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Degen (nomen est omen) führt dabei eine ziemlich scharfe Klinge, vor allem an den Psychotherapeuten lässt er kein gutes Haar. Trotz ihres Standesdünkels reiche die Wirksamkeit psychotherapeutischer Techniken "nicht über jene von Aderlass, Geisterbeschwörung und Gesundbeten hinaus." Umso schlimmer, als das neue Psychotherapiegesetz die Allgemeinheit für solchen Humbug verstärkt zur Kasse bäte.
Weil Herr Degen so schön in Fahrt ist (was dem Lesevergnügen durchaus zugute kommt), schießt er bisweilen über das Ziel hinaus. So wirft er Psychotherapie und akademische Psychologie grundsätzlich in einen Topf, obwohl Psychotherapeuten gar nicht von den Universitäten ausgebildet werden und ein großer Teil dieser "Pseudoexperten" nicht Psychologen sind, sondern Mediziner, Pädagogen, Theologen etc.; einerseits attestiert er der Psychologie "Unfähigkeit" und "atemberaubende Ahnungslosigkeit" gegenüber ihrem Forschungsgegenstand, andererseits stützt er sich im Kampf gegen Psycho-Mythen und "kollektiven Selbstbetrug" vor allem auf wissenschaftliche Studien von Psychologen.
Mit schadenfroher Genugtuung verfolgt man zwar, wie da heilige Kühe der esoterischen Psychoszene geschlachtet werden, wie z.B. Meditation, Nahtod-Erfahrungen oder die Spezialisierung der Gehirnhälften (Logik versus Gefühl). Aber manchmal wirkt Degens Argumentation doch etwas effekthascherisch und einseitig. Bezüglich der Machtlosigkeit des elterlichen Einflusses werden z.B. aussagekräftige Langzeitstudien der entwicklungspsychologischen Bindungsforschung einfach ignoriert, weil sie dem Autor wohl nicht ins Konzept passen.
Dennoch liefert dieses Lexikon der Psycho-Irrtümer (das mit vierzehn, bis zu 45-seitigen Kapiteln allerdings keineswegs ein Lexikon ist) interessante Beiträge zu einer Debatte, die zwar nicht neu, aber nach wie vor spannend und unerlässlich ist. --Christian Stahl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
21 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Warum es nicht auch mal von der anderen Seite betrachten?,
Von XXX (NRW) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Lexikon der Psycho-Irrtümer: Warum der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen läßt (Taschenbuch)
Dass bei diesem Buch die Rezensionen so dermaßen auseinander gehen, wundert mich überhaupt nicht. Behandelt dieses Buch doch ein sehr heikles Thema und vertritt eine ganz andere Sichtweise, als die meisten Bücher in der Sparte Psychologie bzw. Selbsthilfe.Der Autor studierte Psychologie, Soziologie und Publizistik. Er ist freier Wissenschaftsjournalist und schreibt für "Zeit", "FAZ", "Bild der Wissenschaften" und "Psychologie heute". Das Buch ist wie alle anderen Irrtümer-Lexikons unterteilt in mehrere Oberkapitel, welche wieder in kleinere Kapitel unterteilt sind, über denen dann der so genannte Irrtum bzw. die gemein läufige Behauptung steht. Es ist ein populärwissenschaftliches Buch und darum auch etwas "reißerisch" geschrieben und nicht immer ganz ausgewogen, aber gerade das fand ich außerordentlich erfrischend, weil diese Schreibweise sehr gut herauskristallisiert, worum es in den meisten öffentlichen Aussagen der Psychologie geht (z. B. in Medien im Zusammenhang mit Katastrophen), nämlich um Theorien. Und darum, dass sich viele Erklärungen der Psychologie selbst erschaffen, z. B. die Kindheitsdrama-Theorie nach Freud. Demnach muss jemand, der im Heute ein Problem hat, in seiner Kindheit kramen und dort ein Trauma finden, welches dieses Problem erklärt. Weil viele auch so, aus der Situation heraus Probleme haben, suchen diese verzweifelt nach so einem Problem und werden (wenn sie nur lange genug suchen) irgendwann fündig, um diese Theorie zu bekräftigen. Somit werden Erlebnisse plötzlich zu Kindheitsdramen, die als Kind noch gar nicht so empfunden wurden. Das nur als ein Beispiel. In vielen Rezensionen wurde gesagt: Degen (der Autor) hätte dieses oder jenes behauptet oder Degen sei der und der Meinung. Ich habe darum einige Passagen erneut gelesen und lese häufig an diesen Stellen lediglich, dass Degen vor den Sichtweisen und Behauptungen einiger Therapeuten warnt, da diese häufig nur sehr einseitig argumentieren. Z. B. sagen sie, dass ein bestimmtes Erlebnis garantiert zu einem schweren Trauma führt und dringenden einer Therapie bedarf, als Argumentierungsgrundlage würden sie gerne klinische Studien wählen, also Studien in Kliniken, wo sich Menschen freiwillig auf einen bestimmten Defekt hin behandeln lassen, ohne eine Kontrollgruppe, z. B. Menschen die die gleiche Hintergrundgeschichte haben und ein völlig problemfreies Leben führen, hinzuzunehmen. Über diese Warnung und häufig auch eine benannte Gegenstudie hinaus, lässt Degen sehr vieles offen, häufig sagt er selbst, dass es dazu noch nicht genügend Studien gibt. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Wahr oder nicht? Auf jeden Fall unterhaltsam.,
