Aus der Amazon.de-Redaktion
Degen (nomen est omen) führt dabei eine ziemlich scharfe Klinge, vor allem an den Psychotherapeuten lässt er kein gutes Haar. Trotz ihres Standesdünkels reiche die Wirksamkeit psychotherapeutischer Techniken "nicht über jene von Aderlass, Geisterbeschwörung und Gesundbeten hinaus." Umso schlimmer, als das neue Psychotherapiegesetz die Allgemeinheit für solchen Humbug verstärkt zur Kasse bäte.
Weil Herr Degen so schön in Fahrt ist (was dem Lesevergnügen durchaus zugute kommt), schießt er bisweilen über das Ziel hinaus. So wirft er Psychotherapie und akademische Psychologie grundsätzlich in einen Topf, obwohl Psychotherapeuten gar nicht von den Universitäten ausgebildet werden und ein großer Teil dieser "Pseudoexperten" nicht Psychologen sind, sondern Mediziner, Pädagogen, Theologen etc.; einerseits attestiert er der Psychologie "Unfähigkeit" und "atemberaubende Ahnungslosigkeit" gegenüber ihrem Forschungsgegenstand, andererseits stützt er sich im Kampf gegen Psycho-Mythen und "kollektiven Selbstbetrug" vor allem auf wissenschaftliche Studien von Psychologen.
Mit schadenfroher Genugtuung verfolgt man zwar, wie da heilige Kühe der esoterischen Psychoszene geschlachtet werden, wie z.B. Meditation, Nahtod-Erfahrungen oder die Spezialisierung der Gehirnhälften (Logik versus Gefühl). Aber manchmal wirkt Degens Argumentation doch etwas effekthascherisch und einseitig. Bezüglich der Machtlosigkeit des elterlichen Einflusses werden z.B. aussagekräftige Langzeitstudien der entwicklungspsychologischen Bindungsforschung einfach ignoriert, weil sie dem Autor wohl nicht ins Konzept passen.
Dennoch liefert dieses Lexikon der Psycho-Irrtümer (das mit vierzehn, bis zu 45-seitigen Kapiteln allerdings keineswegs ein Lexikon ist) interessante Beiträge zu einer Debatte, die zwar nicht neu, aber nach wie vor spannend und unerlässlich ist. --Christian Stahl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.