Die Idee klingt nett: Mehr oder weniger nutzloses Wissen in Listen sortiert, nach 23 Themen. So weit, so gut. Wer wollte nicht schon immer wissen, wieviele Einwohner die kleinsten deutschen Städte haben, wieviele Studenten die kleinsten Universitäten und wieviele WM-Titel die Brasilianer? Will sagen: Die meisten Listen liest man, sucht vergebens die Pointe und vergisst das Ganze schnell wieder. Villingen-Schwenningen ist Deutschlands attraktivste Stadt? -- Na klar, da wohne ich ja auch nicht.
Fehlt nur noch die Liste der zehn klapprigsten Fahrräder in Lüdenscheid. Nun gut. Vielleicht hat man's ja mal mit einem hartnäckigen Nervtöter zu tun, den man irgendwie und ohne Anwendung physischer Gewalt loswerden will.
Um's kurz zu machen: Die Idee hat was und ist amüsant, aber die Ausführung ist's nur teilweise. Was interessieren mich die zehn deutschlandweit meistverkauften Parfums? -- Gut die Hälfte der Listen, wenn nicht noch mehr, wecken den Eindruck, dass erstens auf Teufel-komm-raus die Seiten zu füllen waren, dass das zweitens garnicht so leicht war und dass deswegen drittens alles reingestopft wurde, was nicht schnell genug auf die Bäume kam. Dies ist freilich nur meine persönliche Liste der drei wahrscheinlichsten Gründe, warum das "Lexikon der populären Listen" so reich an Seiten und Trivialitäten ist.
Das mit den Trivialitäten ist jetzt aber gemein?! Einige wenige Beispiele gefällig? -- Wohlan: Dass sich unter den zehn häufigsten Familiennamen hierzulande die Damen und Herren Müller, Schmidt und Schulz (und Konsorten) tummeln -- also, wer hätte das gedacht?! Dass die zehn ältesten Olympiasieger vornehmlich unter den Sport- und Bogenschützen zu finden sind, und nicht unter den Sprintern -- wow! Dass 93% der deutschen Hobbygärtner einen Gartenschlauch besitzen -- welch eine Sensation! Ähnlich geht's mir mit Rubriken, die sich wunderbar für gewisse TV-Formate eignen würden; Arbeitstitel "Deutschland sucht die Super-Infektionskrankheit" oder "Der katastrophalste Flugzeug-Container". Eine intellektuell hilfebedürftige Liste angeblich "vorhergesagter Katastrophen" gehört ins Handbuch der angewandten Verschwörungstheorie. Und wer ist der Zerberus an der Heiligen Hallen Pforte der "zehn einflußreichsten Menschen deutscher Sprache"? Wäre interessanter zu erfahren als die Liste selber. Dass Albert Einstein und Martin Luther reindurften in des Deutschen Mannes Olymp... also, das musste mal gesagt werden!
Noch ärgerlicher sind so brachialkomische Listen wie z.B. zehn Beispiele/"humorvolle" Definitionen/alternative Bezeichungen für Klotür-Sprüche/Professor/Handy: Anrufli, Protzfohn, Yuppielutscher... "Witz, komm raus, du bist umzingelt!", will man da rufen.
In dieser Art geht's allzu oft weiter. Der Trivialitäten leider kein Ende.
Dabei findet man unter all den eher popligen als populären Listen doch auch genug nahrhaftes Futter fürs neugierige und amüsierlüsterne Ich:
Sigrid Löfflers zehn schönste Fremdwörter; die Liste der hässlichsten zehn Zahlen von 1 bis 100; die 14 Nothelfer incl. Angabe ihrer diversen Zuständigkeitsbereiche; die Zusammenstellung von Deutschlands dümmsten Kriminellen (samt Erläuterung) oder die Auskunft, dass u.a. übers Gähnen, über die bayrische Form des menschlichen Schädels oder die "Rechtslage der einer Leiche in das Grab mitgegebenen Sachen" allen Ernstes mal promoviert wurde. Schließlich mein Favorit, die "zehn Aufreißertips aus der Bibel" (mit Erläuterungen) -- das Alte Testament ist wieder mal maßgeblich in allen Zweifelsfällen.
Für dieses "Lexikon der populären Listen" sprechen auch Entdeckungen wie z.B. die, dass man mit Klavierspielen 100 Kalorien pro Stunde verbraucht (also ran ans Klavier und feste geübt, Ihr übergewichtigen Pianisten aller Länder!); dass u.a. Pferdehochsprung, Hindernisschwimmen und Schwellstaffel-Rennen (was immer darunter zu verstehen gewesen sein mag) mal olympische Disziplinen waren, anno 1900 bzw. 1908; dass man 1996 Erich Honeckers graue lange Unterhosen ersteigern konnte; dass "King Lear" Anfang des 19. Jahrhunderts in England nicht aufgeführt werden dufte, weil der König geisteskrank war -- mal komisch, mal makaber, mal absurd, mal mögliche Steilvorlagen gar für richtig witzige Romane.
Mehr davon! Das liest sich amüsant, das will man sich merken, das deutet an, dass dieses Lexikon nach energischer Kürzung (und, wenn wir schon dabei sind, der Korrektur überdurchschnittlich vieler Flüchtigkeits- und Tippfehler) tatsächlich witzig hätte werden können.
Hätte es statt 416 Seiten so circa, sagmermal, deren 120, dann würde ich das Buch empfehlen. Aber es hat 416 Seiten.