Toni Braxton hat bereits die Höhen und Tiefen des Musikbusiness hinter sich. Galt sie 1996 noch als schärfste Konkurrentin von Whitney Houston und Mariah Carey, musste sie kurz darauf trotz hoher Verkaufszahlen den finanziellen Bankrott anmelden. 2002 floppte dann auch noch „More than a woman“, Tonis viertes Studioalbum, welches sich musikalisch stärker als die Vorgänger an den laufenden Strömungen orientierte. Niemand wollte Toni die Hip Hop-Queen so richtig abkaufen. Ihre dunkle warme Altstimme passt ehrlich gesagt auch weitaus besser zu klassischen Balladen und souligen Mid-Tempo-Tracks. Auch Toni scheint sich dessen bewusst geworden zu sein. Ihr neues Album „Libra“ knüpft an ihre Sternstunden Mitte der 90er an, verzichtet jedoch nicht völlig auf Zugeständnisse zur momentanen Musiklandschaft. So holte sich auch Toni den Produzenten Rich Harisson an Bord, der ihr mit „Take this ring“ eine für ihn typische Nummer auf den Leib geschrieben hat. Das Stück erinnert stark an Ameries „1 thing“, ebenfalls von Harisson, der sich auch für Beyoncé Knowles „Crazy in love“ verantwortlich zeigt. „Take this ring“, der schnellste Song des Albums, besticht jedoch mehr durch den etwas zu lauten Beat, denn durch Tonis hervorragenden Gesang, so dass der Gesamteindruck durch die zu übertriebene Produktion leidet. Toni Braxton steckt Amerie im direkten Vergleich jedoch vor allem stimmlich immer noch gekonnt in die Tasche. Der zweite und einzige weitere disco-taugliche Track auf „Libra“ ist „Please“. Der Song verfügt über einen lässigen Groove und besticht durch Tonis kräftige Stimme. Der Sound erinnert stark an 50 Cent. Dies bezieht jedoch vornehmlich auf die Produktion. Die Highlights des Albums sind dann das von Richard Marx beigesteuerte „Suddenly“, eine vetraümte Gitarren-Ballade im mittleren Tempo sowie die rein akustisch aufgenommene Ballade „Shadowless“. Hier lässt Toni gesanglich endlich mal richtig los und klingt so richtig gefühlvoll. Ebenfalls erwähnenswert sind die Babyface-Ballade „I wanna be (your baby)“, die streckenweise an „Un-break my heart“ erinnert, aber sich dahinter nicht zu verstecken braucht, das wunderschöne „Long way home“ und die Mid-Tempo-Nummer „What’s good“, die auf das Sample „In my wildest dreams“ von den Crusaders zurückgreift, auf dem auch Tupac Shakurs „Dear Mama“ beruht. Mit „Trippin’ (That’s the way love works)“ liefert uns Toni eine Black-Ballade im Stil von Mariah Careys “We belong together”. Die Nummer wurde von Brian Michael Cox, Jermaine Dupris früherem Protégé, produziert. Toni versäumt es aber leider, mal so richtig kräftig ins Mikro zu singen. Stattdessen trällert sie eher zurückhaltend in tieferer Tonlage. „Sposed to be“ ist ein Slow Jam für schöne Stunden zu zweit. Auch „Midnite“, ein Mid-Tempo-Track in feinster Toni-Manier sowie das jazzige „Stupid“ und das zuckersüße „I hate you“ (ebenfalls u.a. von Babyface) eignen sich wunderbar für kalte Wintertage im Kerzenschein. Einzig „Finally“, welches textlich mit früheren Braxton-Songtiteln spielt, kann man getrost überspringen.
Fazit: Toni geht bei ihrem fünften Studioalbum auf Nummer sicher. Sie präsentiert ihren Fans eine Mischung aus romantischen Balladen und glatt-polierten Mid-Tempo-Tracks. Thematisch dreht sich alles wie gewohnt um Liebe und Leid. Stimmlich hält sich die Sängerin mehr zurück als auf früheren Werken, was ihrem Gesang und der Stimmung der Songs jedoch keinen Abbruch tut. An den richtigen Stellen weiß Braxton immerhin, wie man einem Zuhörer den ein oder anderen Schauer über den Rücken schickt. „Libra“ ist sicherlich nicht Tonis bestes Album, aber auch nicht ihr schlechtestes. Fans von schnellerem R&B werden mit Tonis Schmusesoul wohl nicht viel anfangen können. Diejenigen, die Tonis „Secrets“ mochten, werden aber auch „Libra“ mögen. Einige Songs wie „Shadowless“ oder „Suddenly“ können es qualitativ ohne weiteres mit ihren größten Hits wie „Breathe again“ aufnehmen.