Delia, Lucinda und Yvonne, Teenager ohne wirkliche Zukunftsperspektive leben in Opunake, einer Kleinstadt 'am Ende der Welt'. Alle drei sind schwanger und alle drei behaupten, dass nur Außerirdische als Väter in Frage kommen. Schnell weiß das ganze Dorf Bescheid und jeder hat so seine eigene Vermutung wie viel Glauben man den Geschichten der Mädchen schenken darf. Als die Klatschpresse Wind von der Angelegenheit bekommt verselbständigen sich die Gerüchte immer mehr.
Gewohnt gesellschaftskritisch und mit äußerst scharfer Beobachtungsgabe skizziert McCarten hier eine Dorfgemeinschaft, wie es sie wohl überall und nicht nur am Ende der Welt gibt. Wie schnell erwacht da durch Gerüchte und durch aus Einsamkeit geborenen Illusionen eine Geschichte, die sich auf erschreckende Art und Weise so sehr verselbständigt, dass am Ende niemand mehr so genau weiß, wie die Wahrheit denn nun aussieht? Und gibt es sie überhaupt? Die EINE Wahrheit?
McCartens Protagonisten jedenfalls suchen nach ihr. Die einen eher halbherzig, wie der Bürgermeister von Opunake, der mit einer Schwimmbaderöffnung eigentlich voll und ganz beschäftigt ist, die anderen umso fieberhafter. So zum Beispiel der neu in die Stadt gekommene Bibliothekar Phillip, mit dem Delia sich langsam und behutsam anfreundet. Er will die Wahrheit wissen und erfährt sie am Ende auch. Es gibt nicht viele Autoren, die dem Leser ihre Charaktere mit einer solchen Leichtigkeit nahe bringen wie McCarten es tut. Werden Protagonisten oft eher anhand von Beziehungen untereinander dargestellt, versteht es McCarten jeden Charakter auch isoliert von den anderen mit all seinen Ecken und Kanten, mit seiner ganz eigenen Sicht auf die Wahrheit und das Leben vorzustellen. Man ist ganz dicht dran an seinen Figuren und kann sich deren Stimmungen nur schwer entziehen. Nein, es das ist nicht immer angenehm, aber vielleicht gerade deshalb manchmal umso wichtiger.
Allein auf Grund des Klappentexts hätte mich das Buch vermutlich nicht sonderlich gereizt. Die Umsetzung eines doch recht absurd klingenden Stoffs ist jedoch mehr als gut gelungen. Genau im richtigen Moment ' kurz bevor ich tatsächlich von der Existenz der Außerirdischen überzeugt war ' löste sich das Rätsel auf und ich konnte das Buch mit einem guten Gefühl und ohne offene Fragen weglegen.
Fazit: Im Vergleich zu 'Englischer Harem' (grandios!!!) und 'Superhero' ein etwas schwächerer McCarten, der aber immer noch weit oben auf meiner persönlichen Bestenliste 2011 steht. 4 Sterne für ein Buch, das mich wieder einmal in meiner Begeisterung für einen Autoren, der mit unfassbar großer Leichtigkeit mit den Sehnsüchten und bisweilen auch Abgründen seiner Protagonisten spielt, bestätigt hat.
Zitate:
Leidenschaft hauste in ihm wie ein verkümmertes Tier, das nach Nahrung schrie. Er wusste, wie unglücklich Liebende es meistens wissen, dass es nun nicht mehr lange dauern konnte, bis dieses Tier sich in seinem Hunger auf seinen Herrn stürzen würde. ['] Er sah ihr nach und konnte nur noch bestätigen, dass er keinerlei Eindruck auf sie gemacht hatte, dass er seit je keinerlei Eindruck auf sie machte. Und drinnen leckte das hungrige Tier von neuem an seinem bleischweren Herzen, schnüffelte mit heißem Atem und feuchter Schnauze, entblößte die Reißzähne, und dann biss es ein Stück von seinem Herzen ab. Das tat weh. Zum ersten Mal spürte Gilbert Haines das Elend, die ganze Wucht einer unerwiderten Liebe. (Seite 49 / 50)
Das feine Gewebe der Ehe besteht aus mannigfaltigen Fäden, und vielleicht ist es die größte Herausforderung einer lebenslangen Gemeinschaft, der Versuchung zu widerstehen, an denen, die lose heraushängen, zu ziehen. Stattdessen braucht man Geduld, um sie behutsam, mit Ruhe und Gelassenheit wieder in die Textur der Zweisamkeit hineinzuflechten, und darf sich nie den Verdacht bestätigen lassen, dass ein kleines Fädchen, wenn man einmal daran zieht, das Ganze aufribbeln wird. (Seite 86)
Am Montag kamen die langerwarteten Bücher aus Wellington in fünfunddreißig identischen Pappkartons. Zwei Möbelpacker trugen sie in die Bibliothek, und dann hielten sie Phillip ein dickes Bündel Papiere unter die Nase, eine Liste sämtlicher gelieferter Bände ' eine veritable Sturzflut aus Klassikern. Als der Lastwagen wieder fort war, erhob Phillip sich von seinem Platz und betrachtete die vielversprechende Ansammlung. Kein Pirat mit einer solchen Zahl an Schatztruhen hätte glücklicher über seine Beute sein können. Schier unglaublich, dass solcher Reichtum mit einer einzigen Lieferung gekommen war. (Seite 244 / 245)