Harald Haarmanns im Jahre 2005 erschienenes "Lexikon der untergegangenen Völker" beginnt entgegen seinem Untertitel mit zwei Beiträgen zu den Stichworten "Afrika" und "Ägypter", bis dann an dritter Stelle die "Akkader" behandelt werden.
In seinem Vorwort definiert der promovierte Philologe zunächst den Begriff "Volk", dessen wesentlichste Aspekte in sprachlicher und kultureller Hinsicht zu verstehen sind. Da Staatlichkeit und Volkstum nicht zwangsläufig kongruent sein müssen, ist hierzu das Bestehen einer autonomen politischen Organisation eher von nachgeordneter Bedeutung.
Zum Vermächtnis der untergegangen Völker zählen neben kulturellen Spuren vor allem auch das sprachliche Erbe und der "genetische Fingerabdruck", der noch im "Genprofil" heutiger Bevölkerungen nachgewiesen werden kann. Anhand zweier Karten wird die Verbreitung des "indoeuropäischen" und des "uralischen" Genotyps veranschaulicht. Der Autor schließt sein Vorwort mit Überlegungen zum Thema "Untergegangene Völker im Dienste nationaler Mythen" und nennt Beispiele grotesker Glorifizierungen zur nationalen Identitätsstiftung bis hin zu den mörderischen Auswüchsen rassistischer Weltanschauungen und pseudoreligiöser Kulte.
Zwei weiteren Seiten mit Hinweisen zur Benutzung des Lexikons, in denen beispielsweise die Art der Transkription von Namen und Begriffen, sowie die verwendeten Abkürzungen erläutert werden, folgt schließlich der 248seitige Lexikonteil mit 194 Stichworten.
Während einige Lexikonbeiträge ganzen Kontinenten, geographischen Regionen, Volksgruppen und ethnischen Konglomeraten pp. gewidmet sind, befasst sich die Mehrzahl der Artikel, mit einzelnen, bis heinein in die Neuzeit untergegangener Völker. Manche der von A-Z aufgelisteten Stichwörter sind Namensvarianten oder Synonyme, die mit einem Pfeil zum, unter dem gängigsten Begriff zusammengefassten "Leitartikel" führen. Jeder Lexikonartikel zu einem bestimmten Volk ist nach dem selben, durchgehenden Schema aufgebaut. Zu den einzelnen Aspekten, die jedoch nicht bei jedem Eintrag im selben Umfang berücksichtigt wurden, zählen das "Ethnonym" mit verschiedenen Namensvarianten eines Volkes, seine Verbreitung in historischen Landschaften, die soziodemographische Entwicklung mit Ethnogenese, Siedlungsgeschichte, Migrationen und ihren Gesellschaftsformen. Neben den Wirtschaftsformen, z. B. Ackerbau oder Nomadentum, werden auch die administrativen Formen des Gemeinwesens, Reichbildungen, politische Kontakte zu den Nachbarvölkern (auch Ideentransfer, Kulturimporte etc.) und ethnisches Konfliktpotential, sowie religiöse Zugehörigkeit mit Wertesystem und Heiligtümern erläutert. Von Interesse, insbesondere im Hinblick auf den Titel des Buches, sind die Ausführungen zu Sprache, Schrifttum, Sprachverwandtschaften und schließlich zum Zeitraum und zu den Bedingungen die zum Untergang führten, mit den Nachwirkungen des jeweiligen ethnischen Auflösungsprozesses.
Ein ausgewählter Literaturhinweis bildet den Abschluss jedes einzelnen der Lexikonartikel, die für eine Visualisierung der geographischen Räume mit sieben weiteren Landkarten aufgelockert werden.
Das Lexikon bietet 293 geballte Information, die mit einer Vielzahl von (mittels Pfeilen gekennzeichneten) Querverweisen ausgestattet ist. Während eine 16seitige Bibliographie dem interessierten Leser tiefere Einstiege ermöglicht, rundet ein Register der "Völker und Stämme ohne eigenen Artikel" das in dieser Form und zu diesem Preis einzigartige Standardwerk ab, das als seriöses wissenschaftliches Werk keinen Raum für mythische Völker (Atlantis, Lemuria, Mu usw.) bietet. Auch verbietet sich ein Artikel über die Katharer, denn jene waren lediglich eine Glaubensgemeinschaft, und keine Einheit im sprachlichen und/oder ethnologischen Sinn. Demgegenüber bietet das bei den Völkern des Altertums beginnende Lexikon u. a. unter den Stichworten "Huronen", "Hottentotten" (Khoi-khoi) sehr wohl auch Beiträge zu Ethnien, die erst in der Gegenwart untergegangen sind.
Da an dem interdisziplinären Nachschlagewerk, das zudem auf Haarmanns Lexikon der untergegangenen Sprachen neugierig macht, nichts zu bekritteln ist, gibt es die Höchstwertung von 5 Amazonsterne.
Auch als historische Lektüre äußerst empfehlenswert!