Das "Liber Fabularum" des Dichters Phaedrus liegt hier in einem Neudruck von 2009 vor. Die Übersetzung folgt dabei immer noch dem Text Friedrich Fr. Rückert aus dem Jahr 1879 und wurde von dem Herausgeber Otto Schönberger nur an manchen Stellen ausgebessert (etwa an Stellen, welche im Original Intimitäten andeuteten und von Rückert wegen der Zeit stark geändert wurden). Sprachlich ist die Übersetzung eher etwas freier gehalten, um auch im Deutschen einen Lesefluss zu gewährleisten und den lyrisch-volkstümlichen Charakter des lateinischen Textes, der in sog. Senaren steht, zu vermitteln. Ein kurzes Beispiel (Phaedrus, I 7):
"Als eine Mask' der Fuchs durch Zufall hatt' gesehen,
Rief er: 'Warum birgt nicht die schöne Hülle Geist?'
Dies sei für die gesagt, die Ehr' und großen Ruhm
Erhalten haben, aber nicht Verstand besitzen."
Für Prosatexte würde ich normalerweise wörtlichere Übersetzungen bevorzugen, da es sich hier jedoch um Dichtung handelt und Phaedrus sich eher eines simplen Lateins bedient, wodurch der Lateiner die Übersetzung selbst ohne größere Probleme kontrollieren kann, halte ich den freieren Stil hier für vertretbar. Zudem ist mir bisher noch keine Fabel aufgefallen, in der sich im Deutschen der Inhalt gegenüber dem Lateinischen geändert hat.
Weitere Pluspunkte an der orangen Reclamausgabe sind das Nachwort, die Kommentierung und die Bibliographie. Im Nachtrag von Schönberger finden sich wichtige Angaben zu dem Autor (von dem wir wenig wissen) und der Gattung der Fabeldichtung in Antike und Moderne. Auch erfährt der Leser vom Weiterleben und Rezeption der Fabeln in nachantiker Zeit. Die Kommentierung erleichtert das Lesen und klärt über die wichtigen Hintergründe auf, für eine vertiefte Beschäftigung mit Phaedrus - etwa im Rahmen einer Seminararbeit - reicht sie natürlich nicht aus. Auf vier Seiten finden sich zahlreiche Literaturhinweise, die aktuellsten aus dem Jahr 2000, der Großteil jedoch deutlich älter (70ern), was vermutlich auch daran liegen könnte, dass sich die klassische Philologie derzeit nicht so sehr um Phaedrus kümmert.
Zu den Fabeln selbst: Die Fabeldichtung des Phaedrus ist natürlich vom Niveau nicht mit den Größen der römischen Dichtkunst (Horaz, Vergil, Ovid) zu vergleichen, jedoch sind sie vielleicht für viele moderne Leser deutlich leichter zugänglich, da weit weniger Vorkenntnisse notwendig sind als etwa bei einem Epos oder einem Werk wie Ovids Metamorphosen. Typische Fabelelemente findet man heute nachwievor in den zeitgenössischen, unterhaltenden Medien, besonders in Kinderfilmen. Da häufig Tiere die Protagonisten sind, benötigt man bei Phaedrus oft keine Kenntnisse über die komplexe Welt des antiken Mythos.
Die Fabeln unterhalten aber nicht nur: Sie geben daneben auch einen interessanten Einblick in die Vorstellungen der Antike, vor allem im Bereich der Bräuche und Sitten, von denen manche noch gelten, andere uns sehr fern geworden sind.
Fazit: Die hier vorliegende Ausgabe gefällt mir sehr gut. Die Fabeln lassen sich wunderbar während anderer Lektüre als leichtere Kost lesen. Der Preis ist im Vergleich zu anderen einsprachigen Ausgaben überaus fair, bedenkt man, dass man hier sehr nützliche Erläuterungen von Schönberger miterhält.