Vorab: Ich habe jede Folge im TV geguckt, besitze jedoch nicht die DVDs, daher kann ich zu Sonderausstattung und Aufmachung nichts sagen.
Als die Welle mit leicht verrückten und vorlauten Ermittlern mit Serien wie "The Mentalist", "Castle" und "Life" große Quoten erzielte, wurde auch meine Begeisterung geweckt. Während Life diese bis zum viel zu frühen Ende aufrecht erhielt, haben die anderen beiden Beispiele mich bald gelangweilt. "Castle" verkam zu einer angenehmen Routine, während "The Mentalist" mir mit seinem für ein Ermittlungsteam vom CBI viel zu blöden Hauptdarstellern und dem Alleswisser Patrick Jane als Berater sehr schnell tierisch auf die Nerven ging.
"Lie to me" übertrifft für mich jedoch all diese Serien um Längen und hat mich einfach nur begeistert. Tim Roth brilliert in der Rolle des teils rücksichtslosen Pessimisten Cal Lightman und liefert Schauspiel auf allerhöchstem Niveau ab. Das restliche Team ist dabei fast ebenso überzeugend, genau wie die zahlreichen Nebendarsteller. Jedoch verschafft niemand seiner Rolle eine solche Charakteristik.
Abseits des Schauspiels brechen die Fälle mit blöden Klischees, wie rumwitzelnden Ermittlern, die einem Mordfall den Ernst nehmen. Außerdem löst man sich von einem weiteren Standard: Die meisten aktuellen Krimiserien werfen mal ein paar mehr mal ein paar weniger als drei weinende angehörige und einige andere Verdächtige in den Ring und am Ende ist der weinende Angehörige dem man es am wenigsten zugetraut hat der Täter. Die zu diesem Ergebnis führende Spur taucht ungefähr fünf Minuten vor Ende der Episode auf und wirkt oft einfach aus der Luft gegriffen. Als Menschen der gerne miträtselt ärgert mich dieses Standardklischee einfach tierisch, da ich dann das Gefühl bekomme die Serie möchte mich gar nicht zum mitdenken anregen, sondern möchte mir nur seichte Witzeleien und sich bis zum Serienende nur angedeutete Romanzen zwischen den Hauptdarstellern bieten.
"Lie to me" bricht damit völlig, manchmal haben Zuschauer und Ermittler schon beim zweiten Verdächtigen die richtige Vermutung und finden im Laufe der Sendung immer mehr Beweise, manchmal wird man auch völlig überrascht. Die Ermittler benutzen außerdem hervorragend ihren Verstand und die Überlegungen von allen können wichtig sein, nicht nur die vom Mentalisten (:D).
Hinzu kommt noch das sehr authentische Verhalten: Die Hauptdarsteller haben Angst, reagieren emotional, sind abgelenkt von Privatproblemen und streiten sich untereinander. Die Gabe, die Mimik von Menschen auf Wahrheit und Lüge zu untersuchen erweist sich manchmal auch als Fluch und bringt Schwierigkeiten mit sich. Außerdem hat jeder charakteristische Merkmale und wirkt nicht unvollendet wie in anderen Serien. Da ist Lightman, der sich nicht mehr zurückhalten muss oder falschen Respekt zeigt, weil sein Ruf und seine Fähigkeit ihn dazu befähigt, Foster, die eher sanft wirkt, Lightman aber als einzige wirklich beeinflussen kann, Loker, ein zynischer und manchmal zu ehrlicher Mensch und Torres, eine selbstbewuste aber auch emotionale Frau. Alle haben ihre Eigenarten Schwächen und Stärken und haben eine interessante Interaktion miteinander. Auch Ben Reynolds, der sich später anschließt fügt sich prima ein. Die Nebencharaktere, wie Lightmans Tochter und seine Exfrau bringen außerdem noch die nötige Portion Humor mit in die Serie.
Ein weiteres Lob möchte ich hier noch für die grandiose Deutsche Synchronisation aussprechen, gerade die vier Hauptdarsteller sind (unter anderem von meinem Lieblingssprecher Markus Pfeiffer) hervorragend und passend vertont und jede Emotion, Redensart und Ironie kommt gelungen rüber ins Deutsche.
Kurzum: Lie to me ist eine hervorstechende, ungewöhnliche, realistische und unheimlich gute Serie, die ich jedem der auch nur entfernt etwas mit Crimeserien anfangen kann, wärmstens empfehle.