In seinem Vorwort stellt der promovierte Philologe zunächst den Begriff "Untergegangene Sprachen" zur Diskussion, und macht anhand von Beispielen deutliche, dass die häufig in diesem Zusammenhang gebrachten Attribute "lebendig" oder "tot" zur Klassifizierung von Sprachen untauglich sind. Denn selbst "untergegangene Sprachen" leben so lange weiter, wie ihnen eine Rolle in der Kultur zugewiesen bleibt. Haarmann teilt die untergegangenen Sprachen daher in 4 Kategorien ein:
1. Untergegangene Sprachen, die keine Spuren im kulturellen Gedächtnis hinterlassen haben, vollständig in Vergessenheit geraten, und nur noch wenigen Experten bekannt geblieben sind (z. B. Eblaitsich, Tartessisch, Messapisch) 2. Untergegangene prachen die kulturelle und/oder sprachliche Spuren in modernen Sprachen hinterlassen, und so in der einen oder anderen Weise auf spätere Kulturen eingewirkt haben. Zu dieser Kategorie gehören Sprachen, die über Interferenz- und Fusionsprozesse auf moderne Sprachen eingewirkt haben, wie in Form von Substraten im Wortschatz. (z. B.Illyrisch, Dakisch, Skythisch) 3. "Untergegangene" Sprachen mit alter Schriftkultur, die teilweise bis heute funktionale Nischenplätze in unsrer Kulturlandschaft besetzten. Beispielsweise religiöse Kultsprachen, durch die die kulturelle Entwicklung nachhaltig geprägt wurde. (z. B. Latein, Altgriechisch, Hebräisch Sanskrit, Kirchenslawisch(. Als Sakral oder Bildungssprachen bis heute vital. 4. "Untergegangene", einst weit verbreitete Sprachen, die heute noch von einer Restbevölkerung gesprochen werden (z. B. Aramäisch).Bevor der Autor noch Beispiele für die kontinuierliche Wandlung von Sprachen (Griechisch, Französisch pp.) von Sprachen und Revitalisierungen (z. B. Ivrit) nennt, gibt es eine zweiseitige Übersichtskarte mit 48 "Untergegangenen präindoeuropäischen, indoeuropäischen und afroasiatischen Sprache des Mittelmeerraumes". Das Vorwort schließt mit dem Hinweis, das viele untergegangene Sprachen und Kulturen in der Kulturgeschichte als Mauerblümchen behandelt wurden. Obwohl gerade die weniger bekannten Sprachen mit ihrer spezifischen Entwicklung wertvolle Einblicke in kulturhistorischen Prozesse bieten, die vom Einfluss der "großen" Sprachen im Laufe der Zeit verschütten wurden. Haarmann schreibt, dass er gerade diesen Umständen in seinem Lexikon Rechnung tragen wollte. Zwei weiteren Seiten mit Hinweisen zur Benutzung des Lexikons, in denen beispielsweise die lautliche Umschrift von Namen und Begriffen, sowie die verwendeten Abkürzungen erläutert werden, folgt schließlich der 210seitige Lexikonteil mit 152 unter Stichworten zusammengefassten Artikeln von "Afrika" bis "Zimbrisch".
Während einige Lexikonbeiträge ganzen Kontinenten, geographischen Regionen, Volksgruppen und ethnischen Konglomeraten pp. gewidmet sind, befasst sich die Mehrzahl der Artikel, mit einzelnen, bis in die Neuzeit hinein untergegangener Sprachen (z. B. Manx). Manche der von A-Z aufgelisteten Stichwörter sind Namensvarianten oder Synonyme, die mit einem Pfeil zum, unter dem gängigsten Begriff zusammengefassten "Leitartikel" führen. Jeder Lexikonartikel zu einer bestimmten Sprache ist nach dem selben, durchgehenden Schema aufgebaut. Zu den einzelnen Aspekten, die jedoch nicht bei jedem Eintrag im selben Umfang berücksichtigt wurden, zählen der Sprachenname mit seinen englischen und französischen Varianten, sowie das Verbreitungsgebiet der Sprache, Siedlungsgeschichte und Reichsbildungen , Religion und Kulten, wird die genealogische Verwandtschaft (Sprachfamilie , -gruppe, Nähe und Distanz zu andern Sprachen pp.) erläutert. Nach der Vorstellung der schriftlichen Überlieferungen dem Schriftsystem und der soziokulturellen Funktion der Sprache, wird schließlich der Untergang (zeitliche Einordnung, Umstände, Spuren in andere Sprachen, Revitalisierung) der jeweiligen Sprache dargelegt.
Auf 229 Seiten bietet das Lexikon Informationen, die mit einer Vielzahl von (mittels Pfeilen gekennzeichneten) Querverweisen ausgestattet ist. Während eine 14seitige Bibliographie dem interessierten Leser einen tieferen Einstieg in die Thematik ermöglicht, wird das Lexikon der durch ein Register der "Untergegangenen Sprachen ohne eigenen Artikel" abgerundet. Mit seinen weiterführenden Information ist es zudem eine wertvolle Ergänzung zu Harald Haarmanns "Lexikon der untergegangenen Völker" und wie dieses ebenfalls, sowohl als Nachschlagewerk, als historische Lektüre und im Besonderen auch zum Einstieg in die Philologie empfehlenswert. 5 Amazonsterne.