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5.0 von 5 Sternen
Garantierte Kurzweil von langfristigem Nutzen, 19. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Das Lexikon der untergegangenen Berufe (Taschenbuch)
Klar doch, schon die Tatsache, dass man einstmals seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte als Abtrittanbieter, Fischbeinreißer, Fingerhüter, Haarsticker, Schriftmaler, Salamikrämer oder Leimsieder -- schon das allein beim Durchblättern zu erfahren, macht Lust aufs genauere Lesen der vielen Artikel. Da werden nämlich oft genug nicht nur die evtl. sich wandelnden Bedingungen, körperlichen Besonderheiten (Stw.: "Albino", "Hofnarr", "Doppelmensch") und erforderlichen Fähigkeiten, Leumunde, Werkzeuge und Zunftzugehörigkeiten lebhaft geschildert, sondern auch ihre Lebensumstände, Bedeutung und soziale Stellung in ihren jeweiligen Gesellschaften.
Gelegentlich werden noch weitere Aha-Erlebnisse mitgeliefert: Allein schon das Wissen, was ein "Bandelkramer" außer dem Gevatter Tod auch noch war und trieb, macht die Lektüre von Kobells "Brandner Kaspar" noch amüsanter. Und Descartes machte sich nicht nur als Philosoph einen Namen, sondern auch als tüchtiger Landsknecht. Gut zu wissen. Hätte man früher schonmal wissen sollen, bei gewissen Anlässen.
Der Verfasser deutet es in seinem Vorwort bereits an: Berufe spiegeln auch die zeitgenössische Gesellschaft wider, ihre Moralvorstellungen, das Weltbild früherer Epochen, ihre Sitten und Moralvorstellungen, und eine so umfassende und fachkundige Schilderung ist sicher auch volkskundlich von Nutzen.
Aber, und das ist das Schöne dabei: Nicht nur wissenschaftlich Interessierten, ob nun vom Fach oder nicht, dürfte Rudi Pallas "Lexikon der untergegangenen Berufe" einiges zu bieten haben, sondern auch allen, die Sinn haben für mehr oder weniger Interessantes und Skurriles bzw. skurril Anmutendes. Es kommt noch besser: Dieses "Lexikon der untergegangenen Berufe" kann man trotz der alphabetischen Sortierung auch "einfach so" lesen wie eine spannende Erzählung, die viel Wissen vermittelt, ohne wichtig ("Schaut her, wie gelehrt ich bin!") herumzufuchteln. Der Anschaulichkeit halber wird gelegentlich sogar das zugehörige Werkzeug abgebildet. Auch der inwendige Handwerker kann also seine Phantasie von der Leine lassen.
Das "Lexikon der untergegangenen Berufe" beschränkt sich aber nicht auf den Effekt "Was, sowas gab's mal", was allemal die Lektüre gelohnt hätte. Als Zugabe findet man auch oft genug mehrseitige detaillierte Schilderungen, unterfüttert mit wunderbaren Anekdoten und Zitaten aus zeitgenössischen Berichten. Und dass die historisch bedingten Anfänge, Entwicklungen und Gründe für den Niedergang so schöner Berufe sich spannender lesen als so mancher pseudo-historischer Roman, das nimmt man ebenfalls erfreut zur Kenntnis.
Da öffnen sich nicht nur ganz neue Betätigungsfelder der eigenen Phantasie, sondern auch viel Wissenswertes über bekannt Geglaubtes: Klar doch, was beispielsweise ein Landsknecht, ein Bader , ein Postillion oder ein Abdecker so trieb, das weiß man doch -- von wegen! Palla rückt hier so manch liebgewordenes Klischee zurecht, und zwar so anschaulich, dass man sich gern belehren lässt. Die Schilderung von Steinmetzes Arbeitstag hat schließlich mehr zu bieten als viele Romane.
Damit immer noch nicht genug. Die mitunter ekstatisch betriebene Differenzierung eines Berufs, z.B. dem des Schmiedes, in die Unterabteilungen Helmschmied, Blechschmied, Drahtschmied, Kupfer- und Kupferhammerschmied, Messing- und Klingenschmied, Nagelschmied usw. usw. wirkt im ersten Moment "nur" skurril bis grotesk. Und dann schaltet sich das Hirn ein: Wir befinden uns vor aller Mechanisierung und Industrialisierung, und jeder Arbeitsschritt wollte bedacht sein. Ein guter Schmied musste mehr können als einfach irgendwie auf irgendwas draufhauen. Sachverstand, Materialkunde und Fachwissen en gros & et détail.
Das "Lexikon der untergegangenen Berufe" ist erfreulicherweise keine chaotische Gemischtwarenhandlung von bestenfalls befristetem Amüsement, sondern garantiert im Gegenteil langfristige Freude am Immer-wieder-Lesen.
Hinzu kommen im Anhang noch Hinweise auf die vielen Spuren, die vergessene Gewerke in vielen Familiennamen hinterlassen haben, und natürlich Register und Quellenangaben.
Bleibt die Frage: Ob die berufliche Weiterbildung zum Tonpfeifenmacher irgendwo gefördert wird?
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