Aus der Amazon.de-Redaktion
Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer und die Biologin Susanne Warmuth decken in ihrem Lexikon der populären Ernährungsirrtümer "Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten" zum Thema Essen und Trinken auf. Sie halten ein Plädoyer für einen gelassenen Umgang mit den Essgewohnheiten und ermuntern zum Vertrauen auf den eigenen Körper.
Wie schädlich ist Cholesterin wirklich? Schützt das regelmäßige Einnehmen von Vitaminen tatsächlich vor Krankheit? Das sind nur einige der Fragen, auf die die beiden Antwort geben. Wo von Ernährung gesprochen wird, das ist Chemie nicht weit, und auch in diesem Lexikon wimmelt es von "Radikalen" und "Antioxidanzien". Pollmer und Warmuth verstehen es jedoch, dem unerfahrenen Leser die chemischen Vorgänge auf einprägsame Weise plausibel zu machen. Mit einem Schuss Humor und einleuchtenden Vergleichen bringen sie Licht in das Wissensdunkel.
Ihr kritischer Blick fordert immer wieder auf, bestimmte Ansichten und Urteile z.B. bezüglich artgerechter Tierhaltung oder Genfood genauer zu betrachten als es gemeinhin üblich ist, um das Übel tatsächlich an der Wurzel packen zu können. Querverweise sowie detaillierte Quellen- und Literaturangaben erleichtern es dem interessierten Leser, sich weiterführend mit den jeweiligen Themen zu beschäftigen. Ein nützliches Buch für jeden und besonders diejenigen, die es satt haben, sich unnötig den Appetit verderben zu lassen. --Anne Hauschild
Kurzbeschreibung
Autorenportrait
Auszug aus Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. von Udo Pollmer, Susanne Warmuth. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Dieser Stoßseufzer eines Genießers bringt es auf den Punkt. Wir leben fürwahr in
lustfeindlichen Zeiten. Die Kirchenoberen werden nicht müde, nach dem Unterleib
ihrer Schäfchen zu greifen, und Ernährungsexperten aller Art verbieten uns jetzt
auch noch den Mund. Diätpäpste verkünden die neuen Ersatzreligionen und
versprechen das ewige Leben in jugendlicher Schönheit - sofern man denn ihre
Gebote befolgt. Sie missionieren gegen die Todsünden unserer Ernährung ( "zu
viel -zu süß - zu fett - zu salzig") und warnen gebetsmühlenhaft vor dem
nahenden Herztod durch das weichgekochte Ei, wie weiland die Pfaffen vor
Rückenmarksverlust durch Onanieren. Statt Ablaßbriefen für den wohlhabenden
Sünder verkaufen die modernen Prediger Vitaminpillen gegen die Angst vor
Impotenz und Alter, Formula-Diäten zum Design der Oberschenkel und Rotweinpillen
für Banausen.
Das Trommelfeuer an Ernährungsge- und -verboten wirkt. In den USA plagen sich
bereits Sechsjährige mit den ersten Diäten. Als Erwachsene zählen sie dann artig
ihre Kalorien, prüfen täglich mit der Badezimmerwaage die Standhaftigkeit ihres
Glaubens, handhaben die Kalorientabelle wie den Katechismus und beten jeden
Blödsinn über kalorienarme Butter, vitalisierte Rohkost und die mehrfach
ungesättigten Spekulationen der Experten für gesunde Ernährung nach.
Wären die Menschen aufgrund all der Ratschläge tatsächlich gesünder geworden,
niemand würde etwas sagen. Aber nach 40 Jahren unermüdlicher Gehirnwäsche im
Namen der Gesundheit lassen die Beweise für den Nutzen der Entsagung noch immer
auf sich warten. Statt dessen wächst die Zahl der diätgeschädigten Dicken und
der Eßgestörten. Bittere Ironie: Die einzigen, die es geschafft haben, sich mit
dem Verstand gegen den Körper durchzusetzen, sind die Magersüchtigen. Sie
kontrollieren jeden Happen und achten ständig aufs Gewicht. Sie kennen die
Kalorientabellen auswendig, kauen jeden Bissen zwanzigmal und essen nicht mehr,
als sie sich erlauben, egal, ob's Fritte, Pommes mit Mayo oder Mousse au
chocolat gibt. Ihr Wille hat gesiegt - aber um welchen Preis. Die
Umerziehungsversuche auf dem Gebiet der Ernährung müssen scheitern. Zum einen
ist der Appetit mit dem Verstand kaum steuerbar - auch wenn wir als wohlerzogene
Deutsche lieber an mangelnde Selbstbeherrschung glauben als an einen Mangel an
Genußfähigkeit. Essen ist ein Trieb. Nahrungsaufnahme, die Auswahl der Speisen,
der Appetit sind entwicklungsgeschichtlich älter als die Sexualität. Sie sind im
Instinkt verankert und dem Verstand, der Ratio, auf Dauer nicht zugänglich und
von ihm langfristig auch nicht steuerbar. Das Sexualverhalten des Menschen
erscheint dagegen noch vergleichsweise rational und beeinflußbar. Essen und
Trinken sind überlebenswichtige Grundbedürfnisse. Dies hat die Biologie so
festgelegt - ob es uns paßt oder nicht. Allein der Tatbestand, daß seit
Jahrzehnten Ratschläge auf Ratschläge folgen, Theorien auf Theorien, Diäten auf
Diäten, zeigt dem unbefangenen Beobachter, daß hier ein grundsätzlicher
Denkfehler vorliegen muß.