Als ich das erste Mal die Ankündigung zur Neuerscheinung "Licht fürs Leben" las, ging ich davon aus, dass dies ein sehr persönlicher Rückblick über siebzig Jahre Yogapraxis sein würde. Doch schon der erste Blick in das vorliegende Buch zeigte ein ganz anderes Konzept.
Dem Modell der fünf Körperhüllen (koshas) folgend, führt B. K. S. Iyengar beziehungsweise seine beiden akademisch geschulten Co-Autoren John E. Evans und Douglas Abrams in insgesamt sieben Kapiteln von der mit STABILITÄT gekennzeichneten Ebene des physischen Körpers bis hin zum "Körper der Glückseligkeit", der mit FREUDE assoziiert wird. Zuvor wird auf die "Reise nach Innen" eingestimmt und abschließend ein "Leben in Freiheit" beschrieben, aus meiner Sicht das beste und überzeugendste Kapitel.
Der persönliche Rückblick auf die yogische Reise Iyengars nimmt ganze fünf Seiten ein, der Rest des mit 382 Seiten recht umfangreichen Bandes sind Ausführungen zum Yoga an sich und mehr noch zu Teilaspekten der Yogapraxis sowie der Yogaphilosophie. Vom Aufbau und dem Spektrum der Themen knüpft "Licht fürs Leben" an das 1988 erschienene Buch "Der Baum des Yoga" an, einzelne Abschnitte wie etwa "Die vier Ziele des Lebens" sind nahezu identisch.
Ein praktischer und spiritueller Begleiter ist auch "Licht fürs Leben". Ein Buch voller Definitionen und Ratschläge. Diesen kann man zumeist gut folgen ( "Im Yoga minimieren wir unsere Bedürfnisse ganz bewusst."), allerdings sind sie mitunter auch fraglich oder unverständlich, etwa wenn vom äußeren Bein und vom inneren Bein die Rede ist oder apodiktisch festgestellt wird "Schlaf ist Schlaf. (...) Yogis träumen nicht."
Manches in diesem Buch ist zudem redundant, was sich mehrfach auch sprachlich niederschlägt, wenn es etwa heißt: "Wie ich schon sagte, der Körper sollte weder vernachlässigt noch verhätschelt werden." oder "Wie ich schon sagte, ist die Haut das Gehirn des Körpers."( S. 61 und 72). Und dennoch (!) enthält "Licht fürs Leben" mehr an Substanz als ein Dutzend neu erschienener Yogaratgeber zusammen.
"Licht fürs Leben" bietet immer dann interessanten Lesestoff, wenn Iyengar über seine in langjähriger Praxis erworbenen Einsichten spricht, etwa über die Qualitäten und Eigenschaften der Yogasanas oder wenn er am Ende das Fazit zieht: "Yoga hat mich gelehrt, nur daran zu denken und daran zu arbeiten, dass ich ein nützliches Leben führe." (S. 375)
B. K. S. Iyengar, der am 14. Dezember 2007 seinen 89. Geburtstag feierte, ist nach wie vor davon überzeugt, dass für alle zutrifft, was für ihn bislang zutraf. Bereits im Vorwort formuliert er diesen Standpunkt: "Was für mich gut war und mir taugte, wird auch für Sie gut sein und Ihnen taugen." Diese Haltung eines Kompaniechefs, die seine Schüler an ihm schätzen oder zumindest ertragen und die andere veranlasst, sich abzuwenden und Alternativen zu suchen, verteidigt Iyengar in der Mitte des Buches explizit. In einem Abschnitt, der sich mit "Ärger, Wut und Zorn" befasst, schreibt er: "Die Leute sagen oft, dass ich reizbar bin, weil ich Schüler anschreie, wenn ich sehe, dass sie sich gefährden oder umgekehrt nicht ihr Bestes geben. Aus diesem Grund hieß es, ich sei ein strenger und harter Lehrer. Ich bin streng, aber nicht hart. (...) Ein Kommandant, der in die Schlacht zieht, kann nicht immer sanft mit seinen Soldaten sprechen." (S. 143)
Auf diese und ähnliche Weise reflektiert Iyengar zusammen mit den beiden Co-Autoren Evans und Abrams seine Ansichten zum Yoga vor dem Hintergrund seiner Entwicklung vom kranken, schwächlichen Jungen einer kinderreichen Familie zum international anerkannten Yogameister und dessen ganz persönlichen Prädilektionen.
Interessieren wird dies wohl vorrangig die Schüler und Lehrer des Iyengar-Yoga. Lohnens- und lesenswert kann es für alle anderen auch sein, vorausgesetzt es besteht ein Bedürfnis nach Ratschlägen sowie ein reges Interesse an detaillierten Begriffsdeutungen.