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James Salters Roman «Lichtjahre»
Der Feind in uns allen ist die Zeit: Mit dieser Erkenntnis entlässt uns Tennessee Williams aus seiner verzweifelten Ostersonntags-Phantasie «Sweet Bird of Youth». Nedra jedoch auch wenn sie in einem Alter steht, da man den «Süssen Vogel Jugend» allmählich verabschiedet fürchtet sich nicht. «Ihre Träume hängen noch an ihr, schmücken sie; sie ist selbstsicher, ruhig, man denkt bei ihr an vergessene Heilige.» Das grazile Geschöpf entstammt «Light Years», dem vierten Roman des amerikanischen Ästhetizisten James Salter. Nicht immer sind es unbeschwerte, lichte Jahre, die der Autor in seinem nun auf deutsch erschienenen Band nachzeichnet, stets indes leichte und flüchtige: Zeit, die langsam, aber trefflich fein die Menschen und ihr Leben mahlt; Zeit, die fremde Welten durchmisst wie die «Lichtjahre», die der Berlin-Verlag als Titel wählte.
Als Salters elegische Prosa über die unsterbliche Schlüsselfigur aller Schrift, die Zeit, entsteht, haben deren Spuren und Verwerfungen den Schriftsteller lange schon gezeichnet: Der 1925 als Kind jüdischer Eltern geborene James Horowitz hat den Drill in West Point durchgestanden, Kampfflugzeuge im Koreakrieg geflogen, einen Filmpreis in Cannes ergattert und geschrieben. In seinen ersten beiden Büchern schildert der gerade aus dem Dienst geschiedene Major halsbrecherische Höhen in engen Cockpits. Erst mit «A Sport and a Pastime» (1967) findet er seine Tonlage und den literarischen Erfolg, der sich 1988 in der Verleihung des PEN/Faulkner Award für «Dusk: And other Stories» konkretisierte.
In «A Sport» verrät sich der unerbittliche Lauf der Zeit in einer Liebesgeschichte, in den «kleinen Epiphanien» eines Burgunder Städtchens, etwa im abendlichen Geklapper der Löffel in einer Mädchenschule. «Lichtjahre» (1975) wiederum birgt ihn im Porträt einer bourgeoisen Bohème, die ihre Löffel kultiviert in den Edelschenken New Yorks und in stilvollen Anwesen auf dem Lande klirren lässt und dabei die Leser verstimmt: Nedra mit ihrem kleinen Slip und ihren grossen Selbstfindungsgesten, Nedras Mann Viri mit seinen massgeschneiderten Hemden und seinen masslosen Sehnsüchten, die Freunde, die das scheinbar perfekte Paar mit den zwei prächtigen Töchtern beneiden. In diesen Kreisen sprechen Künstler, Architekten und ihre vorzeigbaren Frauen zu guter Musik vom richtigen Wein, vom richtigen Leben.
«Es gibt kein vollkommenes Leben. Es gibt nur Fragmente. Wir kommen auf die Welt, um alles durch unsere Hände rinnen zu sehen. Und doch, dieses Rinnen, diese Flut von Begegnungen, Kämpfen, Träumen . . .» Viris frühe Einsicht offenbart die Poetologie seines Erfinders. In seinen impressionistischen Fragmenten verfolgt der Autor eben dieses Rinnen, diese Flut, während er die Entwicklung seiner Musterfamilie von 1958 bis 1977 skizziert: Man geht fremd, um sich selbst treu zu bleiben. Das Flüggewerden der Kinder, der Verlust von Eltern und Freunden werfen ewige Fragen auf, die sich Nedra, nach zwei zufriedenen Jahrzehnten inoffiziell offener Ehe, mit der Bitte um Scheidung beantwortet. Viri ist fassungslos. Derweil Nedra auf der Suche nach Erfüllung typisch weibliche Stationen abhakt von Yogastunden über Schauspielunterricht bis zur Blumensteckerei , flieht er in eine zweite Hochzeit im fernen und fremdartigen Europa. Gereift, reicht seine Exfrau endlich dem unentrinnbaren Schnitter die Hand.
Von Anfang an wähnt man sich in den späten Siebzigern: Alles eine überdimensionierte Toskana-Therapie à l'américaine. Dass dabei in Grossaufnahme Kindergesichter aufleuchten, gehört zu den gelegentlichen kitschgesättigten Grauslichkeiten dieses Romans: «Plötzlich versteht er, was es heisst, ein Kind zu lieben. Es überwältigt ihn wie die Zeile in einem Lied.»
Wirklich überwältigend hingegen strahlen die «Lichtjahre» zuweilen in ihren poetischen Vignetten, in ihren nahezu pointillistischen Landschaftsbildern. Der Leser badet in lichtdurchfluteten, verzauberten Sommern, er wandert durch glasklare Winter, träumt sich wenn auch hart am Rand romantischer Postkartensujets durch die Jahreszeiten. Die «Lichtjahre» blitzen leitmotivisch auf, verschlingen sich in den fünf Kapiteln zu dezenten Zyklen mit raffinierten Tempora- und Perspektivwechseln zu Zeit-Ringen eines alten Baumes, der unglücklicherweise schiefe Figuren und flaue Geschichten treibt (das lebensgebundene «Burning the Days», die 1997 veröffentlichten Erinnerungen des 73jährigen Romanciers, entgehen dieser Gefahr eher). Die bisweilen allzu deutlich am Original klebende Übersetzung von «Lichtjahre» («das ist ihr einer Ehrgeiz») erlaubt es James Salters kunstreicher Sprache obendrein nicht überall, das ihr eigene volle Bouquet zu entfalten. Dennoch flirrt zwischen biederer Esoterik und ebensolcher Erotik eine lesenswerte ästhetische Abrechnung mit dem Feind in uns allen.
Alexandra M. Kedve -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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