Mein lieber Tilo Wolff, bitte versprich den Fans nicht mehr die Sterne vom Himmel und biete ihnen dann so eine Vorstellung!
Aber fangen wir von vorne an: Wolff, seines Zeichens Frontmann und Aushängeschid der weltweit erfolgreichen Schweizer Gothic-Band Lacrimosa, hat uns im vergangenen Jahr ein Projekt angekündigt, welches größer und umfangreicher sei, als alles bisher Dagewesene! Das Ergebnis dieser mühevollen und ach so aufwendigen Arbeit wurde uns dann vor einiger Zeit präsentiert: "Lichtjahre"!
Aha. Lichtjahre also. Bewegen sich die Schweizer so ungemein schnell oder was soll das bedeuten?! Es ist mittlerweile schon über 16 Jahre her, dass Lacrimosa ihr Debutalbum "Angst" veröffentlicht haben und somit ist es natürlich gerechtfertigt einen Live-Mitschnitt zu präsentieren, aber wäre da nicht mehr drin gewesen???
Wolff und seine Gespielin Anna Nurmi sind ja bekannt für ihre spektakulären und bombastischen Auftritte und daran gibt es auch dieses Mal nichts zu rütteln. Der Sound könnte voluminöser nicht sein und auch der dramatische Effekt wird wieder genauestens erreicht. Der Breitwand-Sound kommt wie eine Lawine daher und zeigt, wo der Gothic-Hammer hängt! Auch bei der Songauswahl haben die beiden ein glückliches Händchen bewiesen, denn die 24 Songs auf der Doppel-CD kommen wie aus einem Guss aus den Boxen und gehören sicherlich zum besten Material, dass Lacrimosa je veröffentlicht haben! Jetzt fragen Sie sich sicher, wo dann das Manko an diesem Mitschnitt liegt! Das kann ich ihnen ganz leicht beantworten!
Erstens gehören die Songs auf diesem Longplayer zwar zum besten Lacrimosa-Liedgut, das es gibt, doch damit ist es nicht automatisch auch wirklich hervorragende Musik. In letzter Zeit verblüffen die Schweizer meiner Meinung nach mit immer schwächeren Veröffentlichungen. Die letzte Platte "Lichtgestalt" zum Beispiel begann bombastisch und wirklich genial, die Qualität der Stücke lässt aber bis zum Ende hin total zu Wünschen übrig und manche Songs sind nicht wirklich mehr als unterdurchschnittlich inspirierter Gothic-Metal!
Zweitens, und das ist der wirklich ausschlaggebende Punkt, ist Tilo Wolff's Stimme sowas von dünn und kraftlos, dass es schon fast an Stimmversagen grenzt. Bitte, was war da los? Die lyrischen Ergüsse Wolffs - die zwar manchmal zur Lächerlichkeit neigen, aber gut - sind kaum zu verstehen und er schafft es überhaupt nicht, gegen seinen selbst kreierten Bombast-Sound anzukommen! Nach dem Opener "Lacrimosa Theme" ist schon das erste wirkliche Stück bestes Beispiel dafür: "Kelch der Liebe" vom Album "Lichtgestalt" - einer der besten Titel auf eben genanntem Longplayer - kann überhaupt nicht überzeugend dargeboten werden! Ich glaube, wenn man den Text dieses Liedes nicht kennt, hat man nicht einmal den Funken einer Chance zu verstehen, was Wolff hier eigentlich singt! Zu dünn tönt seine etwas unsicher wirkende Stimme aus den Boxen und verhaut somit den tollen, zuerst gewonnenen Gesamteindruck! Leider ist "Kelch der Liebe" hierbei keine Ausnahme, denn auch auf einigen folgenden Titeln scheint Wolff seinem eigenen Breitwand-Sound nicht gewachsen zu sein! Schade drum! Die eigenwillige Melodieführung sei dem Schweizer aber verziehen, denn durch diese wird wenigstens der Live-Charakter ein wenig besser hervorgehoben. Gefällt wahrscheinlich auch nicht jedem, aber damit muss man leben!
Na gut, was für ein Fazit sollte man nun in Bezug auf "Lichtjahre" ziehen? Festhalten muss man sicherlich, dass Lacrimosa nun schon seit 1 1/2 Jahrzehnten zu den Vorzeige-Gothic-Vertretern gehören. Auch wenn sie zwischendurch musikalisch nicht unbedingt überzeugen konnten, haben sie sich trotzdem als Fixgröße auf dem dunklen Musik-Markt etabliert. Hut ab! "Lichtjahre" ist eine tolle Bilanz über eine lange Karriere, die längst überfällig war und auch über die Aufmachung darf man sich nicht beschweren! Aber die musikalische Seite lässt meiner Meinung nach doch noch Platz nach oben offen?! Mastermind Tilo Wolff, der diese Band dorthin gebracht hat, wo sie heute ist, vermießt sich meiner Meinung nach selbst ein wenig die verdienten Lorbeeren! Seine eklatanten gesanglichen Schwächen sind einfach nicht schön zu reden und können auch nicht durch übertriebene Extravaganz und Extrovertiertheit, geschweige denn durch den ganzen Bombast vertuscht werden!!!
Übrig bleibt für mich ein durchschnittliches Live-Album einer weltweit erfolgreichen Gothic-Band, der der eigene kreative Kopf ein wenig im Weg steht! "Lichtjahre" ist leider nicht mehr, aber auch nicht weniger...