Rezension bezieht sich auf: Lexikon der Psycho-Irrtümer: Warum der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen läßt (Taschenbuch)
Ihr Leben ist verkorkst, weil ihre Mutter gemein zu ihnen war? Sie beschallen ihr ungeborenes Kind mit Mozart-Musik, um seine Intelligenz zu fördern? Sie argwöhnen, daß ihr merkwürdiger Nachbar an einem Ödipus-Komplex leidet? Wenn Sie all dies glauben, dann sind sie einigen Psychoirrtümern aufgesessen, behauptet jedenfalls der Autor Rolf Degen.Viele Erkenntnisse der Psychologie gehören heute zum Allgemeinwissen: Streßgeplagte sind Herzinfarktkandidaten, Verdrängen ist schädlich und Hypnose lindert Schmerzen. Nur leider sind diese Aussagen entweder nicht bewiesen oder durch empirische Studien widerlegt. Diese Behauptung stützt Degen durch zahlreiche Quellenangaben, die zwar genauso subjektiv ausgewählt worden sein mögen wie die Quellen, die Degens Gegner anführen, aber sie ermöglichen es dem Leser sich weiter zu informieren. Psychologen und Menschen, die eine Therapie in Anspruch nehmen wollen, mag dieses Buch deprimieren oder verärgern. Für alle anderen ist es interessant und unterhaltsam zu lesen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
22 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Skeptisch und knackig,
Von
Rezension bezieht sich auf: Lexikon der Psycho-Irrtümer (Gebundene Ausgabe)
Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie fundiert die Erkenntnisse der Psychologie als Wissenschaft vom menschlichen Verhalten und Erleben überhaupt sind? Rolf Degen hat nachrecherchiert und legt in diesem viel beachteten und kontrovers diskutierten Buch eine Einführung in die Welt der Psycho-Irrtümer und -Mythen vor. Seiner provokanten These zufolge werden diese Konstrukte gezielt oder fahrlässig von Psychologen, Psychotherapeuten und anderen „Seelenexperten" erzeugt, verbreitet und gepflegt - nicht zuletzt, weil man daran gut verdienen kann oder sich einer Denkschule verpflichtet fühlt.Degen kritisiert zunächst die Psychotherapieszene. Für viele Psychotherapeuten sind subjektive Zufriedenheitsbekundungen der Patienten wichtiger als Studien, durch die der Nutzen auch wissenschaftlich belegt werden könnte. Weiter prangert er ideologische Verkrustungen innerhalb von Therapieschulen an. Nur wenn diese überwunden werden, so der Autor, habe die Psychotherapie auch langfristig eine seriöse Perspektive. Interessant ist in diesem Zusammenhang sein Hinweis, dass sich in einem Vergleich die Nutzeffekte aller untersuchten Verfahren bei gleichem Krankheitsbild nur wenig unterschieden. Als Beispiel für fehlende wissenschaftliche Fundierung bzw. unkritischen Umgang mit dem eigenen Therapiemodell behandelt Degen die klassische Psychoanalyse nach Sigmund Freud. Diese hat scheinbar für alles eine plausible Erklärung, jedoch nur im Nachhinein. Zentrale Annahmen der Psychoanalyse, wie der Ödipuskomplex, die Lehre der sexuellen Phasen in der Kindheit oder gar das Konzept der Verdrängung konnten in ihrer Bedeutung für die Psyche empirisch nicht bestätigt werden. So hat die Psychoanalyse als Therapie oft weniger mit der Aufdeckung unbewusster Motive zu tun, als vielmehr mit einer aktiven Beeinflussung des Patienten durch die Theorie des Analytikers. Angesichts dieser Erkenntnisse fragt Degen zu Recht, warum die Psychoanalyse dennoch so beliebt zu sein scheint. Dazu schreibt er: „Die Psychoanalyse ist aber auch - wie alle großen Offenbarungen der Menschheit - ein Gedankengebäude, das die ultimative Erklärung für Kummer, Leid und Verzweiflung bereithält" (S. 14). Weiter weist Degen darauf hin, dass die Psychoanalyse sich gegenüber Kritik schon lange immunisiert hat und die Angewohnheit pflegt, Kritiker in Grund und Boden zu analysieren. Auch das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen spricht aufgrund von Wirksamkeitsstudien gegen die Langzeittherapie Psychoanalyse. Warum