Die "Licks"-Tour war der verwirklichte Traum aller Stones-Fans: Drei völlig verschiedene Shows (Stadion, Arena, Club) auf einmal. An einem Tag das Hitprogramm (Brown Sugar, Satisfaction) im Stadion, am nächsten Tag die Perlen (Midnight Rambler, Can't You Hear Me Knocking) in der Halle und einen Tag später dann Unglaubliches aus der Überraschungskiste (Worried About You, Nearness Of You) im kleinen Club. Jeweils über zwei Stunden wohlgemerkt. Wer das erleben durfte, für den bleiben die Stones "the greatest Rock'n'Roll band on earth".
Was hätte "Live Licks" für ein tolles Album werden können! Ist es auch wirklich stellenweise (Monkey Man, Street Fighting Man und When The Whip Comes Down sind schlicht grandios).
Doch das nachträgliche Bearbeiten, Schneiden und Kürzen der oft zugegebenermaßen ausufernden Liveversionen hätten die Stones dem Produzententeam verbieten sollen. Das Kürzen ganzer Songteile (Brown Sugar, Rocks Off) und Soloparts (Honky Tonk Women) ist so lieblos und dilettantisch ausgeführt, dass selbst der ungeübte Hörer einen Sprung der CD vermuten wird. "Rocks Off" hat es besonders übel getroffen: Mitten in der schönen Zeile "The sunshine bores the daylight out of me" springt der Song plötzlich in den letzten Refrain. Das hier etwas nicht stimmt, hätte vermutlich selbst meine Großmutter gehört. Wahrscheinlich haben die Stones sich "Live Licks" vor der Veröffentlichung nicht angehört. Das Album hat sie nicht interessiert und sollte nur einen Vertrag mit Virgin erfüllen, da das nächste Studioalbum auf 2005 verschoben wurde. Virgin indes sollte sich schämen. Bei knapp einer Stunde Laufzeit pro CD hätte man sich die peinlichen Kürzungen sparen können.