Ein Nachruf aus Zürich, 11. Januar 2010
Unglaublich traurig: der Brustktrebs von LHASA, erst 37 Jahre... sie hinterlässt 9 Geschwister, 16 Nichten und Neffen, beide noch lebenden Eltern, ihre Katze und Freund Ryan. Und Tausende "Fans All Over The World". Fragen und Gerüchte kursierten bereits seit ihrem am 8. Juni abgesagten Zürcher Konzert im Volkshaus 3. Dezember 2009. Niemand verriet genauere Details, logisch! In solchen Situationen braucht man am wenigsten gutgemeinte Ratschläge oder aufringliche Fananfragen. Ich halte nicht viel von Pathos. Beim Tod eines Idols gilt es Projektionen zu vermeiden und sich von allfälligem Selbstmitleid scharf abzugrenzen. Trotzdem wage ich die Behauptung: eine vollendete Sängerin wie LHASA wird die nächsten 25 Jahre nicht so schnell wieder auftauchen. Es müssen Vergleiche mit Grössen wie Billie Holiday, Om Kalsoum, Nina Simone, Chavela Vargas gezogen werden. Ihr letztes Album "Lhasa" verlangt nach einer ganz neuen Leseart. Wir haben uns daran gewöhnt, poetische Texte im Songformat als reine Metapher zu verstehen. In diesen Texten finden wir zahlreiche Hinweise auf existenzielle Fragen um Leben oder Tod: "When my lifetime had just ended, and my death had just begun, I told you i'd never leave you, But i knew this day would come" LHASA, I'm going in, 2009. Der Aufstieg von LHASA mit einer Million verkauften Tonträgern und ausgedehnten Konzerttouren ist ein Phänomen, auch weil es fast im Geheimen geschah und nicht im Zusammenhang mit "Dancefloor"-Remixes oder zahlreichen ausgekoppelten Singles (wie z.B. bei Bjoerk oder Jeff Buckley). Das Geheimnis dazu: LHASA war stets von hervorragenden Musiker/innen umgeben, die ihren traumwandlerischen Kompositionen bis in feinste Verästelungen zu folgen vermochten (Beispiel: der instrumentale Schlussteil von "J'Arrive a la ville", 2003). Auch dank der Präsenz ähnlich gelagerter, multikulturell ausgerichteter Namen wie Manu Chao, 17 Hippies, Pascal Comelade, Accordion Tribe, Vinicio Capossela, Iva Bittova, Ensemble Rayé, Stimmhorn oder Lula Pena. Sie passte in kein Schema, hauptsächlich durch Mundpropaganda wurde sie berühmt, kaum durch Zeitschriften wie Rolling Stone, Musik Express, Wire oder Spex. LHASA hat uns mit ihren drei Alben eine intensive Trilogie hinterlassen, "The Living Road" (2003) bedeutet das Bindeglied zwischen "La Llorona" (1997) und "Lhasa" (2009), auch sprachlich abzulesen durch den Uebergang von Spanisch zu Englisch. Ich empfehle eine nähere Auseinandersetzung mit "Lhasa", dem leider letzten Album (ein geplantes Tributalbum mit Liedern von Victor Jara und Violeta Parra bleibt unrealisiert, deutet aber auf ihr politisches Bewusstsein). Zum Einstieg ein Vorschlag zur ersten Single-Auskopplung: Seite A: Love Came Here (ein genialer Slow Motion-Kracher, laut zu hören, es gibt kein ähnliches Stück von Lhasa!) - Seite B: Fool's Gold (eine bittersüsse Abschieds-Ballade an einen verflossenen Liebhaber im Americana-Stil)
Im weiteren empfehle ich (den trostsuchenden Fans ) einen Besuch auf der Website von LHASA DE SELA. Absolut sehenswert und von übermässiger Trauer befreiend: die kurzhaarige LHASA am Ostersamstag, 11. April 2009 vor intimem Publikum in einem Privatloft von Montreal, unkonventionell gefilmt. So möchte ich LHASA in Erinnerung behalten: Nicht nur faszinierte mich schon immer ihr schelmisches Lächeln, beim verpatzten Anfang von Track 3 "Love Came Here" bekommt die Sängerin, die wir nicht vergessen werden, einen sagenhaften Lachanfall...