Therapien mit bis zu 300 Stunden, wenn 50 ausreichen? Ein sehr interessanter Mythos ist das spätestens durch Hollywoodfilme bekannte Krankheitsbild der „Multiplen Persönlichkeiten". Dabei sollen zwei oder mehr separate, unabhängig agierende Persönlichkeiten in einer Person stecken. Die Idee ist nicht neu; sie wurde bereits 1886 von dem Schriftsteller Robert L. Stevenson in seinem Roman „Dr. Jekyll und Mr. Hyde" umgesetzt. Als Diagnose wurde die Multiple Persönlichkeitsstörung 1973 durch den sensationellen Fall der „Sybil" in den USA bekannt. Sage und schreibe elf Jahre dauerte die Behandlung und es wurden nicht weniger als 16 Persönlichkeiten entdeckt. Der Mythos, der dahinter steckt, lautet: „Multiple Persönlichkeiten werden durch (sexuelle) Misshandlung in der Kindheit hervorgerufen." Das Kind ziehe sich nach dieser schrecklichen Erfahrung aus der Welt zurück und erzeuge weitere Persönlichkeiten, die sich durch Liebenswürdigkeit auszeichnen und die scheinbar böse Hauptpersönlichkeit verdrängen. Die Teilpersönlichkeiten existieren parallel zueinander und werden durch eine Amnesie-Barriere voneinander getrennt. Die Menschen haben nicht die geringste Ahnung von ihrer traumatischen Vergangenheit und erfahren davon erst im Laufe ihrer Therapie, oft unter Einsatz von Hypnose und Beruhigungsmitteln. So plausibel diese Theorie auch klingen mag, sie ist ein Paradebeispiel pseudowissenschaftlichen Vorgehens. Jeder sorgfältig untersuchte Fall führte zu dem Schluss, dass eine Pseudodiagnose vorlag, hervorgerufen von dem Therapeuten. Nicht einmal die Annahme, dass schreckliche Erinnerungen verdrängt werden, konnte empirisch bestätigt werden. Auch die Hypnose wird von Degen kritisch hinterfragt. Das Fazit seiner Recherche lautet, dass alle spektakulären Handlungen unter Hypnose ebenso im Wachzustand möglich seien. Dazu müssen drei Voraussetzungen erfüllt werden: 1. der Wunsch, dem Versuchsleiter/Hypnotiseur einen Gefallen zu tun, 2. die Überzeugung, dass die Handlung nicht gefährlich ist, und 3. die Überzeugung, dass die Verantwortung für die Konsequenzen beim Versuchsleiter/Hypnotiseur liegt. Es wird auch gerne versucht, mit Hilfe von Hypnose verschüttete Gedächtnisinhalte zu reaktivieren. In Experimenten konnte jedoch kein Beweis für solch eine Wirkung festgestellt werden. Ganz im Gegenteil, die Anfälligkeit für Täuschungen und Suggestionen wächst. Die Hypnose bleibt ein spannendes und kontrovers diskutiertes Phänomen. Ihre Anhänger versuchen gelegentlich, die wissenschaftliche Fundierung dieser Methode durch eine bewusste Abgrenzung gegenüber den Täuschungseffekten bei der so genannten Showhypnose zu untermauern. Nach der Lektüre dieses Kapitels kommen jedoch berechtigte Zweifel auf, ob dies zur Rechtfertigung solcher wissenschaftlicher Ansprüche genügt. Das Buch behandelt noch zahlreiche weitere spannende Mythen, etwa über die läuternde Wirkung von Nahtodeserlebnissen, oder die Behauptung, wir nutzten nur 10% unseres Gehirns. Auch der dominante Einfluss der Erziehung und die psychosomatischen Ursachen von Krankheiten werden kritisch hinterfragt. Rolf Degen hat sich durch sein Hobby, die Entkräftung hartnäckiger Irrlehren, Denkfehler und Mythen durch systematische Argumentation, viele Feinde gemacht, darunter Anhänger der Psychoanalyse, aber auch der Bewegung der Transzendentalen Meditation. Letztere soll ihm brieflich sogar Rache angedroht haben, und zwar auf „parapsychologischem" Wege. Bisher hat Rolf Degen davon Gott sei Dank noch nichts gespürt. Das Buch ist jedoch hier und dort auch mit Vorsicht zu genießen. Es besteht die Gefahr, dass durch den sicherlich verkaufsfördernden Schreibstil das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, da einige Mythen nicht kritisch gewürdigt sondern nur aus einem gewissen Winkel betrachtet zerlegt werden. Das Buch erfüllt insgesamt jedoch eine wichtige Funktion. Es hinterfragt Konzepte, die sowohl in der Öffentlichkeit als auch von vielen Psychotherapeuten/Psychologen unkritisch akzeptiert und verbreitet werden. Damit gehört es zu den besten populärwissenschaftlichen Büchern in diesem Feld. Die Literaturquellen sind angegeben und wecken das Interesse an einer intensiveren Beschäftigung mit dem einen oder anderen Thema. Ein sehr anregendes Buch, das sich an eine breite Leserschicht richtet. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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