Ist Rihm, der physiognomisch immer mehr einem gutmütigen und weisen Riesen-Baby ähnelt, jetzt "Korngold 2.0" oder gar jemand, der im Supermarkt darauf lauert, dass ein Familienvater mit Polo-Shirt und Cordhose seine Melodien am Kühlregal pfeift? Und will Anne-Sophie Mutter nun wirklich hin zu neuen Ufern oder nur mit unangreifbaren, nicht unbedingt mehr neutönenden Klangarchitekten wie Gubaidulina, Penderecki und eben Rihm abgeschliffene, quasi-vertraute Musik auf der Taufe heben, bei der sich auch Oberbürgermeister mit grau-kariertem Sakko, die Richard Strauss für 20. Jahrhundert halten, ein wissendes Kulturlächeln abringen können? Diese Fragen, so nahe liegend sie auch sein mögen, sind die falschen Fragen. Weil Rihm, siehe die "Seraphin-Sinfonie" (2011), immer noch ein milder Extremist ist, seine verzwickten Banderolen fliegen lässt, radiert, zentrifugiert, frisch tapeziert, aber eben auch ein Schmeichler ist, ein Ironiker, vor allem jemand, der zwischen all dem changiert ohne Absicht, ohne Masterplan, der sich all diese Zuschreibungen wahrscheinlich verbitten würde. Um die zweite Frage zu demontieren: Wäre Norbert Moret ohne Mutter irgend jemandem bekannt außer ein paar versprengten Schweizern und Franzosen? Sebastien Currier ist auch nicht unbedingt eine allzu strahlende Komponistenpersönlichkeit. Ganz so einfach darf man es sich somit nicht machen.
Schöne, schönste Stellen
"Lichtes Spiel" ist ein Meisterwerk, makellos, sitzt wie die Frisur und die Diktion der Interpretin. Es sind 17 Minuten, die nicht direkt an mein Innerstes rühren, aber alle äußeren Membranen zum Schwingen bringen, bis auch mein Kern leicht mitvibriert, indirekt angeregt und verzaubert. Es hört sich vertraut an, fast mozartianisch zuweilen, dann wieder angewienert, diese Endlosmelodie, diese Sommerlichkeit (mit Wiese, Bienen, wolkenlosem Himmel), die in den allerletzten Takten sogar das Abgedunkelte zulässt, diese Verspieltheit ("ihr beseelter Ton"), Kindlichkeit, Höhenzauber, eine Schönheit, der man mitsingend gar nicht folgen kann und doch ein einziger Gesang ist, und dann, bevor der digitale Anzeiger auf 16:00 springt, eine unfassbar wundervolle Stelle, der einzige richtige Allusions-Moment, vollendete 15 Sekunden, die den Vergleich zu den Wärmestrahlen im 2. Satz seines 3. SQ heraus fordern. Gewiss keine Musik, die bis in ihre Tiefenstrukturen - mag sein: sie hat keine - analysiert werden wird. Aber eine, von der ich nicht loskomme. Ich schreibe diese Zeilen und höre "Lichtes Spiel" zum 77. Mal. Vermutlich Suchtverhalten.
Zwei reichen aus
Nach wie vor wird "Gesungene Zeit" das meistverkaufteste Rihm-Album bleiben. Dicht gefolgt von diesem hier. Rihm ist nirgendwo im Booklet abgebildet. Alles durchgemuttert. Penderecki ist auch tönend dabei. Kaum zu glauben: Dieses nur fünfminütige Stück für Violine und Kontrabass ist in seiner Verdichtung so gelungen wie nur weniges von ihm, spannungsreich, unpeinlich, klassisch gebaut. Ja, Penderecki kann, wenn er will - eine Erkenntnis, die mich erstaunt, denn ich bin wahrlich kein Freund des Polen. Dann wieder Rihm, für dieselbe Besetzung - sehr viel moderner und damit auch heraus fordernder, bergiger als "Lichtes Spiel", angekratzt, verbrummelt, mit sehr viel mehr Volumen, man wähnt da mehrere Spieler am Werk als nur zwei, die beide ohne Unterlass monologisieren. Schließlich Currier. Seine "Time Machines" oszillieren zwischen lieblicher amerikanischer Umarmung, die John Corigliano etwas versierter hinbekommt, großer, vollmundiger orchestraler Geste mit romantischem Einschlag und kammermusikalischen Brücken, die etwas rauer, quirliger, zappelnder sind. So richtig schwer Eindruck macht das nicht. Ist manchmal zu leise. Dann wieder unnötig laut. Mehr als ein laues Lüftchen, gewiss, aber in die Annalen der Violinliteratur reiht sich diese Nettigkeit nicht ein.
"Liebe Frau Mutter, es gibt da einen Mann..."
Die meisten Geiger mit Affinität zur Neuen Musik wagen mehr. Sogar Julia Fischer, die sich auf Matthias Pintscher einließ. Anne-Sophie Mutter würde nie ein Violinkonzert bei Pascal Dusapin oder Harrison Birtwistle in Auftrag geben. Eine Empfehlung habe ich freilich doch, sie ist furchtbar nahe liegend - für das Jahr 2020 oder später: Jörg Widmann. Von ihm darf sie Geziertes erwarten, geschwungene Linien, Wohlklang, Sowohl- und Als-Auch-Klang. Rosengärten, Romantikschein. Nur sollte sie ihn warnen: "Bleiben Sie unter 20 Minuten!" Dann wird es gut gehen.