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Produktinformation
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Raphael Urweiders Erstling «Lichter in Menlo Park»
Wer mit einer Handvoll Gedichte und ohne etwas publiziert zu haben, nach Darmstadt geht und mit dem Leonce-und-Lena-Preis zurückkehrt, wie das Raphael Urweider im letzten Jahr tat, weckt naturgemäss hohe Erwartungen. Urweiders Erstling wird diesen Erwartungen mehr als gerecht. Der Lyrikband «Lichter in Menlo Park» darf als Glücksfall gelten. Voller Überraschungen und origineller Ideen, durchsetzt von Witz und Geist, geprägt von einer ganz eigenen, ebenso verstörenden wie berückenden Poesie, lebt der Band von dieser Obsession für Sprachkunst, die Lesende so gerne teilen und die über Schwachstellen ohne weiteres hinwegträgt.
«Menlo Park» ist der Name des Orts, an dem Edison seinen legendären think tank gründete. Er bildet das zentrale Symbol des Bandes, das den Drang nach Erkenntnis in der Moderne bezeichnet. Ohne je vermessen zu wirken, vermisst «Lichter in Menlo Park» die Welt, und zwar nicht, wie man es von Lyrik erwartet, eine Welt subjektiver Erfahrung, sondern die Welt, wie sie in die Annalen der (Populär-)Wissenschaft eingegangen ist. Programmatisch ist in dieser Hinsicht das Gedicht, das gleich einer poetischen Windrose am Anfang des Buches steht, die Himmelsrichtungen koordiniert und die Fragestellung als globale exponiert: Die blauen Ozeane sind geädert «in atlanten», das Weltengewölbe hinterlässt Spuren «in folianten» die Vorstellungen, die sich der Mensch von der Welt macht, gerinnen zu «ansammlungen der akten». So ist die Rätselhaftigkeit des Daseins objektiviert. Und die Fragwürdigkeit des Lebens erscheint als ein Problem der Topographie, sie muss gleichsam metaphorisch geerdet werden: «die täglichen / wozus habe ich auf geographische wos // gekürzt». Diese Verschiebung, welche aus der notwendigen Verkürzung, die jeder Vergleich darstellt, ihren ironischen Mehrwert zieht, prägt das ganze Buch.
Das Interesse für die Formen und Gesetze der Natur lässt es stimmig erscheinen, dass «Lichter in Menlo Park» zyklisch angeordnet ist. Seien es die «Kontinente», die «Armaturen», das «Tagwerk», der «Fingersatz», die «Kleinbauern», die «Quanten», die «Sporen», die «Verfahren» oder die «Manufakturen» so heissen die Zyklen , immer gilt, dass jedes Gedicht zwar alleine steht, seinen Stellenwert indes im Verbund erlangt. Jedes Kapitel behandelt sein Thema, indem es Varianten durchspielt. Abgesehen vom Eingangsgedicht, das durch die vier Himmelsrichtungen limitiert ist, tendieren alle Gedichte zur Reihe, zur Serie. Wann die Behandlung des Paradigmas sich erschöpft, entscheidet der Dichter.
Bestechend an Urweiders Gedichten ist ihr Ton, der sich als unverwechselbar erweisen könnte. Echos aus der «Welt der wilden Tiere» und «Wunder der Erde» mischen sich mit der Atmosphäre der altväterischen Wissenschaftsprosa populärer Kompendien, und der Jargon der Entdecker- und Erfinderbiographien klingt an. Teils wohltemperiert, teils kühl registrierend, sind die Texte irritierend gestimmt. Halb staunend erinnerter Bubentraum, halb ironisch gebrochene Männerphantasie, gleichen die ebenso spitzbübisch altklugen wie augenzwinkernd melancholischen Gedichte Gesängen aus einer postnaturwissenschaftlichen Zeit. Mit den Mythen der Aufklärung und den Galionsfiguren des Fortschritts pflegen sie einen ähnlich ironischen Umgang wie etwa die Romantiker mit den Göttern.
