Herrlich, wie sich viele Feuilletonkritiker, Germanisten, aber auch Leser über das erfolgreiche Buch "Lichtjahre" des FAZ-Redakteurs Volker Weidermann aufregen. Darf man auf diese Weise mit Literatur umgehen? Darf man versuchen, das oft bildungsgeschwängerte, verquaste Geschäft des Literaturkritikers, dessen Texte mehr über den Kritiker als über den zu besprechenden Text aussagen, interessanter, will sagen: populärer zu gestalten? Ja, natürlich darf man das, der Weidermann also auch. Sein Meister Marcel Reich-Ranicki hat es mit frappierendem Erfolg vorgemacht.
Nur: Die Mogelpackung "Geschichte der deutschen Literatur" hätte der Autor unbedingt vermeiden sollen, denn um eine solche handelt es sich bei seinem Werk natürlich nicht. Weidermann hat mitunter engagiert formulierte Notizen zu einigen Vertretern der deutschsprachigen Literatur nach 1945 vorgelegt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Wertungsmaßstab ist sein eigenes Wohl-bzw. Mißgefallen, auch hier in der Tradition Reich-Ranickis stehend. Allerdings: Während der Guru der deutschen Literaturkritik sein Geschmacksurteil mit dem zu besprechenden Werk zu stützen sucht, zieht Volker Weidermann autorenbiographische Kenntnisse hinzu, die das neugierige Leserinteresse wecken, für die Beurteilung des jeweiligen Werkes jedoch nur selten taugen.
Ein erfrischendes, interessantes, aufregendes, ungerechtes, Emotionen schürendes,ärgerliches, nicht immer kenntnisreiches Buch - welche "Geschichte der deutschen Literatur" kann das schon von sich sagen!
Nachbemerkung: Also, Volker Weidermann, der Kunerts Günter, der muß nun wirklich rein in eine Neuauflage! Unbedingt!! Im Ernst!!! Und: Dem Germanistenschreiber Heinz Schlaffer ("Kurze Geschichte der deutschen Literatur") haben Sie es aber gehörig gezeigt - von wegen kaum mehr was nach 1945 mangels Bedeutsamkeit...