"Lichte Stoffe" wird hier und in der Presse abgefeiert, in den Himmel gelobt und mit Preisen behängt. Ich will mich dem nicht anschließen. Selbstverständlich, das Buch packt den Leser und zerrt ihn zu seinem Ende und das ist einiges, aber macht es schon einen guten Roman?
Ich fand den Text blendend. Blendend im eigentlichen Sinne des Wortes. Er blendet, macht etwas vor, das er nicht ist, von der ersten bis zur letzten Zeile. Schon der Anfang wirkt, als hätte die Autorin versucht, ihrem Studium der Kunstgeschichte doch noch etwas Positives abzugewinnen und ein Referat über die Verwendung des Lichts bei Turner einem Pappgesellen in grauem Tweed in den Mund geschoben, der den Leser mit kunsthistorischen Eckdaten versorgt. Das hätte es bestimmt elegantere Möglichkeiten gegeben, aber ich wäre stillschweigend darüber hinweg gegangen, hätte daran nicht diese unterirdische Arbeitslosenschmonzette angeschlossen: Der brave deutsche Angestellte, den keiner mehr braucht und den die Brust schmerzt, "wie sie es bei einem Abschied tut, den man mit aller Kraft hatte verhindern wollen". "Ach so!", denke ich, "so also schmerzt ihn die Brust, wie sie es bei einem Abschied tut, den man mit aller Kraft hat verhindern wollen. Ich lese schnell weiter. Wird aber kaum besser. Sätze, die zunächst gut aussehen, einen poetischen Eindruck erwecken, wenn man aber dagegen klopft, lange hohl nachklingen. Keine lichten Stoffe. Sie fallen schlecht, tragen sich nicht angenehm, aber, auf die Schnelle, im Vorübereilen, machen sie Eindruck.
Einen Laptop macht Boehning zum barocken Fetisch: "Eine mattglänzende Oberfläche gefrorenen Eises, in der ein angebissener Apfel lag"'- Ist das ein sprachmächtiges Bild oder gequirlte Scheiße? Es folgen ein Nikestore in Las Vegas, ein Trip in die Wüste, eine Liebelei in Mallorca, alte Männer beim Kriegsspiel, ein hipper Klischeekünstler in Berlin, alles angestrengt miteinander verflochten. Sie "wollte in keiner Vorahnung gleich zurückkehrender Verlorenheit an der Bettkante lehnen'", well well...
Ich habe nichts gegen ambitionierte Literatur, folge gerne Fäden, die vermeintlich unverwandte Themen verknüpfen, aber ich will keine Sätze lesen, die sich um sich selbst drehen.
Ich halte Larissa Boehning für eine gute Autorin. Es könnte zauberhaft sein, wie die einzelnen Episoden den schönen Titel umkreisen und mit immer neuem Material füllen. Aber warum hat hier keiner aufgeräumt, die Baugerüste abgebaut und dem Konstrukt selbst vertraut? Die Darlings aus dem Weg geräumt? Warum so viel Lärm um so weniges?