Nach den beiden erfolgreichen Interview-Büchern von Seewald mit Kardinal Ratzinger erfolgt nun sensationellerweise das erste Papst-Antwort-Buch überhaupt, was es wohl in diesen Tagen nicht geben würde, hätte sich diese Begegnung der zwei ungleichen Bayern vorher nicht so originell gefügt, was ihren Unterhaltungen auch das gewisse Etwas gibt.
Seewald neigt in seinem Gesellschaftsbild etwas zum Pessimismus, was Papst Benedikt durch ergänzende positive Aspekte dann arumentativ auszuloten versucht (na ja, besser als umgekehrt). Die ZEITZEICHEN werden vor allem besprochen wie der Verlust von Maßstäben, Suchtverhalten, Kirchen-Skandale, Fanatismus oder Kulturkrise (1), dann das PONTIFIKAT (2) und schließlich das WOHIN der Kirche (3).
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Wer lebt hier in einer Scheinwelt? Doch wohl der, der das Maß, die Maßstäbe verloren hat (An wen denken Sie gerade?).Seewald sieht eine moralisch stumpfe Turbogesellschaft im Raubtierkapitalismus. Benedikt meint, gut und böse sei heute relativ und folgenabhängig. Wir finden trotz viel Wissen keine Weisheit, wir glauben zu wissen, suchen nicht mehr das Geheimnis Gottes. Nein, ohne Gott lösen wir unsere Probleme nicht, und die werden nicht weniger.
Das Christentum hinterfragt unser banales Konsumleben. Die Schlange der Glücksgier bringt uns ins Paradies des Teufels (Drogenhandel Lateinamerika). Alles scheint erlaubt, und das bedeutet Zerstörung.
Sexualität soll nicht zu einer Art Droge banalisiert werden durch übertriebene Kondomfixierung. (Die katholische Kirche engagiert sich im Übrigen für die Aidsleidenden mehr als andere). Sexualität soll Liebesausdruck sein und das Menschsein mitentfalten. Körperlichkeit ist eine positive Gabe als Teilhabe an der Schöpfung. Das Meinungsgewirr weiss nicht mehr, was Ehesakrament bedeutet.
Ausgerechnet im Priesterjahr wirft uns der Teufel seinen Schmutz ins Gesicht (Doppelleben, Abstürze). Bei dem erschütterndem Missbrauch von Kindern, was ja kein kath.-spezifisches Problem ist, ist die Rede von einem bestürzendem Vertrauensmissbrauch, einem verletzten Weihesakrament, verspielter Achtung, Schande und Unehre. Einmal bleibt auch einem Papst nichts mehr als mit den Opfern zu weinen.
Die Sache mit den Pius-Brüdern war eigentlich ein eindeutiger Rechtsfall, und die Rehabilitierung Williamsons durch seine Anerkennung des Primats war nach damaligem Wissensstand klar. Das wurde von der Öffentlichkeitsarbeit allerdings nicht deutlich genug vermittelt. Die Medien geben sich der Kirche gegenüber bloßstellungsfreudig, Journalisten fragen nicht nach und wollen dem Papst schaden. Aber auch unter Katholiken zeigt sich eine papstfeindselige Schicht.
Die Gewaltgebärden des Fanatismus widersprechen dem Wesen Gottes, dem richtigen Denken und Reden. Das Regensburger Zitat wurde grob politisiert. Man muss mit Dialogwilligen das Verhältnis zwischen Wahrheit und Toleranz klären.
Man redet über säkulare Medien und instabile Sekten, die die Kulturkrise fördern, über den ausgrenzenden Mainstream, über unser vergiftetes Denken. Wir sind verschuldet und leben auf den Schein hin. Und tun so, als ginge uns Gott als unser Richter nichts an.
2
Joseph Ratzinger sah in diesem Papstamt überhaupt nicht seine Bestimmung, aber vielleicht will Gott mit einem Professor als Papst einen Moment der Nachdenklichkeit. Ein Amt der Macht? Nein, es ist ein Zur-Verfügung-Stehen. Unfehlbar? Nein, aber einer trägt die Entscheidung und die Last des Kreuzes. Man kann nur versuchen, die Tagesplage abzutragen und Wesentliches zu erwägen. Die Kirche ist im Ganzen gesund und müsse wieder lebendig, als Licht wahrgenommen werden. Man wünscht sich den Papst als allgemeinen Sprecher der Kirche. (Wir brauchen auch ein Einheitsorgan in der Globalisierung).
3
Es gibt eine Annäherung an den Orthodoxen und an China. Zu den modernen und vielschichtigen Protestanten müssen wir eine Basis finden. Kirchenkonkurrenten bieten wahrheitshinweisende Lichtfragmente. Es ist mehr Übersetzungsarbeit vonnöten. Wir sind keine Global Player, keine Produktionsfirma, sondern eine Freiwilligengemeinschaft. Wir sind die Kirche, die alle Kulturen, Nationen und Zeiten überbrückt. Sie prägt nicht mehr eine Nation oder Kultur, sie wird geprägt von entschiedenen Christen. Das Christentum bietet heilsame Oasen wie etwa die Lithurgie. In ihr lassen wir uns in eine größere Wirklichkeit einfügen, kommen wir Christus entgegen, kommen wir ins Ganze und werden eins. Sie berührt als eine verändernde und weisende Kraft, als eine Wandlung von innen. Der eine Geist, der uns verbindet, soll uns gottfähig machen für das Ewige Leben.
Unser begründeter Glaube muss die Moderne durchformen, das darf kein geteiltes Nebeneinander sein. Die Religions-Geographie sinkt, aber es gibt noch Glaubensvitalität. Es gibt einfache und tiefe Suchbewegungen, Kreis-Durchbrechungen durch kreative Aufbrüche. Mit guten Kräften mögen wir dem Gottesreich näherkommen. Für den Demütigen ist die Wahrheit maßgebend. Das Christsein ist wie eine Bergbesteigung. Sie ist unbequem, aber sie lässt uns erst das Große und Schöne sehen.