Urweiders Gedichte partizipieren durchaus an der gegenwärtig herrschenden Mode, sich in der Lyrik an naturwissenschaftlichen Modellen und Metaphern zu orientieren. Aber anders als etwa Raoul Schrott, der als Dichter emphatisch an der Erkenntnis teilhaben möchte, gibt sich Urweider weniger pathetisch und bleibt moderater. Die Analogie von Poesie und Wissenschaft beschränkt sich auf die Verwandtschaft von Dichten und Entdecken. Darüber hinaus bedient sich hier die Poesie respektlos und ohne Nostalgie bei der Wissenschaft als einem Reservoir für Mythen und allerlei Legendäres.
Die Wortfelder des Dokumentierens und Vermessens, des Registrierens und Aufzeichnens, die sich im Buch ausbreiten, verdichten sich im Zyklus der «Manufakturen», der den Höhepunkt des Bandes darstellt. In diesem Teil, dessen Texte jeweils eine bekannte Figur der Wissenschaftsgeschichte und ihre weltbewegende Erfindung behandeln, finden sich die besten und stärksten Gedichte. Die Texte über Galileo Galilei, Johannes Gutenberg, James Watt, Thomas A. Edison, John Dunlop, Nikolaus Kopernikus oder Nikolaus August Otto, den Erfinder des Otto-Motors, sind von seltenem Witz und Charme.
Nicht wenige von Urweiders Texten glänzen mit einer poetologischen Aura. Programmatisch wird zumal die vom Gedicht kolportierte Erkenntnis, dass «die kontinente [. . .] driften», dass sie sich nicht mehr «ungebrochen und vollständig» zu einem «festland» fügen, in Analogie zum poetischen Sprechen gesetzt. Im Sprechen von Erfinden und Entdecken erscheint die Poesie als diejenige Instanz, die Ich und Welt montiert und das Bewusstsein dafür schärft, dass das Ganze in Ursprungsmythen oder im Traum wohnt. Spielerisch führt sie vor, dass es keine endgültigen Wahrheiten gibt, wie uns vielmehr jede neue Erkenntnis aufs neue etwas vormacht.
Was über weite Strecken die Faszination von Urweiders strophisch streng und rhythmisch frei gebauten Gedichten ausmacht, erweist sich zugleich als Schwachpunkt: Es ist, als ob der Autor nur über eine Stilmaske verfügte: Die immergleiche Verfugung durchs Enjambement, welche die Zeilen und Strophen verklammert und die Elemente gleich Gliedern einer Kette ineinander verhakt, wirkt auf die Dauer schematisch und leicht monoton. Dort, wo andere Mittel zum Einsatz kommen, wie in dem Chopin gewidmeten Zyklus, überzeugen sie nur zum Teil.
Urweider ist ein Meister des lakonischen Gestus. In den Gedichten seines überzeugenden Débuts herrscht «halbtrauer». Sie beschreiben eine Welt, die nicht im Eifer subjektiver Anverwandlung erfahren wird, sondern im ironischen Spiel mit Geschichten und Weltbildern zu sich kommt. Sie kennt keine sozialen Bindungen, bekennt sich allenfalls zu Vorbildern, entbehrt jeder emphatischen Naturerfahrung und erscheint wehmütig geordnet, bisweilen provokativ-naiv. Nichts Schlechtes existiert, und nichts Schreckliches passiert Katastrophen gibt es keine. Das behutsam isolierte lyrische Ich registriert die Entfremdung ohne Widerrede. Es konstituiert sich aus Mythen und Legenden, aus Lesefrüchten und Bildern. Mit der Welt befindet es sich grundsätzlich in Übereinkunft. Die «halbtrauer», die in «Lichter in Menlo Park» bei allem Witz dominiert, sucht nicht nach Trost. Für Trost, so scheint es, existiert weit und breit kein «geografisches wo». Utopia braucht es nicht.
Reto Sorg -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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