Ein Briefwechsel der besonderen Art: Alice Schwarzer und Barbara Maia waren zwischen 15 und 21 beste Freundinnen, mit allem, was dazugehört: unbedingtes Vertrauen, Austausch kleiner und großer Gemeinsamkeiten und Geheimnisse, Schwärmerei für James Dean und gemeinsame Ferien ebenso wie gerade noch vermiedene Vergewaltigungen. Kennengelernt haben sie sich Ende der 50er Jahre in Wuppertal auf der Handelsschule, und gemeinsam haben sie die Provinz der späten Adenauerzeit aufgemischt. 1964 brach der Kontakt ab. Anlässlich ihres 60. Geburtstags nahm Alice Schwarzer den Kontakt wieder auf, und nun wurden Briefe gewechselt, in denen A.S. und B.M. nocht einmal ihre Jugend durchleben, in denen sie Fragen stellen und auch beantworten, die damals nicht zur Sprache kamen.
Gut, dass dieser Briefwechsel veröffentlicht wurde. Wer nur auf spektakuläre biographische Enthüllungen o.ä. hofft, wird vielleicht enttäuscht sein, aber allen anderen empfehle ich, dieses Buch zu lesen. Es bietet nicht nur witzige Innenansichten der Adenauerzeit mit ihren patriarchalischen Strukturen: Familienverhältnisse, Hindernisse für Frauen im Berufsleben, Verhaltenskodizes für wohlerzogene junge Damen werden authentisch geschildert (manchmal denkt man beim Lesen, "waaas, das ist grad mal 40 Jahre her?", und manchmal wieder "allzuviel hat sich ja nicht geändert"). Doch wurde auch in der Provinz bereits feste an den Strukturen der Zeit gerüttelt: Maßgeblich waren nicht nur Restauration und Wiederaufbau, sondern auch Rock'n Roll, nouvelle vague im Kino, die neue Literatur aus Frankreich und den USA.
Es geht also um den Aufbruch zweier intelligenter Frauen aus der Provinz nicht nur in geographischer Hinsicht. Gleichzeitig handelt es sich hier um eine geistreiche und ungeschönte Reflexion über die "beste Freundin", über ihre Bedeutung im Leben einer Frau.
Beide Briefeschreiberinnen haben mehr als genug Humor, sodass kein einziger Satz im ganzen Buch verbiestert wirkt, ganz im Gegenteil. Und lebhaft schreiben können sie alle beide. Und dass die Briefinhalte weit über das "Weißt du noch"-Niveau hinausgehen, versteht sich von selbst.
Dieser nur scheinbar private, ungeniert subjektive Briefwechsel ist alles andere als langweilig, er ist spannend, aufschlussreich und anregend.