schließlich kichernd. »Meine zukünftige Schwiegermutter. Sie hasst mich, weil ich eine Friseurin bin und nicht aus einer Akademikerfamilie stamme. Ich bin nicht gut genug für ihren feinen Herrn Sohn!«
Frau Waschkowski nickte und sagte: »Dann gehen Se wohl doch besser ins Wasser.«
Der nächste Schluck Weinbrand ätzte meine Kehle runter, und was das Wasser betraf, so schoss es mir erst mal in die Augen. Dann zuckte meine linke Augenbraue fragend nach oben. Das war doch nicht ihr Ernst? Verstand sie das etwa unter Aufmunterung? Anstiftung zum Selbstmord?! Das Untergründige in Frau Waschkowski ließ mich schaudern.
»Aber ... äh ... muss das wirklich sein ... ins Wasser gehen?« Ich dachte an die seltsame Totenmaske aus Gips im Schlafzimmer meiner Großmutter, die von einer unbekannten Schönen stammte, die sich in der Seine ersäuft und auf die Art eine traurige Berühmtheit erlangt hatte. Das wollte ich alles doch gar nicht! Paula ... einsam als Gipsabdruck in kleinbürgerlichen Schlafzimmern an der Wand! Gott bewahre! Wenn schon Schlafzimmer, dann bitte ein großbürgerliches mit riesigem Doppelbett, in dem ich zusammen mit Karlos lag. Und zwar nicht kalt und bleich, sondern erhitzt, atemlos und glücklich, wie es zwei Liebende nach lustvollem Sex eben waren.
Ich seufzte tief bei diesem Gedanken. Was Frau Waschkowski wohl falsch verstand und zum Anlass nahm, mir den nächsten Weinbrand ins Glas und ihre pessimistische Weltsicht ins Gehör zu gießen.
»Ach, wissen Se, Fräulein Paula, gegen solche Standesdünkel kommt man einfach nicht an. Ich weiß, wovon ich spreche, glauben Se mir ruhig. Da lassen Se mal besser die Finger von.«
Ich starrte sie ungläubig an. Was wusste denn Frau
Waschkowski von Männern aus reichem Haus und Schwiegermüttern mit Standesdünkel? Das waren ja ganz und gar unerwartete Töne von unserem Hausdrachen, der uns seit unserem Einzug in dieses Haus nachbarschaftlich terrorisierte. Hm, irgendwie hatte ich sie immer nur als verbitterte ältliche Jungfer wahrgenommen, deren Hauptlebenszweck darin bestand, ihre Mitmenschen zu kontrollieren und mit übertriebenem Ordnungsdenken und Sauberkeitswahn zu nerven. Warum sie so geworden war, wie sie war, und ob möglicherweise eine tragische Liebe dahintersteckte, das hatte mich eigentlich bisher nicht die Bohne interessiert. Tat es jetzt angesichts meiner eigenen Tragik auch nicht wirklich, und...